Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 20.1902

Page: 137
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Dekan der nicht weniger ausgezeichnete
Thomas Kratzer. Er wurde geboren
am 7. Dezember 1755 als Sohn des
Schmieds Johann Georg Kratzer und der
Helene, geb. Beißwinger in Gmünd.
Kratzer war Schulrat an der hiesigen
Normalschnle und wurde durch den Titel
eines bischöflich Geistlichen Rats ausge-
zeichnet. Unter ihm wurde der kurzlebigen
Kollegiata das Ende bereitet durch den
Uebergang Gmünds an Württemberg 1802.
Seine größten Verdienste hat sich Kratzer
ans pädagogischem Gebiete erworben. Er
ist der Begründer der Tanbstnmmen-
erziehnng in Württemberg. Im Jahre
1807 unterrichtete er drei taubstumme
Kinder seiner Vaterstadt. Durch den
Erfolg ermutigt, gründete er eine Anstalt
zum Wohle dieser armen Kinder, die zu-
nächst rein privaten Charakter hatte. Sein
menschenfreundliches Bemühen fand auch
die Unterstützung des königlichen Hauses.
Ans seinen Vorschlag wurde 1810 der
Gmünder Schullehrer Leonhard Alle nach
Freising geschickt, um in der dortigen Taub-
stummenanstalt die Methode zu studieren.
Nach seiner Rückkehr setzte dieser unter
Kratzers Leitung den Unterricht fort als
erster Tanbstnmmenlehrer Württembergs.
Bis 1817 blieb alles reines Privatunter-
nehmer!, das von mehreren edlen Wohl-
tätern unterstützt wurde. 1817 wurde
die Schule als Staatsanstalt der Ober-
aufsicht der K. Kreisregierung in Ellwangen
unterstellt und sollte, um der ferneren
Leitung des Dekans Kratzer zu genießen,
in Gmünd verble ben, wo heute noch die
staatliche Taubstummenanstalt besteht.
Am 3. Juni 1815 weilte die öfter
reichische Kaiserin Beatrix Lndovica in
Gmünd und wohnte am 4. Juni einer
heiligen Messe in der Stadtpfarrkirche bei,
die mit großer Feierlichkeit celebriert
wurde, über welche Kratzer selbst im
„Protokollnm" berichtet. Bis zum 30. No-
vember 1824 wirkte Kratzer, ein schmerz-
liches Fnßübel führte die Abzehrung her-
bei. Das Sterberegister des Jahres 1824
schließt mit den ehrenden Worten: Uklluxit
airnrrs treu cum veueraUili civitatis
paroclro, vere patre suis, Hovus in
novo vesti^ia iilius ut secfuatur, coeli
Uonitas innixe opitulantibus praesta-
dit!

„Das alte Jahr raubt uns den wahr-
haft treuen Seelenhirten;
Neues, führ' uns Waisen einen solchen
Vater wieder zu!"
IV. Die Gmünder Stadtpfarrer
im 19. Jahrhundert.
Kratzer war seit 1803 Stadtpfarrer,
und die bisherigen Kanoniker standen ihm
als Kapläne zur Seite. Das Chorgebet
in der nun wieder zur Pfarrkirche ge-
wordenen Heiligkreuzkirche hatte anfgehört.
Thomas Kratzer war der erste K. Stadt-
pfarrer des 19. Jahrhunderts. Ans ihn
folgte :
45. Franz Xaver Wildt, geboren
in Zöbingen 16. April 1780, ordiniert
2. Dezember 1802, 1816 Stadtpfarrer
in Eßlingen, Kapitelskamerer und Schnl-
inspeklor und seit 27. Mai 1825 Dekan
und Stadtpfarrer. Doch nur sechs Jahre
wirkte er in Gmünd. Am 5. Oktober
1831 wurde ihm das Dekanat und die
Stadtpfarrstelle zu Ehingen a. D. über-
tragen. 1844 ging er nach Weißbad im
Kanlon Appenzell, wo er am 29. Juli
1844 verstarb.
46. Sein Nachfolger war Thomas
von Mayer, geboren zu Rottweil
20. Dezember 1791, zum Priester geweiht
14. September 1816, Vikar und Pfarr-
verweser zu Weilderstadt, 1. Februar 1821
PräzeptoratSkaplan zu Waldsee, 23. Januar
1828 Pfarrer in Harthausen bei Ulm und
Scknlinspektor, in Gmünd seit 4. Juli
1833, Dekan vom 28. August 1833, von
1850 bis 1874 als ältester Dekan Mit-
glied der Kammer der Abgeordneten;
13. September 1858 beging er sein
25sähriges Dienstjnbilänm als Stadl-
pfarrer von Gmünd, 1866 war er Jubilar;
6. März 1856 erhielt er das Ritterkreuz
des Friedrichsordens, später das Ritterkreuz
I. Klasse des württembergischen Kron-
ordens, starb am 10. September 1875
und hinterließ viele Legate zu frommen
Zwecken.
47. Am 16. Mai 1876 wurde zum
Stadtpfarrer ernannt Anton Pfitzer,
geboren zu Schrezheim, OA. Ellwangen,
16. August 1818, hier seit 5. Mai 1848,
Kaplan zu St. Leonhard und Gefängnis-
geistlicher in Gotteszell, am 6. Juni 1876
investiert durch Dekan Christlich, seit
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