Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 17.1899

Page: 160
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dioezarchivschwab1899/0168
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
160 —

Ferner koinmt erzählt, daß im Jahre 1350 die
Pest so gewütet habe, das; in Ulm nn einem
Tage 100 Menschen in die Ewigkeit abgerufen
worden seien. Nachher sei zwischen dem Grafen
(Eberhard dem Greiner) von Württemberg und
andern Grafen einerseits und den Reichsstädten
andererseits ein Krieg entstanden. Die Ursache
desselben sei der Umstand gewesen, daß die Städte
an Reichtum wuchsen, dagegen viele vom Adel
ans Not ihre Habe verpfändet hatten, und da
sie ihre Schulden nicht zahlten, von den Städten
gedrängt worden seien. Furchtbare Greuel seien
in diesem Krieg vorgekommen. Hunderte von
Dörfern seien verbrannt worden, die Felder ver-
wüstet, die Gemüse mit dem Schwert abgeschnitten,
Bäume und Weinstöcke abgehauen, Menschen und
Vieh weggeführt, 1400 Menschen seien getötet
worden. Im Jahre 1872 habe sich ein furcht-
bares Erdbeben in Oüerschwaben ereignet, und
am 5. Juni habe man einen roten Kreis um die
Sonne und daneben zwei hervorragende Kreuze
gesehen, worauf große Heimsuchungen, Ueber-
schwemmungen, Feuersbrünste, Mordthatsn und
Aufstände gefolgt seien. Graf Eberhard von
Württemberg und seine Bundesgenossen besiegten
Ulm und die mit ihm verbündeten Städte bei
Altheim und nahmen 800 Männer, darunter den
Heerführer Graf Ulrich von Helfenstein, gefangen.
Der Stadtpräfekt Heinrich Besserer und viele
andere seien gefallen. — Die Pfarrkirche Ulms
zu „allen Heiligen", die bis dahin außerhalb der
Stadt gewesen, sei im Jahre 1877 niedergelegt
und dem Boden gleichgemacht worden. Da die
Bewohner Ulms fürchteten, die Stadt könnte,
wenn an hohen Festen alles Volk darin ver-
sammelt wäre, durch Verrat genommen werden,
sollte jetzt die Kirche in die Stadt verlegt werden.
Nun wird weitläufig erzählt, wie die Fundamente
des künftigen Tempels im Umkreis von 464
Schritten profuiräitate llorrsväa gegraben, wie
der erste Stein unter großen Feierlichkeiten ge-
legt wurde, welche Opferwilligkeit hoch und
nieder an den Tag legte. Der Tempel sei nach
111 Jahren im Jahre 1488 der erhabenen Jung-
frau und Muttcrgottes geweiht worden, habe
51 Altäre gehabt und in der Länge vom Chor
bis ans entgegengesetzte Ende 544 Schritts ge-
messen. „ldlovies cevtsva aursol'um millia"
seien verwendet worden. — Trotz der Belagerung
hätten die Ulmer damals Ueberfluß an Getreide
sowohl wie an Geldmitteln gehabt. Ja sie hätten,
als der römische Kaiser Karl ebenfalls Ulm be-
lagern wollte und bei Elchingen ein Lager ge-
schlagen hatte, da die Kaiserlichen Mangel litten,
ihnen um Geld Lebensmittel verschafft und in
die kaiserliche Küche umsonst Vorräte geschickt.
Im Jahre 1378 machten die Ulmer einen Aus-
fall, und jetzt wurde ihnen das Kriegsglück günstig.
Es heißt: ,,LexsruiU Lrveceum, Lr-tväsiidurZaiv,
Ureivedei§am errgus i§ni maväurunt, ebenso sei
von ihnen genommen und verwüstet worden:
I<ircbder§a, Llinsiv^en.IleirliiiAen, UsIIevderAa,
aä slkerum et lloclräorf sopra LcbinAsn und
,,8oo cupita pscorum Olmam abaeta".
Ferner hätten die Ulmer nicht bloß sich gänz-
lich vom Kloster Reichenau losgekauft, sondern
auch sich viele Herrschaftsgüter und Grafschaften

durch Kauf erworben; so im Jahre 1396 uni
teuren Preis die Grafschaft Helfenstein, wo-
durch die Stadt Geislingen und ihr ganzes Herr-
. schaftsgut an Ulm gekommen sei. Andere Grafen
seien von den Juden hart bedrängt worden; so
hätten diese die Grafschaft Albeck sum eastr» et
appiäo an sich reißen wollen, aber die Ulmer
hatten es von den Juden wieder zurückgeknuft.
Von dieser Grafschaft sage der Volksmund „eum
(seil, comitatum) u 5Vsräendsr§s>isi Lomlte
consompturn lUivae semper ascipisväls lsbetls
lässt lidis cialelarlis (ULblcuellsn)" (also gegen
Leistung von Ulmer Lebkuchen). Ferner sei an
Ulm und dessen Bundesgenossen gekommen die
„äitio HocllbsrASnsis erim I-lottsvdurZo et
Horba, guus tanäem /lustrjae äux reäemitU.
Im Jahre 1399 sei, da das Eoenodtum sosu-
lonum vsl zVevAsnss von den Ulmern nieder-
gerissen worden war, damit nicht die Feinde
von demselben aus der Stadt Schaden zufügen
könnten, dem Konvent zur Wiederherstellung des
Klosters der Platz angeboten worden, auf dem es
jetzt steht. Den ersten Stein dazu habe am Tag
des hl. Leonhard auf Befehl des Magistrats
Hartmann Echinger gelegt.
In den iziiscellLvso-lIistorisa findet sich auch
die Notiz, daß im Jahre 1420 das Kloster
Ochsenhansen, das bisher der Abtei Sankt
Blasien zugehörig oder doch untergeordnet
war, seine Selbständigkeit und eigenen Rechte
erhielt. Der Kardinal Otlio äs Loluinoa, der
auf der Reise nach Konstanz (zum Konzil) nach
Ochsenhansen gekommen und daselbst einige Tage
gerastet habe, hatte auf Ansuchen der Mönche
daselbst beim Konzil in Konstanz diese Gunst ihm
erwirkt.
Durch Abt Ulrich III. wurde das Kloster
nach dem Zeugnis des Annalisten sowohl
in sx>iritualibu3 als in temporalibua
mächtig gefördert, auch sei die „beneclictio
6e rare coeli ei 6s p>ingue6ine terrae"
unter seiner Regierung demselben zu teil
geworden. Um die tsmporalia, d. h. die
Guter und Rechte des Stifts zu wahren
und zu fördern, erwirkte er mehrere Schntz-
schriften von der höchsten kirchlichen Obrig-
keit. So erließ gleich i. I. 1433 der
Bischof Otto von Konstanz ein: ,,Vi-
ftirnus 6s non perturbanctm 8e6 revo-
san6is Uonis HcclesiasticiZ nomine lVlo-
nasteriorum Weingarten, Oeb-
3 enUausen, Wiblingen, ULrvi -
kalten, V3iren et Llarvburin",
worin ans ein apostolisches Schreiben des
Papstes Eugen IV. au die Bischöfe
von Konstanz und Augsburg zum Schutz
der genannten Klöster Bezug genommen ist,
in welchem die gewallthätigen Räubereien
am Klostergut mit der Exkommunikation
und dem Analhem belegt werden, bis sie
restituiert wären. (Fortsetzung folgt.)

Stuttgart, Vuchdrmkerei der Akt.-Ges. „Deutsches'VolksblaU".
loading ...