Beilage zum Diözesan-Archiv von Schwaben — 1892

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ITr. (6.

eilage ;itm Kiöpssn-Urchiv

von Schwaben.

^892.

Ein urwüchsiges und seltenes altes Buch über
das l;l. Blut zu Weingarten.

(Schluß.)

Ausser disen benahmsten Tagen wird freylich das heiligiste
Blut auch mehrmal gezeiget; doch ist dißfahls nichts gewises
verordnet: sondern die gantze Sach ist gestellet in der Be-
scheidenheit und Willknhr der jenigen, deren Obsorg und Ver-
wahrung diser grosse Schatz, und die darzu gehörige Schüssel
anvertrauet seynd. Jedoch ist allda wol zu bedencken jenes
Sprichwort: nimm Copia Contemptum parit: was gar zu
gemein, wird wenig geachtet. So soll dann (die anfänglich-
gesetzte Frag endlich zu entscheiden) das heiligiste Blut zwar
denen Frommen Walfahrteren zu Trost, denen' Krancken, und
Presthafften aber zur Hilff, und Genesung öffters gezeiget
werden, doch mit solcher Behüt- und Gespahrsammkeit, daß
ein so hochschätzbares Heiligthum wegen gar zu vilfältiger Vor-
weisung nit etwann in ein unanferbänliche Gering-Achtnng ge-
zogen werde.

Gleichwie aber GOTT, und die Natur sich von keinen
Menschlichen Gesätzen einschrencken lassen; also kan kein ge-
wisse Regel vorgeschriben werden, wie vilmal bey Sommers-
Zeit zu dem gewöhnlichen Wetter-Segnen das H. Blut öffent-
lich solle hervor getragen werden. Sintemalen diseS in Gegenwart
des; gantzen Convents, sehe es zu was immer für einer Zeit,
nach uralten Gebrauch, eben sobald, und offt zu geschehen
pfleget, als bald, und offt der Himmel ein gefährliches Donner-
Wetter anzutrohen begönnet. Wobey sich nit wenig zu ver-
wunderen, daß das fromme Christen-Volck unverzüglich der
Closter-Kirche» hänffig znlausfet, und auch so gar die Benach-
barte Herren Lutheraner sich erfreuen, wann sie zu besagtem
H. Blut-Segen die Weingartische Glocken zusammen läuten
hören, wol wissende ans; langer Erfahrung, was grosse Wetter-
Gefahren, und daraus; erfolgende Land-Schäden von uns dar-
dnrch abgcwendet werde».

8 4-

Es ist in dem vvrgehenden § 3. angemercket worden, das;
neben dort-erzehlten Fest-Tägen das heiligiste Blut in Wein-
garten auch an dem H. Char-Freytag allem gegenwärtigen
Christen-Volck zu sehen, und zu küssen dargereichet werde,
dabey sich wahrhafftig Niemand einfinden solle, der nit ein
sondere Gemüths-Negung in seinem Hertzen empfinde, in reisfer
Betrachtung, was ausserordentlicher Himmels-Gunst und Gnad
es sehe, das; an disem Tag auß der Seiten, und Hertz JESU
vergossene heiligiste Blut, den theüristen Werth unserer Er-
lösung, sichtbarlich verehren, und anbctlen zu können.

Es wollen zwar einige in diser anmüthig-jährlichen Kirchen-
Begängnnß beobachten, und bey nahe glauben, das; höchst-gc-
dachtes heiligiste Seiten-Blut Christi JEsu etwas grösser zu
seyu scheine, als sonsten: welches aber durchaus; nit zu be-
haupten ; weilen die Meynnng und Aussag der Ansehenden nit
gleichförmig, und also unfähig ein so grosses Wunder zu
Probieren.

