Beilage zum Diözesan-Archiv von Schwaben — 1892

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über 11. Uhr, da doch sonsten der gantze Umgangs-Kreyß in
einer Stund beyläuffig durchloffen werden kunnte. In der
Widerknnfft wird das hochheilige Blut von dem gantzen Wein-
gartischen Convent, und dessen jeweiligen Hochwürdigen Herren
Prälaten (wann nit etwann einem Geistlichen hochen Ehren-
Gast sothanne herrliche Kirchen-Funktion zu verrichten ange-
tragen wird) in PontilicLlibius andächtig empfangen, durch
die gantze in schönster Ordnung gestellte Reitterey under Ab-
süngung deß 79.ten Psalmen: Qui regis Israel, intende:
öffentlich in die Kirchen getragen, und sodann darmit über
das allgemeine liebe Vatterland, sonderlich über daö Anwesende
Fromme Christen-Volck der leiste Segen gegeben, mithin die
Procession zwar geendiget, aber der Anfang gemacht eines
höchst-feyrlichen Hoch-Ambts von unserem gegenwärtigen hei-
ligisten Seiten-Blut Christi JESU, welches schon vor- und
von vilen Jahren her beobachtet worden.

Unsere liebe in GOTT ruhende Vorfahrer haben hertz-
lich gewnnschen, und sich grosse Mühe gegeben, den gegen-
wärtigen Freytag neben jetz-beschribener Procession ans Weiß
und Art, wie das H. Blut-Fest am 12.len Mertzen, mit einem
besonderen Chor-Gebett und GOttsdienst feyrlich begehen zu
können. Weilen sie aber dises ihres Wunsches und Vorhabens
nit gewähret worden, so haben sie sich mit vor-bemelten Hoch-
Ambt begnügen lassen. Es ist (schreibt unser arbeitsammer
U. Gabriel Bucelin in seinem Weingartischen Tag-Buch auf
den 2.ten Inn. deß 1639. Jahrs) under uns gehandlet und
abgeredt worden, wie man eyfrigstens dahin beflissen sehn wolle,
daß ans morgigen Tag (welches der nächste Freytag nach
Auffahrt Christi * wäre) das schon lang erwünschte hoch-feür-
liche H. Blut-Fest ehestens hergestellet und eingesetzt werde.

* Juxta computum novi, & correcti Calendarij 1639. Litt. Dom.
fuit B. Aureus Numerus 6. Epacta XXVI. Consequenter illo Anno
Pascha incidit in 24. April. & Ascensio Domini in 2. Junij ac pro-
ximus Dies Veneris in 3. Junij.

An dem nächst erfolgten Tag deß gedachten Jahrs 1639.
hat offt-ermelter P. Bucelin nachstehendes anfgezeichnet: ob-
wolen daö H. Blut wegen denen annoch wütenden Schwedi-
schen Kriegs-Flammen in ein sicheres Ort geflöhnet nit allhier
wäre, so hat man doch an dem heütigen Tag die von alten
Zeiten her durch die Felder gebräuchliche Procession gehalten,
an statt deß H. Bluts aber ist ein Creütz von Caravac ge-
tragen, und hernach bey der Znrückkunfft ein Hoch-Ambt von
eben disem heiligisten Blut in dessen Capellen hochfeyrlich ab-
gesnngen worden.

Anno llr93. hat Weingarten abermal bey dem Päpst-
lichen Stuhl um endliche Verwilligung demüthigist angeflehet,
von dem heiligisten Seiten-Blut Christi JESU sowol an dessen
jährlichen Erfündungs-Gedächtnuß den 12.ten Mertzen, als an
mehr-angeregten Freytag nach der Auffart einen hochfeyrlichen
GOttsdienst, oder Olücium Canonicum halten zu können.
Daö erstere ist allergnädigst verwilliget worden, wie oben auß-
führlich zu ersehen. Uber das andere hat die H. Cardinäl-
Versammlung keinen Entschluß zwar ergehen lassen, jedoch
denen Religiösen zu Weingarten in so weit Erlaubnuß er-
theilet, daß sie an besagten Freytag in ihren H. H. Messen
ein Commemoraticm, oder Collect von dem heiligisten Blut
nemruen mögen.

8 2.

