Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 15.1897

Page: 125
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unter anhoffendem Beitritt vvn Oesterreich und
der Neictisritterschaft vvrznnehmen, sondern noch
mittler Zeit Patronillen abzuordnen, welche in
gewissen verglichenen Distrikten die Straßen be-
reiten, auch in die Dörfer, einzelne Höfe, Schenk-
nnd Wirthshänser so Tag als Nachts nnsgehen,
nm das verdächtige Gesind aufzuhebeii." „Wozu
den (nach Artikel XVI) ein jeder Hoch- und
löbl. Stand, wo der Streif gegen sein Territo-
rium amiahet, und ihm von den vorgelegenen
Beamten die Notification davon geschiehst, seine
Contingentien zu Fuß und zn Pserd parat zn
Hallen, damit solcher unter Anfbiet- und mit
Beziehung des Laudausschnßes und anderer
bewehrter Mannschaft, svndcrheitlich aber auch
der Jägerei zn Durchstreifung der Waldungen,
nach vorheriger Besetzung der Brücken und an-
derer Passagen bis an allerseitige Grenzen des
Kreises in uno tracUu dergestalt fortgesetzt wer-
den könne, daß niemand Verdächtiges hindurch-
gelassen, diejenigen aber, welche sich gewaffneter
Hand widersetzen, sogleich auf der Stelle todt-
geschoßen werden." Dabei solle jeder Obrigkeit
nach Artikel XVII die Bestrafiuig eines znge-
liefcrten Verbrechers „nach seinen hergebrachten
Rechten lediglich Vorbehalten", jedoch weiter (nach
Artikel XVIII) gestattet sein, „die Jurisdiction
möge hingehören, wo sie wolle, die Straßen,
einschichtige Oerter, Schenk- und Wirthshänser,
auch alle Gegenden, wo etwas Verdächtiges zu
vermuthen, zu besuchen und zu durchstreifen,
ohne daß es jemandem an seinem Recht und
Gerechtigkeiten, wie sie Namen haben mögen,
präjndicire, aber in Zukunft pro actu posses-
sorio angeführt, sondern Alles pro non taoko
gehalten werde." Artikel XX und XXI regeln
dann die Belohnungen und Prämien aller Indi-
viduen, die zur Entdeckung nnd Habhaftmachen
dieser Verbrecher etwas beitragen, folgender-
maßen: „ . . . Also hat man auch vor billig
angesehen, daß diejenigen, so zu Beifangnug
solcher verruchten Leute etwas beitragen, dieselbe
offenbaren und angeben, nicht unbelvhnt bleiben,
maßen denn derjenige, so einen Jauner oder
Zigeuner entdecket, daß man dessen habhaft und
die Justiz mit der Todesstrafe an ihm vollzogen
werden kann, nebst Verschweigung seines Namens,
vor jede Person von den Distriktsverwandten
10 fl., vor eine andere betrügerische Person aber
2 fl. haben und wenn ein solcher Dennnciant
von der Bande selbst wäre, nnd die Entdeckung
freiwillig rhäte, neben solcher Belohnung auch
noch sicher Geleit und Pardon, auch bewandten
Umständen nach noch Mehrercs genießen solle.
Wie denn ferner (nach Artikel XXI) denen Sol-
daten dasjenige, was bei den Jaunern und Zi-
geunern vorgefunden wird, hinfurv, wenn solches
erst vvrherv der -Obrigkeit eingeliefert worden,
weil dadurch das corpas ckelicti viel ehender
an den Tag gebracht werden kann, nach Befinden,
und da sich kein Eigenthnmer dazu meldet, wohl
überlaßen werden kann."
In Ausführung aller dieser sehr eingehenden
Maßregeln gegen das Jauner- und Gauucrvolk
wurde der ganze Kreis in eine Reihe vvn
Streifen eiugeteilt, darunter in eine „Streifs
jenseits der Donau bis au den Boden-See" und
in eine „zwischen der Donau, Iller und dem

Lech". Erstere umfaßte wieder 20 Distrikte,
nämlich: Altshanser, Biberacher, Buchauer, Kvn-
stanzer (Neichenauer), Fiirstenberger in der Baar,
Friedberg-Scheerer, Hechinger, Ochsenhanser,
Laudvogteilicher (Weiugarter), Linzgauer oder
Mörsburger, Kemptener nnd Tranchburgscher,
Montfort und Lindauscher, Marchthaler, Sig-
maringer, Sulzscher (Landgrafschaft Klettgan,
Stichlingen und St. Blasien), Rottweiler und
Kouzeuberger, Rvttenburgscher, Truchseßscher
Kreis. — Am Schlüsse des umfangreichen Akten-
stückes (in Artikel XXII) ist noch der schädlichen
Wilderer und Wi ldp rel s ch ü tz eu gedacht,
„welche die Forstbedienteu öfters auf Leib und
Leben angehen" nnd die allgemeine Ermahnung
„an allen und jeden llnterthau", diesen Leuten
keinen Unterschlanf zu geben, „nachdrucksamst"
wiederholt. Freilich grassierte in Oberschwaben
damals das Wildschützeunnwesen in bedenklichem
Grade, dessen würdiges Seitenbild im 19. Jahr-
hundert bis zur Einführung des Zollvereines
das Schmugglerium war. Angesichts manches im
Dunkel des Waldes gesunkenen Leichnams mußte
mau auf den traurigen Gedanken kommen, daß den
Jägern ein Nehbock vft mehr galt als ein Mensch!
Wie schauerlich weit mau um die Mitte
des vorigen Jahrhunderts in der Straf-
rechtspflege, sowohl im allgemeinen, als
speziell ans dem Gebiete deö Jagdstraf-
rechts zurück und zum Teil noch aller
Humanität bar und im vollen Bann der
Carolina war, zeigt folgender Fall aus
Kempten, wo an vier Wildschützen um
den Anfang des Jahres 1743 eine fürchter-
liche nnd an geistlichen Höfen sonst un-
gewöhnliche (!) Prozedur vorgenommen
nnd mehreren von ihnen als unverbesser-
lichen Wilderern auf öffentlichem tftcmtro
die Flachsen abgeschnitten nnd sie zn
Krüppeln gemacht wurden. Fast ein gleiches
ist an unserem berufenen und schon öfter
eingelegeuen „Jägertoni", d. j. Anton
Heinrich zu Sigmariugen, vollzogen
worden; er wurde wegen fortgesetzter
Wilderei zum Tode verurteilt nnd saß
auch bereits auf dem „Stuhl", seinen
Kopf zu verlieren. Er wurde aber par-
douuiert und sind ihm nach geschehener
Aderlässe der Zeig- und mittlere Finger
wegen seiner „Wildschüsse" abgehauen
worden. Er kam nachmalen nach Sch.
und ließ sich bei unserem Barbier Trunk
verbinden. Dieser Mann war sonst ans
dem nnS gehörigen Weiler Hopferbach und
von Reichenbach gebürtig und vormals
unser Jäger, ist aber wegen Untreue ab-
geschafft und aus der Herrschaft gejagt
worden. Mit diesem „Jägertoni" nahm
cS später, wie ein weiterer Chronikeintrag
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