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Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 17.1899

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Mone, Fridegar: Hans Holbein d. J. in Konstanz 1514, [1]
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https://doi.org/10.11588/diglit.15869#0061

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Theatercoulissen und den Hintergrund der
Scene u. m. a. So kenn es, das; man
im Urteile schwankt, ob bei ihm mehr die
lyrische Auffassnng der Außenwelt, oder
ob die dramatische vorherrschte, oder ob
die humoristische oder kritische, oder die
historische Kunstform seine Stärke war.
Ein selten vielseitiges Talent kann man
ihm nicht absprechen. Um aber seine
geistige Begabung als Künstler richtig und
objektiv beurteilen zu können, muß man
die Eindrücke seiner Jugend und den Um-
gang mit Männern verschiedener GeisteS-
richtung kennen lerne».
Für die religiöse und geistige Entwick-
lung von Hans Holbein d. j. vom Jahre
1514—19, insbesondere für die mystische
Auffassnng des menschlichen Lebens, seine
letzten Ziele, des Todes und der Passion
Christi waren die Schriften des Ii)r. Jo-
hann Geiler von Kaisersberg 1445 bis
1510 von großem Einflüsse. Die An-
sichten dieses letzten mittelalterlichen My-
stikers nnd Reformators innerhalb der
Kirche selbst, waren schon vor Geilers Tod
1510 allgemein verbreitet. Insbesondere
wurden Geilers Predigten in Basel, Frei-
bnrg nnd Straßburg nach dessen Tod von
1511— 18 gedruckt und viel gelesen. Die
Männer, mit welchen der junge Holbein
1514—19 auf seiner Wanderschaft ver-
kehrte, haben Geilers Schriften wohl ge-
kannt. Es ist deshalb auch nicht schwer,
in den Holbeinscheu Zeichnungen und Kom-
positionen manches heranszufinden, was er
ans Geilers Predigten und Schriften ent-
lehnt hatte.
Als 1517 nnd 1518 Hans Baldung
Grien das Buch von Geiler: „Die Sünden
des Mundes" mit Holzschnitten illustrierte,
hielt sich Hans Holbein in Basel, Luzern
und am Oberrhein zwischen Konstanz und
Basel auf. Die zahlreichen Illustrationen
von verschiedenen Zeichnern, welche von
1512— 18 in Basel und Straßburg zu
Geilers Schriften gemacht wurden, fallen
in die Zeit, als Hvlbein sich geistig zu
einem selbständigen Künstler und Denker
entwickelte. Seinem angeborenen Talente
entsprachen auch die Züge des grotesken,
satirischen und komischen Humors in Geilers
Predigten.
Was die Mystik von Hans Holbein d. j,
betrifft, so finden sich auf seinen Gemäl-

den soviel Züge und Einzelheiten, daß
man nicht in Abrede stellen kann, er habe
die Vorstellungen der Mystiker des 14.
und 15. Jahrhunderts gekannt. "Wer hierin
sein Lehrmeister gewesen ist, oder ob er
selbst durch das Studium der Bibel (Altes
nnd Neues Testament) oder durch eigenes
Nachdenken, oder durch den Umgang mit
humanistisch (philologisch) gebildeten Theo-
logen, oder durch Geilers Predigten allein
vahin gelangte, die typischen und anti-
typischen Gegenüberstellungen herauszu-
finden, kann man hier übergehen.
Die Verwendung der Jachin und Booz-
sänlen des Salomonischen Tempels in seiner
Architektur des Hintergrundes, bei der
Geißelung und bei Christus im Elende,
sind so auffallend, daß man eine Absicht-
lichkeit kaum leugnen kann. Ebenso ist
die zugemauerte Thüre, die porku cluusu,
beim letzten Abendmahle in Basel zu auf-
fallend, als daß man an zufällige Deko-
ration oder Künstlerlanne denken kann.
Man hat es (wohl mit Unrecht) bei
Holbein d. j. getadelt, daß er auf dem
Bilde, das letzte Abendmahl Christi mit
seinen Jüngern, die Darstellung gewählt
habe, wie Jesus dem Judas Jskariot ein
Stückchen Fleisch reicht. Gewöhnlich
nimmt man an, Jesus habe ein Stückchen
Brot in die Sauce getaucht und dem
Judas dargereicht. Detzel in seiner christ-
lichen Ikonographie, I, S. 350, nennt
diese Darstellung Holbeins „einen wahren
Hohn auf den heiligen Vorgang". Be-
trachtet man aber die Holbeinsche Dar-
stellung vom Standpunkte der christlichen
Mystik und der Theologie, so liegt darin
kein „Hohn", sondern eine richtige und
begründete Bedeutung. Judas ist der
letzte Jsraelite, der bei einer liturgischen
Handlung in der Feindschaft gegen den
Glauben an Christus als den wahren
Messias verharrte nnd am Mosaischen
Passah-Lamme festhielt. Er erhält deshalb
einen Ueberrest vom Passah-Lamme, weil
er nicht würdig ist, vom Opferlamme des
Neuen Bundes etwas zu genießen. —
G. Knackfuß in seiner Monographie über
Holbein, S. 6, sagt: „Christus reicht dem
Judas das Brot über den Tisch herüber".
Nach der Zeichnung Holbeins ist es aber
wirklich ein Stückchen Fleisch. Das letzte
Abendmahl, auf Leinwand gemalt, war,
 
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