Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 18.1900

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Schule zu Schule fortgepeitscht worden ist, wird
sich hoch iu der Seele darüber freuen. Was
konnten denn diese wohl bewirken? Wenn es
gut ging: Legalität der Handlungen; Handlungen,
die zwar dein Aeußern nach der Vorschrift ent-
sprachen, aber aus Furcht, nicht aus Achtung für
das Gesetz unternommen waren; und wer könnte
nun solche Handlungen rein christlich, sittlich gilt
nennen? Wozu taugt vor Gott und Gewissen
bloße Gesetzmäßigkeit ohne reine Absicht, ohne
Sittlichkeit? Würde wohl dem Vaterlands ge-
holfen sein, wenn seine Bürger bloß darum nicht
brennen und morden, weil sie vor dem Galgen
zittern? Nein! der Junge darf nimmermehr zur
bloßen Maschine, die des ewigen Treibers bedarf,
herabgewürdigt werden, nähere dich ihm mit
ernster Liebe, übe seine moralische Urteilskraft,
erhöhe in ihm die Achtung für die Gesetze der
Sittlichkeit, das Hochgefühl für Menschenwürde,
wache so lange sorgfältig über ihn, bis es ihm
zur Fertigkeit wird: stets so zu handeln,
wie er wollen kann, daß jeder Andere
auch so handle — und hoffe dann getrost, daß
er den Forderungen der Religion und des Staates
als Mensch und Bürger entsprechen werde!!
Wer bloß ab richten will, der schlage
i in m erhi n — nbe r Ai e n s ch e n m üssen e r-
zogen werden. — Das Maß, ivie viel aus
dem Felde des.Wissenswürdigen in den jugend-
lichen Unterricht soll ausgenommen werden, läßt
sich i. A. nicht bestimmen, es muß aus die Ta-
lente und die künftige Bestimmung der Schüler
Rücksicht genommen werden. Hält man dis For-
derungen des Publikums 10—12jährige Jungen
gegen die Mannigfaltigkeit der Gegenstände, welche
gegenwärtig gelehrt werden, so erscheint die Klage
über Ueberladung der Köpfe und Vielwisserei
nicht bloß ungegründet, sondern auch ungerecht.
Mannigfaltigkeit ist die Seele eines ge-
segneten Unterrichtes; man muß es nie selbst
erfahren, nie mitangesehen habe», wie der Knabe
den Kopf hängt, gähnt und stumpf und träge
dasitzt, wenn er ein oder gar mehrere Jahre zu
einem oder höchstens zwei Gegenständen an sein
Pult hingezwängt, verdammt ist. Die abge-
droschene Phrase: In allem etwas, im ganzen
nichts — können nur jene passend finden, die,
lächerlich genug, von jedem Gegenstände, welcher
der Jugend vorgetragen wird, einen systematischen
Unterricht fordern. Nein! hier ist es nur um
das Einsammeln vieler und mannigfaltiger Be-
griffe und keineswegs um Systeme zu thun;
diese gehören für die höheren Klassen, in denen
man all' dieses als Vorkenntnis voraussetzt, und
wo man sich seiner entschiedenen Bestimmung
wegen auf die genau wissenschaftliche Erlernung
eines Lehrfaches nach allen seinen Teilen auf
das Brotstudium, wenn wir so sagen dürfen, zu
verlegen genötigt sieht. Und was wären denn
die überzähligen Gegenstände, die der Jugend ge-
lehrt werden? Etwa Sprachkenntnisse, Religions-
unterricht und Rechnungskunde? Gewiß nicht,
aber vielleicht einige Lehrstunden durch das ganze
Schuljahr in der Naturgeschichte und Naturlehre,
in der Geographie und Geschichte? Hievon
können wir uns einmal nicht überzeugen. Es ist
doch wohl ausgemacht, daß diese Wissenschaften
an sich selbst nützlich, und dem größten Teile der

