Beilage zum Diözesan-Archiv von Schwaben — 1893

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eilagk rum Klöresan-Mchiv

Ar. ls.

von Schwaben.

W3.

Die Hiriaurr Sk. NnreliusKirchr und die Grab-
stätte Bertolds 1. von Zähringen.

Geschichte und Schicksale unserer 1059—1071 erbauten,
seit 1585 durch Abbruch des Chors und Querschiffs in ein
Magazin der Herzoglichen Forstverwaltung umgewandelten,
bis vor kurzem noch als Vorratsraum für allerlei benützten,
im Augenblick aber ganz leer stehenden St. Aurelius-
kirche legten dem Unterzeichneten den Wunsch und die Hoff-
nung nahe, mittelst Grabungen ans diesem altehrwürdigen
Boden Nachforschungen anzustellen, welche sich verlohnen
könnten. Von der in dem gegebenen Fall zutreffenden Vor-
aussetzung und Erwartung geleitet, es werde sich in dem
Mittelschiff und zwar in der Nähe des in das Querschiss
überleitenden Triumphbogens am ehesten etwas finden lassen,
wurde das grobe Pflaster aus dem Jahr 1585, in welchem
die schönen attischen Basen der wuchtigen Säulen des Mittel-
schiffs bis an den Ring, aus welchem der Schaft hervor-
wächst , stecken, in einer bedeutenden Länge und Breite ent-
fernt. In einer Tiefe von 55—60 cm fand sich die ursprüng-
liche Pflasterung aus dem Jahre 1071 vor, lauter Überecks
gelegte, ans tiefem Sand gelagerte, quadratische Steinplättchen
in einer Dicke von 0,17, jede Seite 0,35 cm. Vier Meter
von dem Triumphbogen rückwärts, d. h. nach Westen oder
in das Mittelschiff hinein, genau in der Längenachse des
Schiffs, stießen die Arbeiter in einer Tiefe von nur 0,20 m
unter dem zweiten Plattenboden ans einen von West nach
Ost gelegten mächtigen, den Lorcher Hohenstanfensärgen
ähnlichen Steinsarg. Dieser Behälter hat die Gestalt einer
großen, länglichviereckigen Kiste von 2,32 m Länge, 0,95 m
Breite, 0,50 m Tiefe. Die Ränder des Sarges sind 0,20 m
breit, die äußeren wie die inneren Wandungen zeigen sich
ziemlich roh zubehauen, während der Boden schön glatt be-
handelt ist und da, wo dereinst das Haupt auflag (also gegen
Westen) eine muldenförmige Vertiefung, von einem Halbkreis
eingefaßt und um weniges erhöht über dem Boden, aufweist.
Die hier bestattete Persönlichkeit muß eine Neckengestalt ge-
wesen sein, denn es entfallen auf den Leichnam gegen 1,92 m
Längenraum. All diese Wahrnehmungen konnten aber, ob-
wohl von Anfang an ein Deckel oder Grabplatte mit Wappen,
Umschrift und sonstigen Zeichen fehlte, erst sehr allmählich ge-
macht werden, weil sich das Innere des steinernen Behält-
nisses bis auf 1 cm unter den Kanten oder Rändern mit Bruch-
steinen und Backsteinen kunstgerecht gemauert zeigte — ein
seltsamer Umstand, der zugleich einen hochwichtigen Fingerzeig
(s. unten) abgiebt. So mußte denn erst die festgeschlossene,
füllende Masse ansgegraben und so die Höhlung, in welcher
auch nicht das kleinste Stückchen Gebein, so wenig als in
der Mauermasse selbst sich vorfand, freigelegt werden. Auf
Grund der Geschichte und Schicksale der St. Aureliuskirche,
sowie aus Lage und Beschaffenheit jenes Steinsarges glaubt
aber nun der Berichterstatter sagen zu dürfen, daß wir in
der glücklichen Lage uns befinden, mit fast mathematischer
Bestimmtheit erklären zu können: Dieser Sarg hat die

irdischen Reste Bertolds I. von Zähringen, Herzogs
von Kärnten, Vaters des Stifters des G r 0 ß -

