Beck, Paul [Hrsg.]; Hofele, Engelbert [Hrsg.]; Diözese Rottenburg [Hrsg.]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 17.1899

Seite: 16
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dioezarchivschwab1899/0024
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
»ographie genannt oder besprochen zu wer-
den. Das ist im Grnnde genommen eine
höchst bedenkliche Degradation des sakra-
mentalen Christus der römisch-katholischen
Kirche. Dann kann zwischen einem römisch-
katholischen Gctteshause und einem Betsaale
der Calvinisten kein architektonischer Unter-
schied mehr bestehen.
Die Idee, welche irgend einer bildlichen
Darstellung zu Grnnde liegt, macht aus
derselben ein Kunstwerk. Daß die Ge-
danken und religiösen Betrachtungen über
den Lebensgang des einzelnen Menschen,
über die via. purALkiva, illuminLtivL und
uiritivn, über das Streben nach sittlicher
Vervollkommnung und nach Vereinigung
der Seele mit Gott, über den Kampf
gegen die Sünde und die Versuchungen
der Welt auch hohe Ideen und Ideale
seien, wird man nicht leugnen können.
Der Architekt, welcher durch Gliederungen
der Räume und Ausschmückung derselben
diesen Ideen Ausdruck giebt, soll also
keine Kunstwerke, auch keine christlichen,
Hervorbringen können? Das kann kein
vernünftiger Mensch und am allerwenigsten
ein Gebildeter oder Theologe behaupten.
Für den Ausdruck seiner Ideen hat der
Architekt Raum und Flächen. Er kann
seinen Ideen Ausdruck geben, im nmor-
tissement des Turmes, in dem Portalbau,
in den Säulen, in der Kuppel, in der
Fassade n. s. w. Aus allen diesen Teilen
einer Kirche, wie aus dem Grundrisse muß
man die Begabung, die Kenntnisse und die
Ideen des Architekten herausfinden. Dazu
soll ein Handbuch der christlichen Ikono-
graphie die Anleitung geben.
Es muß dem Leser des Detzelschen BucheS
aufsallen, daß in keinem Abschnitte des-
selben die Ikonographie des Reiches Gottes
ans Erden und der Kirche Christi und
deren Geschichte auch nur erwähnt wird.
Zunächst erwartet man nach dem ersten
Kapitel und vor der Ikonographie der
hl. Maria die Ikonographie des Reiches
Gottes, wie solches vom Propheten David
in seinen Psalmen und von anderen Pro-
pheten geschildert wird. — Christus hat
in seinen Reden mehrmals in Bildern und
ohne solche vom Reiche Gottes gesprochen,
so daß man sagen darf, die Evangelien-
bilder betreffen zum größten Teil die
Gleichnisse, welche Christus vom Reiche

Gottes vorgetragen hat. Wollte man also
die Ikonographie des erwarteten Reiches
Gottes auf Erden oder des himmlischen
Reiches Christi geben, so mußte man die-
jenigen Knnstprodukte besprechen, welche
die bildlichen Darstellungen der Psalmen
in Miniaturen, in Wandmalereien oder
in Skulpturwerken enthalten. Da kommen
neben den Katakombenbildern und neben den
Evangelien-Perikopenbildern mehrere vor, die
nur auf das verheißene messianische ReichBe-
zug haben. Es entsteht die Frage, wo
sollen nach Herrn Detzels Einteilung der-
artige Bildwerke, die sich auf das Reich
Gottes, auf die sichtbare und die unsichtbare
Kirche u. s. w. beziehen, besprochen wer-
den? Man durfte erwarten, daß die
Zeichnungen von Albrecht Dürer von 1515,
welche im olticium Narinnuirr (Gebetbuch
Kaiser Maximilians) enthalten sind, in
einer christlichen Ikonographie genannt
werden. Jene in den Marginal-Minia-
tnren niedergelegten Zeichnungen hätte
Detzel benützen sollen. Man lernt aus
demselben die mittelalterliche katholische
Auffassung und Auslegung der Psalmen.
Auf diesen letzteren baut sich das ganze
Bild vom Reiche Gottes eigentlich auf.
(Fortsetzung folgt.)

LitrerarischeF.
Piper, O., Die Burgruine Wertheim a. M.
und vr. Wibels Buch. Würzburg, 1896,
A. Stübers Verlag, gr. 8". IV und 52 S.
M. 1.—.
Diese Schrift bildet im wesentlichen eine Ab-
wehr gegen einen Angriff, welchen vr. Ferd.
Wibel in seinem Werk: „Die alte Burg Wert-
heim a. Bi." gegen Piper, den Verfasser des im
Jahre 1895 erschienenen Werkes: „Vurgenkunde"
richtet. Mit einer von eingehendstem Studium
und gründlichster Kenntnis des Berührten zeugen-
den Sicherheit, die nur einem auf dem Gebiete
unbedingt heimischen Manne wie Piper als
anerkannter erster Autorität eigen sein kann,
weist dieser die gegen ihn erhobenen Angriffe
zurück, ohne sich jedoch auf die ursprünglichen
Streitpunkte zu beschränken. Er unterzieht viel-
mehr das in dem Wibelschen Werke über die
Burg Wertheim Gesagte einer näheren Kritik
und läßt besonders jenen Fragen, welche für die
allgemeine Bnrgenkunde von Jntereste sind, eins
zumeist eingehende Behandlung zu teil werden.
Die dabei zunächst bezüglich der genannten Burg
gefundenen Ergebnisse sind fast ausnahmslos
völlig andere als die von Wibel entwickelten.
Sonach wird die Schrift auch für die Erforscher
und Freunde unserer Burgen überhaupt von
nicht geringem Interesse und Wert sein.

Stuttgart. Buchdrucker« der Akt.-Ges. „Deutsche? Volksblatt".
loading ...