Beilage zum Diözesan-Archiv von Schwaben — 1893

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Querreihe der ersten Platte, welche die Unterschrift: „Ein
m o st r a n tz d a r i n / a i n ripp von S. A f f e r / a i n s
knngs sun Mer / ain schulterplat von / sant
hylaria kungin / Sant Affra mutter" zeigt, ist in
ein besonders eingesetztes Holzplättchen, aber von anderer ab-
weichenden und weniger geschickten Hand geschnitten. Das
Plättchen geht nicht durch die ganze Stärke des Holzstockes.
Die Veranlassung zu diesem Verfahren ist nicht mehr festzn-
stellen; vielleicht war die erste Darstellung verunglückt, viel-
leicht ist sie unrichtig gewesen. Es ist von Interesse hieraus
zu sehen, auf welche Weise sich die alten Formschneider in
solchen Fällen.zu helfen wußten. Auch die Hand des Neli-
quiars, das die erste Stelle der zweiten Reihe einnimmt, ist
besonders eingesetzt. In beiden Fällen sind die eingesetzten
Stückchen der Länge nach geschnitten, während die Platten
sonst der Quere nach geschnitten sind. Das Plättchen mit
der Monstranz hat sich geworfen; es ist an den beiden Seiten
höher, denn in der Mitte. Der fehlende Teil der Unterschrift
des Kreuzes in der Mitte der unteren Reihe, das halb auf
dem einen, halb auf dem anderen Holzstocke dargestellt ist,
wurde aus irgend einem Grunde sorgfältig ausgeschnitten.
Die eine der Platten besteht aus drei, die andere ans zwei
querlaufenden' Brettchen, die durch je zwei Einschnbleisten,
von denen jetzt eine fehlt, zusammengehalten sind. Die ein-
zelnen Stücke sind so gut aneinander gefügt, daß man trotz
des hohen Alters der Platten bei den Abdrücken nur an
einigen wenigen Stellen einen kleinen unbedeutenden Spalt
sieht. Die Holzstöcke, je 28,5 cm hoch und 93,5 cm breit,
stammen aus der Zeit von 1480—1490 und sind abgebildet
in „die Holzschnitte rc." auf Tafel 116 —119 (Schreiber
a. ci. O. 1936) und schon bei Paul v. Stetten, Kunst-
gewerbe und Handwerksgeschichte der Reichsstadt Augsburg
(ebendaselbst 1788), II S. 227 erwähnt; der Abdruck von
diesen beiden größeren Holzstöcken im Katalog ist für den
besonderen voraussichtlich erst dem zweiten Teile des Katalogs
beizngebenden Atlas Vorbehalten worden. Nachdem in der
ersten Zeit des Bilddruckes bloß Bilder auf einzelnen Blättern
hergestellt worden waren, zeigte sich in der Folge, von der
Mitte des 15. Jahrhunderts an bereits ein Fortschritt in.
Form verschiedener sogenannter xylographischer Bilderbücher,
die eine Reihe von Bildern mit kurzem erklärendem Text und
Nutzanwendungen enthielten, z. B. die Apokalypse, die Passion,
das Salve Regina rc. Die Frage nach den Meistern dieser
alten Holzstöcke, nach den alten Ulmer Holz- und Formen-
schneidern liegt wohl in aller Leser Munde. Allein — man
hat über diese allen Meister nichts weiter als ein nicht einmal
authentisches Verzeichnis, nach welchem Ulrich vom Jahre
1398, Heinrich, Peter v. Erolzheim und Jörg vom Jahre
1441, Ulrich und Lienhart im Jahre 1442, Claus, Stoffel,
Johann (Jos) vom Jahre 1447, Wilhelm 1455, Ulrich
1461, Wilh., Ulrich, Stoffel 1470, Michel, Hans, Konz,
Lorenz 1476, Vögelin der Schweizer 1481, Hans Schaffer,
Mich. Schorpp, Hans Paur (von dem zwei Blätter in der
öffentlichen Bibliothek zu Stuttgart und im Kupferstich-
kabinett in München vorhanden sind) — der schon mehr
sagenhafte „Ludwig ze Ulm" nicht zu vergessen — ge-
nannt werden,. welche aber nach Bösch (Katalog S. 5)
nicht als Formschneider, sondern als Holzbildhauer zu be-
trachten sein sollen (?). Unter diesen werden wohl die Fer-
tiger der vorangeführten Holzstöcke zu suchen sein, ohne daß
sich indeß irgend etwas Näheres in dieser Richtung ermitteln
ließe. Soviel scheint indeß festzustehen, daß der Formen-

