Beck, Paul [Hrsg.]; Hofele, Engelbert [Hrsg.]; Diözese Rottenburg [Hrsg.]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 19.1901

Seite: 8
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über der Schulkomödie und den Auf-
führungen von Schauspielen durch Bürger
einen ablehnenden Slandpnnkl einnahm.
Die durch den 30fährigen Krieg herbei-
geführte Verarmung der Städte bot ihr
dann willkommenen Anlaß, diese Ansfüh
rnngen ganz zu unterdrücken. Erst im
18. Jahrhundert unter dem kunstsinnigen
Herzog Karl Engen fanden in der hohen
Karlsschule Aufführungen von Schüler»
statt, wie denn auch in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts von Schülern des
Stuttgarter Gvmnasinms mehrfach Auf-
führungen (Zriny von Th. Körner, Herzog
Ernst von Schwaben von L. Uhland, das
patriotische Schauspiel Kolberg u. s. w.)
zu wohlthätigeu Zwecken in der Liederhalle
staltfanden nnd überhaupt das Dilettanteu-
theater in der Residenz einen großen Auf-
schwung genommen hat.
H. Eheodcirich.
Von Pfarrer Reiter.
An der Straße von Nottenburg nach
Seebronn liegt die etwa im 15. Jahr-
hundert erbante Theodorichskapelle, im
Volksmund „Doderes" geheißen. Dieselbe
war nach der neuen Oberamtsbeschreibung
II 67 der Marktkirche einverleibt; ihr
Stifter ist jedoch unbekannt, auch sind sonst
keine Nachrichten über sie vorhanden. Ich
bin geneigt, den Stifter der Theodorichö-
kapelle zunächst unter den Edlen von Wurm-
lingen zu suchen. Dort saßen in alten
Zeiten mehrere Nittergeschlechter; das an-
sehnlichste derselben,welches schon im 12.Jahr-
hundert vorkommt, führte den bedeutsamen
Namen Theodorich, zusammengezogen Diet-
rich mit dem Beinamen Märehele oder Märe-
held — der berühmte Held. I. I. 1277
wurde ein Dietrich Märeheld im Kloster
Bebenhauseu beigesetzt. Ein anderer Diet-
rich Märeheld (1292—1323), gab 1323
seinen Laienzehmen zu Dettingen zum heiligen
Kreuzaltar in Ehingen zur Sühne für die
ungerechte Hinrichtung seines Bruders Diet-
rich. Werner Märebeld, Schultheiß zu Rot-
teuburg 1380—1393, stiftete eine Kaplanei
zu Kiebingen. Mittelhans Märeheld, der
letzte seines Geschlechtes, ch 1507, liegt in
der S. Aunakapelle zu S. Moriz in Rot-
teuburg-Ehingen begraben, wo sein Wappen
noch vorhanden ist. (Nothenhäusler, Ge-
schichte der Jfslinger-Granegg, S. 38.)

Von einem dieser Märeheld von Wurm-
lingen scheint mir die Kapelle zum heiligen
Theodorich — das einzige Theodorichs-
heiligtum in ganz Württemberg nnd Hohen-
zollern — gestiftet zu sein. Ob niebt der
Stistungsbrief der Kaplanei zu Kiebingen
einiges Licht über die Frage verbreiten
könnte?
Was den Kirchenpatron jelbst anlangt,
so ist man, da ein Bild des Heiligen ans
ganz alter Zeit nicht existiert, ans das
Gebiet der Vermutungen gewiesen, doch
können unter den 31 Heiligen mit dem
Namen Theodoricus nur etwa vier ernst-
lich in Betracht kommen, nämlich: Tbeo-
dorich 11., Bischof von Orleans, ch 1022
(Fest 20. Januar), welcher auf einer Rom-
reise erkrankte und starb, ferner Theodorich,
Abt von S. Hubert in den Ardennen,
1084 (Fest am 24. August), welcher
siebenmal nach Nom wallte, weiter Theo-
dorich, Abt von Mont d'Or, Schüler des
hl. Remigius und Stadtpatrou von Rheims
(ch 553, Fest 1. Juli); und endlich
Theodorich, dritter Bischof von Minden,
c. 850, Gründer des Klosters Wunstorf
bei Hannover (Fest am 2. Februar). Der
Name des letzteren lautet sehr verschieden:
Theodorich, Theoderich, Theotrich, Thiedric,
Tiaderic, Tiadric, Thiolrich.
Es muß indessen noch einer höchst be-
achtenswerten Möglichkeit gedacht werden.
In den alten Rechnungen ans dem Rat-
haus in Rottenburg — sie gehen aller-
dings nicht über das 17. Jahrhundert
zurück — wird der Patron unserer Kapelle
nicht Theodorich, sondern Theodor genannt,
welcher nach meinem Verzeichnis auch eine
Kapelle bei Neuffen besaß. (I. I. 1521
wird ein Kaplan der Theodorskapelle ge-
nannt in Schäfers Geschichtsquellen, II,
S. 563: „Württembergisches aus römischen
Archiven".)') Wäre nun diese Angabe in
den alten Rechnungen richtig, dann hätten
wir wohl an jenen Theodor zu denken,
welcher im Heiligeulexikon von Stadler
unter Nr. 52 aufgesührt und dessen Fest
am 16. oder 26. August begangen wird.
Dieser Theodor war Bischof der „Hel-
vetier" und residierte bald in Sitten,
bald in Octockurum (Martinach), bald

0 Oder Theodorichskapelle unter der Theo-
dorichsburg?.
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