Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 19.1901

Page: 116
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Brendel unterschriebenen Brief aus Straß-
burg, in welchem Sch. ins Elsaß einge-
laden wurde. Um ihn zur Annahme zu
bewegen, wurde beigefügt, daß ihm eine
Pfarrei von sogleich beziehbaren 800 Frs.
zugedacht sei; auch stünden ihm, der Konsti-
tution zufolge, natürlich alle Ehrenstufeu
offen. Sch., der Schneider nicht persönlich
kannte, wußte sick/s nicht recht zu erklären,
wie er bei diesen Menschen bekannt wurde,
namentlich dafür, daß sie ihm einen pa-
triotischen Sinn für die Sache der fran-
zösischen Revolution zutrauten. Vermutlich
war ihnen, namentlich Schneider, Schads
zu Anfang der französischen Revolution
in Mainz herausgekommene „Apologie"
sowie eine um dieselbe Zeit von Sch. ver-
faßte antimönchische Volksschrift, durch
welche sich Sch. in seinem Stifte unmög-
lich gemacht hatte, zu Gesicht gekommen
und flößte ihnen dieses Zutrauen zu Sch.
ein. Aber diese sauberen geistlichen Ne-
volntionshelden sollten sich doch täuschen!
So tief wie Schneider war damals Sch ad
doch nicht gesunken und ihm doch noch etwas
Gewissen geblieben! Mit sichtbarem Ab-
scheu gegen das französische Unwesen und
die französischen Nevolutionsverirrungen
und mit Verachtung wies Schad in einem
an Eul. Schneider gerichteten Briefe die
Einladung nachdrücklich zurück und sagte
dabei Schneider und seinen Gesellen so
derbe Wahrheiten, daß er keine Antwort
mehr erhielt. Schad schickte seinen Ab-
sagebrief, der an Deutlichkeit, wie gesagt,
nichts zu wünschen übrig ließ, zunächst
unversiegelt an einen Freund, den Herrn
v. Könitz ans Untersimau bei Koburg,
einen sehr edlen Mann, welcher über die
französische Umwälzung gerade so wie
Schad dachte. Und — doch meinte Könitz,
Schad sollte den Ruf annehmen, um sich
von den Klosterfesseln frei zu machen.
Allein — Sch. wollte lieber die Fesseln
der Klausur tragen, als an dem Freiheits-
genuß der Franzosen Anteil nehmen. Könitz
sandte dann ans die Bitte Schads, den
Brief zu versiegeln und an Adresse gelangen
zu lassen, denselben au einen Kaufmann nach
Slraßbnrg, der ihm auch wieder antwortete
und bezeugte, daß er den Brief Schads
dem Schneider selbst eingehändigt habe.
Zufälligerweise war die Straßburger Ein-
ladung in Schads Hände gelangt, ohne, >

wie sonst gewöhnlich, vom Abte bemerkt
und erbrochen zu werden. Sch. übergab
aber selbst den Brief dem Prälaten, welcher
dann über sein Uebersehen ganz erschrocken
und bestürzt wurde, und beifügte, er würde
den Brief, wenn er ihn erbrochen und den
Inhalt erfahren hätte, Schad nicht zuge-
sllllt haben. Schad suchte ihu deswegen
zu beruhigeu mit dem Bemerken, daß er
von ihm nichts zu befürchten habe, indem
er diesen Ruf mit Verachtung abweiseu
werde. Trotzdem gab gerade dieser Lock-
ruf der Revolution nach Frankreich die
Veranlassung zu der Verleumdung Schads
au verschiedenen Höfen, so an dem von
Sachsen-Weimar und auch beim Publikum,
daß Schad ein Apostel der französischen
Revolulionssucht sei, welchen man in keinem
Lande dulden sollte; auch in den Propst
Henk eschen Neligionsannaleu wurde er
solcher revolutionärer Gesinnungen, sogar
schon von seinem Noviziat her, nicht mit
Recht und wahrscheinlich durch seinen
früheren ihm feindlich gesinnten Ordens-
genossen und litt. Nebenbuhler U. Placi-
dus Sprenger verdächtig gemacht. In der
That — mag Schad auch viel und schwer
gefehlt haben — er brach den Priestereid
und das Ordensgelübde — ein franzö-
sischer Nevolutionsschwärmer war er mit
Nichten und ist dieser über ihn gethane
Bezieht ein ungerechter. Nicht nur war
er kein Freund der revolutionären Fran-
zosen, sondern er war vielmehr gerade einer
derjenigen, die wider das französische Un-
wesen und das Neufrankentum am derbsten
die Stimme erhoben und geschrieben. Die
beiden noch zu Banz von ihm heransge-
gebenen Schriften, nämlich Trauerlied
auf Ludwig XVI., welches er auch in
Musik gesetzt halte und dann seine nach-
mals zum drittenmale aufgelegte schon ge-
nannte Predigt sind ein handgreiflicher
Beleg dafür. Sch. hätte es nicht wagen
dürfen, einem dieser Freiheitsmänner, deren
Emissär er sein sollte, unter die Augen
zu treten, ohne Gefahr, den Kopf zu ver-
lieren, wie er denn auch beim Einbruck
der Franzosen in Franken i. I. 1796
in der That vor denselben flüchten mußte.
— Seiner Entweichung aus dem Kloster
ließ er die heikömmlicheu praktischen Ent-
schlüsse folge», trat alsbald zum Prote-
stantismus über und nahm sich ein Weib.
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