Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 22.1904

Page: 185
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facsimile
vom 11. Juni ff., nach einem Ausschrieb des
damaligen Pfarrers Jak. Diez näher
geschilderten Fr a n z o sene i n f ä ll e im
Jahre 1796 niid Z800 anzuführen, ans
welchem folgendes hieher zu entnehmen
wäre:

Während dein verderblichen Krieg mit den Neu-
franken hatte die hiesige Gemeinde auch manche
Last durch Einquartiernngen und Lieferungen zu
tragen, die aber unser gnädigster und mildester
Fürst und Herr Maximilian v. R od t (Fürst-
bischof von Konstanz) immer durch Nachlab der
Gülten zu erleichtern suchte. Auch die Pfarrstelle
mußte nicht unbedeutende Lieferungen nach Wain
inachen, die niemand vergütete. I. I. 1796 in«
Brachmonat wurden auch wir durch den Schrecken,
der unsere Gegend auf zwölf Stunden weit rüt-
telte, alarmiert — überall hörte man das Jam-
mergeschrei: „Der Franzos kommt!" In allen
Kirchen und Kapellen wurde Sturm geschlagen,
ganze Haufen zogen mit Gabeln und Spießen
bewaffnet aus. um einen Feind, der nirgends
war, zu bekämpfen. Auch die unfrigen zogen so
bewaffnet bis nach Laupheim und von da bis
nach Rißtissen; dort wurden sie eines Bessern
belehrt nnd kehrten, nachdem sie das Bier und
Brot, das ihnen nachgeschickt wurde, verzehrt
hatten, mit unblutigen Waffen zurück. Die Franz-
männer rückten zwar noch im nämlichen Sommer
vor, aber über Memmingen uud Ulm; in Roth
ging ein starker Zug durch, dein wir mit bangem
Herzen zusahen. Nnr vier Chasfeurs sprengten
hieher, grippten zwei Pferde und jagten wieder
davon. — Im Herbstmonat zogen sich die Fran-
zosen hinter die Donau und Jller zurück; wir
mußten einige Tage Brot und Bier nach Regg-
lisweiler und Billafingen ins Lager lie-
fern. Diese Tage hindurch mußten wir in schreck-
licher Bangigkeit alle Augenblicke erwarten, durch
Streifpartien überrumpelt und geplündert zn
werden. Es zeigten sich auch täglich einige, bald
fünf bis sechs, bald bis 16 Mann starke; da
ich aber meine Gemeinde beredet hatte, sich immer
vereint auf dem Platz beim Wirtshause einzu-
finden und aufzuhalten, so getrauten sich die
Raubvögel uicht, etwas Böses zu unternehmen.
Wir waren freundlich mit ihnen, gaben ihnen
Brot und Bier im Wirtshaus« und so schieden
wir immer als gute Freuude auseinander. End-
lich am 27. September kam mein Spion und brachte
die lang gefürchtete Nachricht, daß die Feinde
aufgebrochen seien und gerade auf O. zueilen.
Ungefähr 15 OVO Mann zogen unter dem General
Vandamme nach Heggbach; der Zug dauerte
von morgens 8 Uhr bis mittags 3 Uhr, eine
fürchterlich lange Zeit für uns, die alles zu befürch-
ten hatteu. Wir kamen aber beinahe alle gottlob
ohne großen Schaden durch, die äußersten Hänser
mußten das Meiste leiden. Den alten Jäger
Anton Hößle bedienten sie meisterlich; er wnrde
auf einen Sessel gesetzt, und dann wurden ihm
in aller Manier die Sackuhr, das Geld, die
Schuhe abgenommen. Sein Nachbar ersann ein
kräftiges, aber unsauberes Mittel, die Schnapp-
hähns abzuhalten: er füllte einen Hafen mit s. v.
Exkrementen nnd rührte einen solchen Gestank

