Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 25.1907

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Deutschordens ihre Erhaltung mächtigeren
Einflüssen zu verdanken hatten. Das
Wengenkloster hatte sich gleich nach der
Reformation zur Pastoration der in Ulm
übrig gebliebenen Katholiken sür moralisch
verpflichtet erachtet und dieselbe freiwillig
übernommen, welcher Zustand indes als-
bald dnrch den Standpunkt des Bischöf-
lichen Ordinariats Konstanz, in dessen
Sprengel Ulm gehörte, legalisiert wurde.
Im Jahre 1578 erließ nämlich der Kon-
stanzer Kardinalbischos Mark Sittich von
Hohenems folgendes Breve an den Ulmer
Propst Seb. Salzmann (1560—85):
„Wir bitten und befehlen, daß du die
katholischen Gläubigen jeden Alters und
Geschlechts, die in Ulm und dessen Um-
gebung ohne katholischen Priester und
Seelsorger gleichsam als zerstreute Schäf-
lein noch vorhanden sind, mit den heiligen
Sakramenten versehest uud die üörigeu
seelsorgerlichen Obliegenheiten ihnen gegen-
über erfüllest, wie sie der wirkliche Hirt
und Pfarrer erfüllen würde oder müßte."
Dieses Ansinnen wurde nach einigen
Jahren wieder vom Konstanzer Ordinariat
erneuert und amtlich auch darauf ge-
drungen, die Ulmer Katholiken möchten
doch mit allem Eifer anch zur Beobachtung
des Freitagsgebotes angehalten werden. Eine
Pfarrei oder irgend eine katholische geistliche
Pfründe bestand aber in Ulm beim
Wengenstift von Zeiten der Reformation
bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts
nicht. Das Weugenkloster stand auch in
keinerlei Verhältnis zu dem damaligen
katholischen Landkapitel Blaubeuren (jetzt
Ulm), iu welches die nahen katholischen
Ortschaften Söflingen, Burlafingen, Herr-
lingen, Dornstadt :c. gehörten. Von
einer freien öffentlichen Neligionsübung
war, wie gesagt, fortan bei den Ulmer
Katholiken keine Rede; vielmehr war die
katholische Religion eigentlich bloß noch
als Privatgottesdienst geduldet und hing
dieser Zustand mehr oder weniger von
dem guten Willeu des Magistrats ab.
Letzterer war meist nicht weit her. Die
Ratsherren, so wenig gut sie mit eiuander
oft standen, voran die Schad und Gen.,
überboten einander an Voreingenommen-
heit und Antipathie gegen alles Katho-
lische, insbesondere Papistische; und daß
man bei solchem Beispiele der Vornehmen

unter der Bürgerschaft und noch mehr
unter dem gemeinen Volk nur Hohn und
Spott für alles Katholische hatte, liegt
auf der Hand. Nach den in dieser Rich-
tnng mit dem Magistrat von Zeit zu Zeit
getroffeneu Abkommen hatte aller und
jeder katholische Gottesdienst sich strenge
innerhalb der geschlossenen Mauern (intra
sepw) zu halten und waren die beiven
katholischen Gotteshäuser reine Privat-
kirchen; in erster Linie war die ans
dem Jahre 1337 stammende, im Innern
zwar seitdem durchweg veränderte Wengen-
kirche zu St. Michael (welche — neben-
bei bemerkt — anch von auswärts, na-
mentlich wegen der 5 Wundenbruderschast
— s. über dieselbe Beck im (Ellwanger)
„Katholischen Wochenblatt" von 1886,
Nr. 27, S. 213 — ziemlich Znlaus er-
hielt) zur Befriedigung der religiösen Be-
dürfnisse der katholischen Einwohner be-
stimmt und hiefür vom Abte ein eigener
Klosterpfarrer — lucus a non 1ucen6o —
aufgestellt, während die Deutfch Haus-
ki rche in der Regel auf die Insassen der
Komturei beschränkt blieb und bloß in
subsidiärer Weise sich weiterem, namentlich
über die Daner der schwäbischen Kreis-
versammlungen sich einstellendem Besuch
öffnen sollte und anch tatsächlich nament-
lich gerne von vornehmen Kreisen, ins-
besondere zur Zeit der genannten Sitzungen,
besucht winde — eine Einrichtung, welche
vom Rate vermutlich deshalb getroffen
worden war, weil er die „Wengenherrn"
viel eher in der Hand hatte, während dem
hohen, gestrengen Herrn Landkomtur weit
weniger beizukommen war. Da weder der
einen noch der anderen Kirche die min-
desten Parochialrechte zukamen, dieselben
auch keiue Kirchenbücher ^) führen durften
und nnr das Münster eine Pfarrkirche war,
so mnßten die Eltern ihre katholischen

') Von der Deutschhauskirche wurde ein bis
auf den 19. November 1703 zurückgehendes
Privattaufbuch geführt, welches bei Errichtung
der katholischen Stadtpfarrei Ulm noch vorhanden
war. — In den Konstanzer Diözefankatalogen
von 1779 und 1794 (S. 39 und 6) wird die
Deutschkaplanei zur hl. Dreieinigkeit beim
Landkapitel Blaubeuren aufgeführt. Als deren
Inhaber wird von 1774 ff. Joh. Jos. Kin-
zinger ans Mergentheim (z.B. 1749) und von
1792 ff. der Deutschordenspriester Martin
Offenstein genannt.
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