Staatsbürger zur genauen Erfüllung ihrer Be-
rufspflichten unentbehrlich sind; warum sollte
denn nicht schon iu früher Jugend mit Erlernung
derselben der Anfang gemacht werden? Etwa
— weil sie die Fassungskräfte der Knaben über-
steigen? Wenn inan sich hiebei z. B. in der
Naturgeschichte Linnesche Klassifikationen denkt,
so möchte dieser Einwurf nicht ganz ungegründet
sein, aber von Systemen ist, wie schon oben be-
merkt, durchaus keine Rede; der Knabe soll die
Gegenstände, welche ihn umgeben, ihre Eigen-
schaften, ihren Nutzen und Gebrauch, und ihre
Wirkungen auf den Menschen kennen lernen, und
dies vermag und soll er auch. btc»i scllolm-,
seck Vitae cliZconckuin — ist eine unvergeßliche
Lehre der Alten. Bei der jetzigen. Krise in
unserer republikanischen Welt, in dem gegen-'
wärtigen raffinierten hyperfeinen Zeitalter,' und
bei den so hoch gespannten Forderungen an Jüng-
lings würde ein Junge, der durch volle sechs
Jahre weiter nichts als ein bißchen Schullatein
erlernt hätte, sehr übel fahren, und noch bei so
mancher Windmühle gleich Don Quixote zum
Ritter werden, bis er — es versteht sich, wenn
er nicht hochreich geboren ist — für seine andere
Hälfte, den strengen Nachbar seines Kopfes, den
Bauch, gesorgt, und einen eigenen Herd, ein
Ileatus ille, gefunden haben würde. Doch im
Ernste! Naturgeschichte und Naturlehre haben
noch edlere Zwecke. Wir sind überzeugt, daß
wenn junge Leute frühe in denselben unterrichtet,
frühe gewöhnt werde!», das Vergnügen zu
empfinden, welches uns die schöne Natur dar-
bietet, dieses Vergnügen in der Folge jeden
leeren Raum in ihrer Seele, und jede geschüfts-
freie Stunde nusfüllen, und die geistlosen, alle
gesellige Freuden vernichtenden Gespräche aus
den gesellschaftlichen Zirkeln verdrängen würde.
Ueberdies — was begeistert mehr, was hebt
mehr Herz und Seele himmelan, als Bekannt-
schaft mit der Natur, mit Gottes Meisterwerken ?! —
Nicht weniger lehrreich und reizend für die Jugend
sind Geographie und Geschichte, und wenn sie
zweckmäßig vorgetrngen, so gelehrt werde», daß
jene nicht bloß in trockener Namenerkenntnis von
Dörfern und Städten, und diese in Aufzählung
von Jahrznhlen besteht, so müssen sie den unver-
kennbarsten Nutzen haben. Physische und politische
Geographie und Geschichte, und besonders die
unseres eigenen Vaterlandes — wie notwendig
sind diese, und vorzüglich in unser» Tagen auch
für die Jugend! Zu einer Zeit --- es scheint
beinahe, wir lebten in England —, wo ebenso
ernstlich wie in Kabinetten, bald in jeder Bauern-
schänke über Staatsverfassung, über Rechte der
Unterthanen und Regenten, über ursprüngliche
Menschheitsrechte debattiert, geknnnegießert und
abgesprochen wird, wo man sich in den mehrsten
Zirkeln mehr oder weniger mit Klagen über
Mißbräuche in den Regierungen und entrissene
Urrechte herumträgt. Und — wäre auch all'
dies nicht; wenn es in dem Hause des Nachbars
brennt, so ist es Pflicht, in dem eigenen auf der
Hut zu sein. Es möge nicht geschehen, aber
vielleicht geschieht es nur zu bald, daß der deutsche
Bürger seine Lage mit der Lage der Neufranken
vergleicht, und dann — wenn er die Verfassung
seines Vaterlandes nur aus den Klage» arbeits-
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