Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 23.1905

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Pflegern eingezogen und verrechnet werden. Wer
diese gesetzte Zahlung zur rechten Zeit nicht
leistet, verfällt in eine Strafe von 1 Pfd. Wachs,
welche Strafe nebst dein Geldbeitrag die Pfleger
selbst mit Pfändung einzutreiben berechtigt sind.
Das von Strafen gefallene oder um Geld ge-
kaufte Wachs wird alle Samstage nachts und
zur Vesperzeit an allen hohen Apostel- und
Marienfesten und den weiter bezeichnet»: Tagen
in besagter Kapelle angezündet und gebraucht.
Die zwei Pfleger werden alljährlich neugewählt
und von zwölf Brüdern („Bruderschaftsrat" oder
„Zwölfer") überwacht und unterstützt. Letztere
mußten in allen Bruderschaftsvorkommnissen die
Oberaufsicht führen, doch so, daß sie der städti-
schen Deputation subordiniert waren; diese
mußte dann sorgen, daß in keinem Stück gegen
die Fundation gehandelt werde.
2. soll jedes Mitglied innerhalb der nächsten
zwei Monate nach seiner Aufnahme ein sil-
bernes Zeichen mit einem Einhorn, worin
der englische Gruß geschrieben stünde, machen
lassen und solches bei den Zusammenkünften in
der Kirche, namentlich an den bezeichnet»! Fest-
tagen, mit sich führe». Auf Ableben eines Mit-
glieds wird dieses Zeichen einem Bruderschafts-
pfleger ausgenntwortet, der dagegen einen Gottes-
dienst für das verstorbene Mitglied und das ge-
meinschaftliche Gebet veranlassen wird. Wer
gegen die Vorschriften der Bruderschaft handelt,
verwirkt dieses Zeichen und damit den Anspruch
auf den Bruderschaftsgottesdienst.
3. Auf St. Sebastianstag und die vier
Quatember werden gemeinschaftliche Gottes-
dienste gehalten und Seelenmessen für die ver-
storbene» Mitglieder gelesen. Auf de» tödlichen
Abgang eines Bruderschaftsmitgliedes Habendessen
Erben eine Kerze oder einen Vierling Wachs an
den Pfleger zu liefern, das bei dem Trauer-
gottesdienste für die Gestorbenen angezündet wird.
4. Die Schützen, welche Mitglieder dieser
Bruderschaft sind, machen sich außer dem allge-
meinen Beitrag verbindlich, von je 10 Schill.
Heller, die sie mit der Armbrust gewiünen,
einen Pfennig an die Bruderschaftspflege abzu-
liefern.
Diese Bruderschäft gelangte bald zu
ansehnlichen Mitteln, und anno 1482
(8. Januar) wurde von ihr eine immer-
währende Kaplanci zum Altar deö
hl. Sebastian in der Johanneskapelle ge-
stiftet. Der Inhaber dieser Pfründe
führte früher den Namen „Brnderschafts-
kaplan". Die Dotation derselben bestand
in Klein- und Großzehnten zu Ampfelbronn
(jährlich gegen 100 Scheffel) ') sowie
Zehnten von etlichen Aeckern zu Waldsee
nebst Wohnung und kleinem Garten.

') Wegen dieses Zehntens, welcher gegen Ende
des 17. Jahrhunderts etwa 36 Scheffel betrug,
muhte die Bruderschaft zur Renovation der Pfarr-
kirche zu Haisterkirch (1698/99) 30 fl. beisteuern
(Haisterkircher Pfarrbuch).

Die Sebastiansbruderschaft nahm nach
und nach einen so bedeutenden Aufschwung,
daß sie ans allen Ständen nicht nur in
Waldsee und den umliegenden Orten,
sondern auch ans fernen Ländern Mit-
glieder gewann und deren nins Jahr 1750
zu vielen Tausenden zählte.') Es wurden
damals die ursprünglichen Satzungen ab-
geändert, vom Bischof SixluS von Konstanz
gntgeheißen und die Bruderschaft von
Papst Benedikt XIV. mit Ablässen anno
1750 reichlich begnadigt. Im Jahre 1757
wurde zu Altdorf-Weingarten mit Er-
laubnis der kirchlichen Obern ein Brnder-
schaftsbüchlein gedruckt mit dem Titel:
„Geistliche Glücköschcibe", welches anno
1877 von Pfarrer Sommer in Groß-
engstingen, ehemal. PräzeptoratSkaplan zu
Waldsee, neu bearbeitet und vermehrt
heranSgegeben wurdet)
D'e vollständigen, abgeänderten Sta-
tuten stehen im neuen BrnderschaftSbüch-
lein S. 4—14. Das silberne Zeichen
wurde später bei der Aufnahme eines
neuen Mitgliedes diesem eingehändigt gegen
eine Abgabe von 1 fl. 12 kr.; nach § 4
der genannten Statuten (S. 6 f.) bezahlt
der, welcher sich einschreiben läßt, wenn
er ans der Pfarrei Waldsee ist, 2 M.,
wenn außer der Pfarrei 2 M. 60 Pf.,
weil die Auswärtigen das Wachs für die
Seelengottesdienste nickt selbst mitbringen.
Nach dem Tod eines Mitglieds soll das
Brnderschastözeichen dem Vorstand zurück-
gegeben werden, worauf der Name deö
Verstorbenen in das Seelenregister einge-
tragen wird und drei Brnderschaftsmesscn
gelesen werden.
') Die Bedeutung dieser Bruderschaft erhellt
schon aus der Tatsache, daß zu Biber ach unter
Pfarrer bl. Ambr. Manz (1598—1604) eine
S eb ast i ans bru d ers ch aft errichtet wurde mit
dem Zusatz, daß die Bruderschaftsmitglieder auch
in Wnldsee eingeschrieben würden, was später
jedoch unterlassen wurdc. (S. diese Zeitschrift
1886, S. 98.)
2) „Die geistliche Glücksscheibe der löbl.
Bruderschaft zum hl. Märtyrer Sebastianus, ent-
hält die Satzungen, Gottesdienste und geistlichen
Gutthaten besagter Bruderschaft in Waldsee, so-
wie verschiedene für Jedermann nothwendige und
heilsame Andachtsübungen". Mit Erlaubnis der
kirchlichen Oberen erstmals gedruckt 1757, jetzt
umgearbeitet und vermehrr von Thomas Sommer,
Pfarrer in Großengstingen. Druck und Verlag
von Karl Liebel in WiÄdsee, 1877.
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