herzoglichen badischen H e r r s ch e r g e s ch l e ch t s (H e r -
manns I.), in sich gefaßt. Es ist nämlich urkundlich
und allgemein festgestellt und anerkannt, daß Bertold (Bert-
hold, Berchtolt), der am 5. oder 6. November 1078 auf
seiner Feste Limburg (Lintburg) bei Weilheim, Oberamts
Kirchheiin u. Teck, mitten in den Kriegswirren des Kampfes
zwischen Heinrich IV. und Rudolf von Schwaben gestorben
ist, in Kloster Hirsau beigesetzt wurde, eben in dieser
unserer 1071 geweihten St. Aureliuskirche, beigesetzt, somit
nur sieben Jahre später als der (zweite) Klosteranfang. Der
neueste Geschichtsschreiber der Zähringer (Professor Dr. E.
Heyck, Gesckichte der Herzoge von Zähringen, Freiburg i. B.,
1891) läßt sich hierüber (S. 93) also vernehmen: „Seinen
(Bertolds I.) Leichnam, der in Weilheim keine Stätte der
Ruhe mehr hätte finden können, brachten die Seinigen in
dasjenige Kloster, das den Lebenden oft als Freund bei sich
gesehen hatte, nach Hirsau, und hier hat Herzog Bertold
nun auch im Tode Gastfreundschaft gefunden" (vgl. auch Ehr.
Fr. Stälins Württemb. Geschichte. 1841. Band I, Seite
511). Als Laie konnte Bertold nach strenger Cluniazenser
Ordnung weder im Chor noch im Querschiff beigesetzt wer-
den , bleiben also nur noch Mittel- und Seitenschiffe der
Kirche übrig oder vielmehr nur das Mittelschiff, denn für
einen mächtigen Reichsfürsten, für den neben Herzog Welf
von Bayern ersten und bedeutendsten Verfechter der Sache des
Gegeukönigs Rudolf und der Gregorianischen Gedanken, deren
Herold in Süddeutschland eben Kloster Hirsau gewesen, für
den Freund und Wohlthäter des Klosters konnte nur ein
Ehrenplatz im Mittelschiff gut genug sein, besser gesagt, der
allererste, den geheiligten Räumen des Querschiffs und des
Chors, wo Hochaltar, Altar des hl. Aurelius mit dessen Re-
liquien und anderen Heiligtümern standen, möglichst nahe ge-
rückte. (Die Zähringer Gruft im Hauskloster zu St. Peter
im Schwarzwald war gleichfalls „im Schiff" der Kirche (Heyck
Seite 218.) Fortgesetzte, auch noch in größere Tiefe drin-
gende Grabungen in dem 4 m breiten Raum zwischen den
ersten unter dem Triumphbogen beginnenden Stufen zum
Querschiff einerseits und dem Ostende des Steinsarges haben
nämlich deutlich gezeigt, daß mit dem Bertold I. zugeschrie-
benen Sarg die Reihe der Särge im Mittelschiff überhaupt
erst beginnt. Streng genommen kann aber von einem „Be-
ginnen" gar nicht gesprochen werden, denn hinter dem frag-
lichen Steinbehälter — gegen Westen — kommt auf mehrere
Meter Länge keine Grabstätte mehr. Es kann nicht gut ein-
gewendet werden, dieser Steinsarg könne ebensogut die irdi-
schen Reste eines anderen bedeutenden Adeligen geborgen
haben, der vor Bertold hier wäre beigesetzt worden, denn
erstens ist urkundlich von einer solchen bedeutenden zweiten
Persönlichkeit nichts bekannt, und wäre auch eine solche Per-
sönlichkeit dort, wo der Sarg sich findet, gebettet gewesen —
nun dann wäre für die spätere Bestattung Bertolds doch noch
weiter gegen Osten Raum genug gewesen (noch 4 m), man
würde Bertolds Grab oberhalb der Ruhestätte jener un-
bekannten erstbestatteten Persönlichkeit angebracht haben, denn
als Fürst ging er jedenfalls vor; der betreffende Raum
zwischen dem, was wir als Bertolds Grab ansehen müssen,
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