Unser mehrmal angezogener P. Gabriel Bucelin, welcher
die vor- und zu seinen Zeiten zngetragene Weingartische
Closter-Geschichten und Begebenheiten fleissig und unermüdet
ausgezeichnet, hat in dem schon offt-benahmsten Weingartischen
Tag-Buch auf den 31.ten May folgende Anmerckung hinder-

lassen. Anno 1090. hat Juditha erstlich deß Tostici Königs
in Engelland, nachmalen aber Guelfonis deß Vierten Ehe-
Gemahlin in Gegenwart ihrer 2. Söhnen Guelfonis deß Jün-
geren, der hernach mit der Hertzogin Mathilde sich verehliget,
und Henrici zugenannt deß Grossen und Schwartzen, den
werthisten Schatz der gantzen Welt, daß kostbariste Pfand der
Menschlichen Erlösung, daß allerheiligiste Hertz- und Seiten-
Blut Christi JEsn, mit einer recht Königlichen Freygebigkeit,
durch ein solenne und zierliche Ubergab, unserem Gottshanß
auf ewige Zeiten eingehändiget, und zwar an dem nächsten
Freytag »ach der Himmel-Fahrt des Herrn, welcher Tag sel-
biges Jahrs auf den 31.ten May gefallen, * wie es die Regle»
deß alten, damals gebräuchlichen Calenders außweisen. Von
welcher Zeit her (fahret Bucelinus weiter fort) ein nnunder-
brochene Gewohnheit erwachsen, daß an erwehntem Freytag
das heiligiste Blut mit einer herrlichen Procession in Beglei-
tung einer wol geordneten Reitterey, durch die nächst-gelegene
Fclher herumgetragen, und selbiger Tag bey großem Zulaufs
des; Volcks all-jährlich zu Weingarten hoch-feyrlich begangen
werde.

* Anno 1090. Litt. Dom. fuit F. Aureus Numerus 8. Conse-
quenter juxta antiquum Calendarium Pascha incidit in 21. April. &
Ascensio Domini in 30. May. Dies Veneris autem proximus in 31.
ejusdem Mensis.

Solle aber einem dise Bucelinische Anmerckung den ersten
Ursprung unsers H. Blut-Ritts zu probieren nit genugsam
und erklecklich Vorkommen, der lasse sich aufs wenigist mit
dessen mehr hundert-jährigen Alterthnm zufriden stellen. Sinte-
malen schon vor 200. Jahren unwidersprechlich gesagt worden,
daß der Weingartische H. Blnt-Ritt von Alter her im Brauch
gewesen, wie solches 2. Briefs klar bezeügen, welche von Wein-
garten ans; an den bald da, bald dort in Kayserl. Reichs-
Geschäfften gestandene, und ob- berühmten Abbten Gerwic zu-
gesändet worden. Diser 2. Brieffen Jnnhalt solle von Wort
zu Wort, so vil es die gegenwärtige Sach berühret, hieher
gesetzt werden, damit abermal die einfältig alt-tcütsche Schreib-
und Red-Art, zugleich aber auch der beweinens-würdige Zu-
stand, und die schmertzliche Verwirrung, so die gegen 3. viertel
Stund weit von Weingarten entlegene Löbliche Reichs-Stadt
Ravenspurg bey dein leydigen Abfall erlitten, daraus; möge
erkennet werden. Das erste Schreiben de Anno 1529. den
5.teil May lautet also:

Ehrwürdiger Gnädiger Herr, mein Herr Grvß-Keller hat
mir bevohlen E. Gn. zu schreiben, wie der Bruch von Alter
her gewesen, daß die von Ravenspurg, E, G». oder pemandten
von E. Gn. wegen, um das heilig Blut durch die Stadt zu
fielen auf Creütz-Mitwoch gebetten haben, daß aber jetz nit
beschehen ist, pemandten zu M. Herrn Groß-Keller von wegen
E. Gn. kommen ist, wie wol edtlich sagen, der Znnfftmeister
Dösch der sy darum von wegen deren von Ravenspurg by E.
Gn. gewesen, daß aber mein Herr Groß-Keller und ich kai»
Wissen haben, auf näst Möntag verschinen, ob er by E. Gn.
darum gewesen werc, so wöllc die Nottnrst erforderen, das;
E. Gn. die Knecht und Ros; hernf schickte, wan dan E. Gn.
nit gern mit herauf reüten wölte, musten sy an Fritag zu
Nacht wider by E. Gn. sin, öb sy dan E. Gn. nit gebetten
hödten das uns E. Gn. Bericht thät wie wir uns halten söllen
öb wir wie von allther her durch die Stadt reüten söllen oder
nit, das; wöll uns E. Gn. damit wyr Nichten versommen, gnä-
diger Mainung vernömmen, und uns das wissen lassen Out.
Creütz-Mittwochen * Anno 1529.

E. Gn. Underthaniger williger

Diener Hans Kain.
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