Beck, Paul [Hrsg.]; Hofele, Engelbert [Hrsg.]; Diözese Rottenburg [Hrsg.]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 23.1905

Seite: 76
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Bergatreute.
Bergatreute, ehemals dem Kloster Wein-
garten inkorporiert, war bekannt wegen
seiner marianischen Wallfahrt, gegen welche
die Oberbehörde wiederholt einschritt?)
Aber die Bergatrenter ließen sich nicht so
leicht nehmen, was sie lieb gewonnen hatten.
„Bigottsten, Andächteleien, Schwärmereien"
werden ihnen vorgeworfen und noch 1827
wird berichtet, daß „der Gottesdienst mit
einer Menge verbotener Prozessionen, Zere-
monien, Expositionen, Segen, Betstunden
entstellt" sei. Damit ist bereits ange-
deutet, daß auch Bergatreute seine Bruder-
schaften hatte. Das Dekanatsarchiv er-
wähnt zwei. Nach einem Protokoll von
1818 bestanden dort die Rosen kranz-
bruderschaft und eine andere vom
hl. Joseph, die jedoch damals schon
mit einander verschmolzen wurden, lieber
ihren Ursprung daselbst verlautet nichts.
Sie besaßen einst einen Fonds, den fromme
Mitglieder zusammengelegt hatten, der aber
1788 mit anderen Kirchengeldern nach Wien
in den Neligiousfonds abgeschickt wurde, wo-
für seit 1807 keine Zinsen mehr geflossen sind.
An Monatssonntagen wurden Prozessionen
abgehalten mit Vortragung eines Marien-
bildes und eines Bildes des hl. Josephs
(1818 mit Absingen der lauretanischen
Litanei in lateinischer Sprache); bei guter
Witterung fanden sie im Freien statt (um
die Kirche herum). Auch wurde an diesen
Tagen ein Opfer abgegeben, das vom
Pfarrer eingezogen und unter Aussicht des
Kirchenpflegers verwaltet wurde. Davon
bezog der Pfarrer jährlich für die Um-
gänge 8 fl., für Bruderschaftsmessen
8 fl.; der Mesner jährlich 4 fl.;
der geringe Ueberschuß wurde zu Kult-
kosten verwendet. 1826 wurde der außer-
ordentliche Bruderschaftsgottesdienst ab-
gestellt und schon 1827 heißt es, die
Bruderschaften seien ganz aufgehoben.
Seitdem weiß man von diesen Bruder-
schaften dort nichts mehr. Auch die all-
gemeine Gottesdienstordnung änderte nichts
daran. Man war dort allerdings nicht
besonders mit ihr zufrieden. Daß hier so
schnell mit den Bruderschaften aufgeräumt
wurde, ehe der heftigste Kampf gegen sie
-) Vgl. betreffend „Taufe toter Kinder" zu B.
„Freiburger Diözes.-Arch." 4, SIS ff.

entbrannte, ist etwas ausfallend. Ohne
Widerstand ging es nicht. Es scheint, daß
die Geistlichkeit dort mit besonderem „Eifer"
dagegen auftrat. Ein heftiger Gegner der
Bruderschaften war der 1843 nach Bergat-
reute versetzte Kaplan und nachherige
Apostat Wangen m nller; seine Schrift:
„Hat die römisch katholische Kirche Ge-
brechen?" (1844) legt Zeugnis hievon ab.
„Sogenannte Bruderschaften," schreibt er
S. 22, „sind in der Kirche nicht zu billigen,
denn sie befördern den Geist des Partikn-
lariSmus und des Hochmuts"; vgl. auch
S. 21. An die Nesuszitierung einer alten
Bruderschaft zu Bergatreute war also da-
mals nicht zu denken.
Auch au auswärtigen Bruderschaften
sollen die Pfarrangehörigen nach Berichten
von 1818—1844 nicht teilgenoimnen haben;
doch findet man solche in S ch us s enri e d
eingeschrieben und ohne Zweifel auch in
näher gelegenen Bruderschaften. Auch die
zu Bergatreute waren in der Umgegend
verbreitet.
Dietmann s.
Hier wurde im Jahr 1679 eine St.
Josephs-Bruderschaft') eingeführt
und von Papst Innozenz XI. mit Ablässen
versehen. Zweck der Bruderschaft ist, für
die Mitglieder Nachlassung der Sünden,
ein tugendhaftes Leben, eine glückselige
Sterbstunde und geschwinde Erlösung ans
dem Fcgfener zu erlangen. Die Mitglieder
sollen jährlich viermal die heiligen Sakra-
mente empfangen und täglich ein Vater-
unser beten. Im 18. Jahrhundert er-
freute sich diese Bruderschaft einer großen
Verbreitung auch außerhalb der Pfarrei
Dielmanns. Die Bruderschaftsfeste wurden
durch Herbeiziehung von Ordensgeistlichen
mit großem Glanz gefeiert. An den ein-
zelnen Feste» und Monatssonntagen
waren Prozessionen üblich; diese durften
laut Visitativnsrezeß von 1820 „ordnungs-
mäßig" nur vormittags abgehalten werden.
Seit 100 Jahren ist die Bruderschaft ans
Dietmanns beschränkt.
Manche Pfarrkinder ließen sich auch in
auswärtige Bruderschaften einschreiben, so
z. B. in Schussenried.
st Hierüber nichts im Dekanatsarchiv; das
! Folgende nach gütiger Mitteilung des hochw.
! Herrn Pfarrers Nnnnemnacher.
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