Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 14.1896

Page: 162
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Klosterketlen die Fußeisen, in denen man
lang den sechsten Bender Hans herum-
lanfen ließ, und die lange Weigerung, den
(achten) Bruder Zerler seinem Wunsche
gemäß frei zu lassen. Damals hatte man
eben noch andere Begriffe von Freiheit
und Selbstbestimmung und gab nicht jeder
Laune nach. Zm Mittelalter gab es überall,
auch in Städten, Privatgefängnisse und
Privatgefangene, namentlich sperrte man
Irre so ein und die Obrigkeit bekümmerte
sich nicht um sie (Kriegt). Noch merkwür-
diger aber ist die Erscheinung, daß ein Bru-
der, Ferber (Nr. 3), noch außerhalb des
Klosters auf dessen Kosten leben wollte, nach-
tein er ihm den Rücken gekehrt. Sollte er
nicht ganz freiwillig gegangen sein? Fast
möchte man es zwischen den Zeilen lesen.
Denn sonst hätte er doch seine sonderbare
Forderung nicht vor Gericht vertreten kön-
nen. Freilich wurde er mehrmals abgewiescn,
sowohl von dem bischöflichen Gericht in
Augsburg, das offenbar allein kompetent
war, als von Eichstätt. Dagegen gab
ihm Brandenburg-Ansbach recht — hier
herrschte eben bereits der Geist der „evan-
gelischen Freiheit", wonach die dermaligen
Klosterinsassen eine Art dingliches Recht
ans den Unterhalt hatten, mochten sie nun
leben wo immer. Auffallend ist aber
wieder, wie Ansbach sich eine Art Juris-
diktion über ein rein Oettingisches, niemals
strittiges Gebiet anmaßen tonnte. Auch
die Erben des verstorbenen Bruders ver-
folgten seine vermeintlichen Rechtsansprüche
in Ansbach, wurden aber endlich abge-
wiesen. Als Grund seines Austritts wird
die Unverträglichkeit mit einem Bruder
genannt — das ist ein gewöhnlicher Grund
auch bei unfreiwilligen, Austritt und es
spricht sich darin eben die Thatsache aus,
daß der Betreffende keinen Klostergeist hat. !
Sehen wir von dem vierten (Wolfgang)
ab, dessen Austritt durch Geistesschwäche
oder Geisteskrankheit erklärt wird, so machen
den besten Eindruck der erste und letzte
der hier anfgezählten Brüder, Dvcklin und
Zerler. Beide waren Priester — alle
übrigen scheinen Laienbrüder gewesen zu
sein — einer, Hans, des Juden Sohn,
war Bierbrauer und Fischer. Nur jene
zwei waren geistlich, der letztere (Zerler)
wurde es erst im Kloster — ein Geselle
(bursnrius, Student) lehrte ihn Latein,

und dieser Geselle durfte bei ihm im Kloster
ans dessen Kosten leben! Welch' einfache
Sitten! Sehr einfach scheinen auch die
Ansprüche an den Weihekandidaten ge-
wesen zn sein. Die entfernte Vorbereitung
war sehr dürftig und vermutlich war auch
die nähere Vorbereitung, wie man sie heute
verlangt, nicht weniger dürftig: fehlte sie
ja doch noch in unserem Jahrhundert und
verbrachten z. B., wie mir der hochwür-
digste Bischof von Eichstätt, Frhr. von
Leonrod, erzählte, die von allen Universitäten
und andern Anstalten zusammengeströmten
Kandidaten der Eichstätter Diöcese die
Nacht vor der Weihe beiin studentischen
Kommerse! Trotzdem seien sie aber nach-
her oft recht wackere Geistliche geworden.
Sehr schlau benahm sich der Bauer
— vermutlich ein Maihinger — welcher
den Bruder Jörg Nenwer erblickte, wie
er sich abmühte, über die Klostermancr
zu kommen — die Mauer war ziemlich
hoch, viel höher als zur Zeit der Mino-
riten, wie ans der Abbildung des alten
Klosters bei Binder hervorgeht. Sonst
zeichneten sich die Bauern oer Umgebung
in jener Zeit weder durch besondere
Klostersrenndschaft noch Schlauheit ans
(vgl. ihr Benehmen im Bauernkrieg bei
Müller, Der Bauernkrieg in Nies und
in des Verfassers Oettingsche Reformations-
geschichle S. 2 ff.).
Ich lasse nunmehr den Bericht der
Watb. Schefflerin folgen, versehen mit
kurzen Anmerkungen. Zum Verständnis
des übrigen ist das Werk von Binder
nachznsehen.
Der erste mit Namen Herr Niko-
laus Döcklin von Wassertrüdingen,
ein gelehrter Mann, konnte wohl pre-
digen, aber leider! das Wort erzeigt sich
an ihm, die Kunst bläht auf und der
Buchstabe tötet, aber der Geist des Herrn
mach leben sein Seel ewiglich. Kein
Bruder im Konvent war ihm genug ge-
lehrt, er verachtet sie und sprach, es
sollten Pöfelslent und Narren hereinkommcn.
Mit dem macht er ihnen und andern viel
Unfried mit seiner Stolz- und Eigen-
willigkeil. Gott vergcb'S ihm und laß es
seine Seel nicht entgelten. Bald nach
dem Jahr seines Eingangs fiel er über die
Mauer s— sprang aus und) zog ge» Nom
und als man uns sagt, lebt er dann drei
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