Jedoch dessen »nangcsehen haben wir ein gewiß lesenö-
würdigen Briefs allda beyrncken wollen, welchen obiger Ur-
sachen halber Herr Joannes Besserer, Weyland Bürgermeister

zu Ravenspnrg, an unseren Abbten Gerwic Blarer de Girspcrg
Anno 1527. den 16.ten April geschriben. Das Alterthum
dises Brieffs kan anß der Schreib- und Red-Art selbst schcin-
barlich ersehen werden, dessen End von Wort zu Wort also
lautet:

Euer Gnaden haut mich etlich Janr uff den Karfrytag
hinuß gelat zu sähen, wie das heilig Plntt sich mere. Also
laut myh GOtt läben, so wyll ih uff jez Frytag hinuß kom-
men mit samp meinem Schwager. Geben in VII * Ziustag
vor Öfteren im 27.ten Jaur in der 9. Stund Vormittag.

Hans Besserer.

* Anno 1527. littera Dom. fuit F. Aureus Numerus 8. Conse-
quenter juxta antiquum Calend. tune temporis usitatum, Pascha in-
cidit in 2 1. April. & sic Dies Martis, übet' Zinstag vvr Öfteren, in
his litteris assignatus, fuit 16. April.

Aus disem Briefs NUN erhellet klar, wie Abbt Gerwic,
von Costantz am Bodensee gebürtig, schon zu seiner Zeit dar-
für gehalten, das; unser heiliges Blut am Char-Freytag grösser
zuseyn scheine, als sonsten. Welcher Wahn, und Meynnng um
desto minder zu verachten, je gewiser und bekandter cs ist,
was für ein gewaltiger, fromm- und hoch-vernünfftiger Mann
diser Prälat gewesen.

Er hat 2. Clöster erstlich (a) Weingarten, hernach auch
Ochsenhauscn zu gleicher Zeit als Abbt löblichist regieret.
Papst Pius der Vierte hat ihn Anno 1591. durch ein beson-
deres Apostolische Breve auf die Tridentinische Kirchcn-Ver-
sammlung eingeladc», und bald darauf einen anderen (b) Briefs
an selben abgeschickt mit besonderen Befelchen und Underricht,
wie er mit dem Pharensischen Bischoffen Zacharia, als in das
von allbereit eingerissene» Lutherthnm gantz zerrittene Teütsch-
land verordneten Apostolischen Bottschaffter, oder Nuntio
Apostolico über die damals vbschwebende Religions-Schwie-
rigkeiten sich besprechen, und underrcdcn solle. Kayscr Carl
der Fünsfte, und Ferdinandus der Erste Römischer König,
haben Gerwicnm für ihren Kayserlichcn und Königl. Rath
ernennet, (c) und ihme underschidene Rcichs-Geschäfft, und
Commissionen zu entrichten gnädigist aufgetragcn: auch haben
höchstdieselbe mehrmalen (dj Kaiserl. Befelch an ihn ergehen
lassen, im Kayserl. Namen, und Gewalt da und dorten im
Reich die Huldigungen zu empfangen; die auß feilen Orten
verstoßene Katholische Geistlichkeit in ihre vorhero rechtmässig-
zugehörige Kirchen, und Pfründen wider einzusetzen; die Stadt-
Magistrat zu reformieren, wo eö nöthig seyn wurde; und alle
anß der vergifftcn Lehr des; Luthers dazumal neu-entstandene
Glaubens-Verwirrungen bestmöglichstens beyzulegen. Währen-
den welchen Reichs-Geschäfften eö sich zugetragen, (e) daß
unser wahrhafftig grosser Religions-Eyfcrer Gerwicus Anno
1547. den 9.ten Inn. (1) in der Löbl. Reichs-Stadt Ulm an
dem H. Fronleichnams-Fest das hochwürdigiste Gut durch ein
herrliche Procession herum getragen, welches hernach bey völlig-
eingerissenen Lutherthum in besagter allgemeinen Stadt nit
mehr geschehen seyn sollen.

(ä) Weingart. Abbas electus est 1520. 29. Febr. Ochsenhusij
Abbas Anno 1347. 5. Martij. üb Abbat. Weing. pag. 808. Item
Bucel. Ephem. 26. Maij.

(b) Litt. Pij IV. Pap. ad Gervvicum descripta habetur in lib.
Abb. Weingart, pag 808.

(c) 153°. Gerwicus consiliarius Caroli V. Imperatoris: & Anno
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