Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 17.1899

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oder eine allegorische Figur, oder ei»
Symbol, oder ein Emblem, mit einem
Heiligenscheine oersehen werden dürfe?
Der Taube, wenn sie den heiligen Geist
sinnbildlich oder emblematisch darstellt,
wird gewöhnlich der Nimbus gegeben und
zwar nicht selten zweifach: 1. um den
Kopf der Taube und 2. die ganze Gestalt
derselben schwebt in einer goldenen Glo-
riole. Dagegen kann man nichts sagen.
Wenn aber im Stadtwappen der Stadt
Oppenheim am Rhein der schwarze einfache
Adler in Gold mit einer Gloriole nm den
Kopf gezeichnet wird, oder wenn man
jedem der Köpfe des Doppeladlers des
römisch-deutschen Reiches einen goldenen
Nimbus giebt, wie das vom 16. Jahr-
hundert an bis zur Gegenwart geschieht,
so ist das gewiß als unzulässig zu bean-
standen. Daß der Adler in dem Wappen
ursprünglich eine Taube (des heiligen
Geistes) war, ist richtig und insofern kann
der Nimbus nm den Kopf des heraldischen
Adlers als eine mißverstandene Reminis-
zenz vielleicht etwas entschuldigt werden.
Man findet nicht selten, um den Kopf
des Lammes, welches die Auferstehungs-
fahne hält, ebenso den Nimbus, wie der
Heiligenschein um die segnende oder schwö-
rende Hand (das Sinnbild von Gott
Vater) gelegt ist. Anders verhält sich
aber die Sache mit den sogenannten vier
symbolischen Gestalten oder den Evange-
listen-Allegorien. Diese sind Allegorien
für die Vervollkommnung der menschlichen
Seele und ihrer Fähigkeiten. Hier ist eS
zweifelhaft, ob man einen Nimbus an-
wenden darf. Jedenfalls ist es schwer, zu
rechtfertigen, wenn man dem geflügelten
Menschen, Adler, Stier und Löwe einen
Nimbus beilegt. Die Farbe des Nimbus
ist ebenfalls schon Gegenstand der Erör-
terung geworden. Auch hier bieten sich
bei der Erklärung große Schwierigkeiten.
In Miniaturen, welche um 1250 von
Cisterciensern gemacht find, kommt der
Erzengel Michael mit silbernem Nimbus,
der hl. Nikolaus mit solchem von Lila-
sarbe vor; der hl. Martinns hat eine
rote Gloriole, die hl. Katharina einen
blauen, die hl. Barbara einen karminroten
Heiligenschein; der hl. Maria wird ein
zinnoberroter, dein Christuskind ein schwefel-
gelber Heiligenschein, Christus selbst bei

der Geißelung ein karminroter Nim-
bus beigelegt. Bei der Taufe im Jordan
hat Christus einen roten, Johannes einen
grünen und der Engel, welcher die Kleider
hält einen blauen Nimbus. Beim Kanon-
bilde (Kreuzigung) hat in jenen Miniaturen
Christus die lila, Maria die rote und
Johannes Evang. die grüne Gloriole; als
Weltrichter kommt Christus dort mit dem
blauen Nimbus vor. Noch auffallender
ist es, daß in jenen Darstellungen bei der
Anuuntiatio der Engel ebenso wie Maria
einen grünen Heiligenschein hat.
Was S. 52 über den quadratisch en
Nimbus lebender Personen gesagt wird,
könnte insofern in Zweifel -gezogen
werden, als es näher liegt, jenes halbe
Quadrat für einen Fächer (ünbellnm) zu
erklären. S. 50 in der Anmerkung hat
Herr D. Zlorin mit „Schild" übersetzt,
was unrichtig ist; denn Zlorin heißt
Helmzier, Helmschmnck.
Das unglückliche Vorurteil, daß die
kirchliche Baukunst nicht in das Bereich
der christlichen Ikonographie gezogen wer-
den dürfe, hat dem ersten Bande von
Detzel viel Eintrag gethan. Man mag
die christliche Ikonographie definieren, wie
man will, über die Schwierigkeit kommt
man nicht so leicht hinweg, wie man die
Frage zu beantworten habe, was soll denn
geschehen, wenn man die christliche Kirchen-
baukunst ans der Kunstwissenschaft aus-
schließt? Soll die christliche Ikono-
graphie die Bildersprache von Heiligem
sein, wie römisch-katholische Priester meinen,
weshalb spricht man dem Raume, in welchem
das Allerheiligste aufbewahrt und zur
Verehrung ausgestellt wird, die Fähigkeit
ab, eine Bildersprache führen zu können oder
zu dürfen? Sodann weshalb leugnet man
die Eigenschaft eines Kunstwerkes bei der
christlichen Kirche weg? Wenn jedes kirch-
liche oder religiöse Gemälde oder jedes
plastische Kunstwerk an einer Kirche seine
Entstehung dem betrachtenden Gebete des
Malers, Zeichners oder Bildhauers ver-
dankt, weshalb soll das betrachtende Gebet
des Architekten diesen nicht auch befähigen,
ein christliches Kunstwerk in seiner Kunst
zu schaffen? Die Wohnung für den sa-
kramentalen Christus will man in der Liste
der Kunstwerke streichen und bestreitet der
ersteren das Recht, in der christlichen Jko-
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