Beck, Paul [Hrsg.]; Hofele, Engelbert [Hrsg.]; Diözese Rottenburg [Hrsg.]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 22.1904

Seite: 188
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zurück und hörte »un, daß im Schloß geplündert
worden sei. Der Bürgermeister, der sich bis jetzt
nie mehr sehen ließ, brachte selbst einen fran-
zösischen Offizier und verlangte Wein für ihn,
ohne für das Schloß durch eine Sauvegarde zn
sorgen. Der Wein, Brot und Schmalz, einiges
Weißzeug, Papier wurden von dem Feind fort-
genommen. Zum Glück hatte ich das Beste in
einem verborgenen Wandkasten verschlossen, der
nicht entdeckt wurde, ungeachtet sie die übrigen
leeren Wand- und Kleinodkäste» mit Gewalt er-
brachen. Zum Unglück war auch der junge Jäger
auf falsches Zureden anderer entflohen. Nur Jos.
Auer und der alte Jäger blieben allein standhaft,
allein sie konnten weder dem feindlichen Einfall,
noch dem ebenso schädlichen Unwesen der Fickschen
Partei Einhalt tun. . . . Nu» standen die Fran-
zosen wieder wie zuvor, so wie die Kaiserlichen
am alten Orte; letztere muhten von uns miter-
halten werde». Am Fronleichnamsfeste wurden
plötzlich die erstere» zurückgezogen und wir sahen
die Feinde von Schwendi und Schafhausen gegen
den Wald bei Kleinschafhause» abziehe». Alles
frohlockte, weil man glaubte, die Retirade gehe
Biberach zu. Ich eilte fröhlich uach Roth, um
es den k. k. Offizieren und dann nach Burg-
rieden, um es dem dortige» Pfarrer anzuzeigen,
aber ich war kaum am letzteren Orte angekommen,
so wurde schon Lärm, der Feind rücke mit ver-
einter Macht aus den, Bußmannshauser Wald
herab. Nu» war ich das zweitemal von Hause
abgeschnitten und mußte diesmal in Gesellschaft
des Burgrieder Pfarrers auf den Rat eines
wackeren Husarenmajors bis Erbach und von
da bis Ehingen wandern. In dieser Affäre
wurde Burgrieden vom Feinde mit Gewalt
erstürmt, wobei zwei Häuser verbrannten. . . .
Nach diesem Vorfall rückten die Kaiserlichen noch-
mals bis Huggenlaubach vor, wo ich dann
die Herren Offiziere aus meinem Hause speiste.
Sie mußten sich aber bald zurückziehen, weil in-
dessen die Feinds zwischen Höch städt und Dona u-
wörth über die Donau setzten. Die Franzosen
kamen nochmals in unser Ort, zogen sich aber
de» cmdern Tag über die Brandenburger
Brücke, die sie dann abwarfen, zurück, ohne nns
Leids zuzufügen. Von dieser Zeit an lebten wir
ruhig und ungekränkt, erst beim Waffe»stillstand
wurden wir wieder mit französischen Einquartier-
ungen belästigt. . . . Aus den späteren Jahren,
wie 1806, 1809 und 18l3—1315 fehlen Auf-
zeichnungen über Kämpfe, Truppendurchzüge und
Einquartierungen. ^ I. I. 1806 kam O. mit
der Herrschaft Bußmannshanfen a» die Krone
Württemberg und bildet heutzntage eine Gemeinde
dritter Klasse mit nicht viel über 400, meist
Ackerbau treibenden Einwohner», zählt zum Ober-
amtsbezirk Laupheim vormals Wiblingen. Die
Pfarrei gehört in das i. I. 1817 an Stelle des
alte» Landkapitels Laupheim errichtete Dekanat
Lnupheim.

Was endlich noch die Ableitung
und Bedeutung des Namens Orfen-
hausen anlangt, so wird dieselbe schon
durch die eingangs erwähnte urkundliche
Schreibweise „Horsinhnsan" klar. Iiors

ist die im Angelsächsischen vorkommende,
im englischen Korse erhaltene, durch Um-
stellung der Konsonanten entstandene Form
des althochdeutschen Iiros — Roß. Die
Analogie mit dem nahegelegenen Groß-
uud Klein s ch a s Hausen (mittelhochdeutsch
lvIiIainenZckguK'dusin) sowie mit Ochsen-
hauseu ergibt sich von selbst.

Lck. UüuinierniF-Wallfahrten:c. in
Schwaben?c.

Das von Herrn Dekan Reiter gesam-
melte und im „Archiv für christliche Kunst"
(1902 Nr. 2/3) niedergelegte „Material
zur Kümmernislegende" hat inzwischen
durch die neuesten eingehenden Arbeiten
von Professor Schnürer in den „Frei-
bürg er Geschichtsblättern, herausgegeben
vom Deutsche» geschichlsforscheudeu Verein
des Kantons Freiburg", IX. Jahrgang
(Freibnrg, 1902, Verlag der Universitäts-
bnchhandlnng, S. 74—105): „Der Kultus
des Volto SÄnto und der hl. Wilgesortis
in Freibnrg" und X. Jahrgang (1903,
ebeudas., is. 110—181): „Die Küm-
mernis- und Volto ssnto-Bilder in der
Schweiz" (mit vier sehr instruktiven Ab-
bildungen) vielfache Bereicherung und Ver-
tiefung, wenn anch zunächst nur für die
Schweiz, erfahren. Wenn es auch noch
nicht voll nachgewiesen ist, so wird es doch
immer wahrscheinlicher, daß, wie Franz
Bivarius und Heinr. Jul. v. Bluu erst-
mals und danach Schnürer mit Ent-
schiedenheit annehmen, die Kümmernis-
bilder ursprünglich nichts anderes waren,
als Kopien des sogenannten Volto
SÄNto im Dome zu Lucca in Italien.
Für nns ist nuu zunächst die Frage, wann
nnd wo in Schwaben die Kümmel nis-
legende bezw. -Verehrung aufgekommen ist.
Früher war man, so auch Birliuger
(„Aus Schwaben", I. S. 302, Nr. 340),
Mone und viele andere, der Meinung,
der Kult gehöre dem Rheinlande an,
bezw. gehe von demselben aus, und der
Gaug nach dem Obenhein und ins
Binnenland sei später anzusetzen, während
man in neuerer Zeit, wie bereits oben
erwähnt, einer anderen Fährte, die von
Oberitalien ihren Ausgangspunkt nnd
ihren Weg bis nach Niederdeutschland
nimmt, nachgeht. Für eine frühzeitige
Entstehung hierzulande spricht das inter-
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