heraus, daß sie sich uicht eiue Minute aufzuhalten
vermochten. Bei meinem Hause zeigte sich gar
keine Gefahr: einige verlangten Brot, das ich
ihnen gerne zum Fenster hinaus gab. Drei wackere
Offiziere, die ich beim Bäuerle abholte, aßen
etwas Weniges nnd tranken eine Bouteille Wein,
dankten dann nnd ritten davon. Auch hatte ich
die Ehre, mit dein General selbst zu sprechen, der
sich nach der Weite bis Donaueschingen erkundigte.
Auf den Abend lagerte sich die Reserve in Buß-
mann s h a u s e n, uud was uns das Blut in den
Adern stocken machte, pflanzten sie Kanonen gerade
gegen uns auf. Ein starker Vorposten stand am
Henkenbera, wovon zwei Chasfeurs immer herüber-
ritten, um Fleisch, Brot, Wein und anderes ein-
zutreiben. Hier hatte ich einen starken Streit
mit einigen Unbesonnenen aus der Gemeinde;
diese wollten durchaus Böller hinter dem Dorfe
abbrennen, um so die Feinde hinwegzuschrecken.
Nur mit Biühe und Ernst konnte ich sie von einem
Vorhaben abbringen, das unser armes.Dörslein
in namenloses Elend gestürzt hätte. Am andern
Tag waren die Feinds verschwunden und nach-
mittags zogen mehrere Regimenter k. k. Infan-
terie, jedes mit prächtiger türkischer Musik, unter
dem General Latour hier durch. Da sie überall
leere Tische uud Keller fanden, so waren sie so
hungrig, daß nicht nur Gemeine, sondern auch
Offiziere mich um Gottes willen um Brot und
Wein für bares Geld ansprachen. Zinn waren
wir auf einmal von aller Angst nnd dem Ver-
derben, das so viele unserer Nachbarn traf, frei.
Der Schaden war zu verschmerzen; das Wirts-
haus war in der größten Gefahr; diese ward
aber, da sie am höchsten war, durch die uner-
schrockene sowie uneigennützige Hilfe eines edel-
denkenden französischen Offiziers abgewendet. Die
folgenden Jahre hindurch fiel hier außer einigen
Winterquartieren nichts Bedeutendes vor. Gleich
im Anfange des Jahres 1800 starb unser gnädig-
ster Fürst Maximilian, der letzte der Reichsfrei-
herrn v. Rodt. Den unersetzlichen Verlust dieses
wohltätigsten Fürsten sahen nur wenige ein, aber
bald haben ihn alle schmerzlich erkannt nnd
empfunden. Seins Wohltaten, mit denen er seine
Untertanen erfreute uud unterstützte, waren ohne
Zahl. . . . „Gleich nach dem Tode dieses milden
Fürsten nahmen Se. Exzellenz der hochwohlge-
borene Reichsfreiherr v. Ho r n st e i n-Göffingen
Besitz von der hiesigen Herrschaft. Die Huldigung
wurde hier im Schlosse vorgenommen; der Herr
Landschreiber v. Arand hielt dabei als k. k. Kom-
miffarius eine stattliche Rede von den Pflichten
der Untertanen gegen ihre Herrschaften; dann
wurde feierlicher Gottesdienst gehalten; diese
Feierlichkeit wurde in zwei Tagen am ersten für
O., am zweiten für Bußmannshausen und Wal-
pertshofen vorgenommen und jedesmal war große
Tafel, zu der auch viele Schweizer') Offiziere, die
gerade diesen Winter hier nnd in Schwendi im
Quartier lagen, gezogen wurden. Am 93. April

') Man weiß nicht, verwechselt hier die Chronik
diese sogen. „Schweizer Offiziere" mit den „Con-
deern" oder Emigranten oder sollten es Offiziere
von der um jene Zeit gegen die Nenfranken ge-
bildeten Schweizerlegion (s. „D.-A." XVI,
1898, Nr. 7, S. 111/119) gewesen sein?! Red,
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