beziehungsweise Holzschnitt in Ulm im 15. Jahrhundert be-
deutend entwickelt war; und hat man natürlich in den anf-
gezählten etlichen 20 Holzschnitten lange nicht das ganze
Material vor sich. In jener Wiegenzeit des Holzschnittes
fand noch keine Arbeitsteilung, welche erst später zu Dürers,
Holbeins Zeiten eintrat, zwischen Zeichner und Holzschneider
statt; und wird der Holzschneider gewöhnlich wohl auch der
Zeichner seiner Blätter gewesen oder werden doch wenig-
stens die Zeichnungen ausschließlich mit Rücksicht darauf
angefertigt worden sein, daß sie in Holz geschnitten werden
sollten. Nach einer Notiz Häßlers in den „Verhandlungen
des Vereins für Kunst und Altertum in Ulm-Oberschwaben"
(elfter Bericht, 1857, S. 24) wurden in dem (von Häßler,
beziehungsweise dem litterarischen Verein in Stuttgart-
Tübingen heransgegebenen) Handlnngsbnche des Ott Ru-
land stets Tischler (Schreiner) als Verfertiger der Tafeln
(Holzstöcke) zu de» Holzschnitten in Tirol zu Anfang
und in der Mitte des 15. Jahrhunderts genannt. Die
ganze Entwicklung der Holzschneidekunst lernt man sehr gut
kennen aus dem Werke des (st) Direktors des Germanischen
Museums A. Essenwein: „die Holzschnitte des 14. und 15.
Jahrhunderts im Geimanischen Museum rc.", Nürnberg 1875.
Auffallend bleibt, daß H a ß l e r in seiner (im Jahre 1840, im Ver-
lage der Stettinschen Buchhandlung erschienenen) Buchdrucker-
geschichte Ulms von diesen Holzstöcken nicht eine Silbe er-
wähnt hat, er müßte damals nur von denselben noch gar
nichts gewußt, dieselben noch gar nicht gekannt, beziehungs-
weise nicht besessen haben. Erstmals erwähnt er sie unseres
Wissens kurz in den schon genannten Veröffentlichungen
a. a. O., wonach die Originalholzstöcke alle vom Kloster-
schreiner in Söflingen herrührten, d. h. verfertigt wurden;
sonst wurden unseres Wissens dieselben in den genannten
Publikationen nicht zum Gegenstand der Besprechung gemacht.

Mis;rllen.

Die Juden von Jerusalem an ihre Brüder in Ulm
— ein Kuriosum. Schon nach des Ulmer Dominikanermönches
Felix Fabri nngedrncktem tractatus de civitate Ulmensi (1. Kap.)
sollen die Inden zu Jerusalem an ihre Glanbensbriider in der Stadt
Ulm einen Brief über die Kreuzigung des Volksverfiihrcrs Jesu von
Nazareth geschrieben haben (»anno 1348, dum Ulmenses combussissent
Iudeos et eorum res lustrarent, repererunt literas missas a Iero-
solimis Iudeis in Ulma, datas tempore Christi etc.«), welchen man zur
Zeit der in Ulm um das Jahr 1348/49 stattgehabten Jndenbrände und
Judenverfolgungen anfgefnnden habe, und welcher einerseits für das '—
hohe Alter Ulms, andererseits für die früheste Judenniederlassnng in
Ulm angeführt wird. Dieser n. a. auch von Wcgelin in seinem thesaurus
rer. Suev. 4, 130 ff. angezogene Brief ist natürlich eine Erfindung,
eine Jndenlegendc, welche neben den im Ulmer Allcrtnmsverein be-
findlichen Schuhen des „ewigen Juden" feil hat. Fabri giebt auch
den Wortlaut desselben: -Fratribus, qui sant in transnrarina regione
Swevie in civitate Ulmensi, Iudeis salutem dicunt fratres, qui sunt
Ierosolimis et in regione Iudea, et pacem bonam. De tribulatione
magna liberati magnifiee gratis agimus, denunciantes vobis, impium
seductorem Iesum Nazarenum, filiurn Ioseph, fore de medio sublatum.
Cum enim eius insultas et blasphemias amplius sustinere non
possemus, ac'cusationem contra eum ad presidem tulimus. Qui auditis
causis nostreque calamitati compatiens plurimum castigatum cruci-
figi iussit et interfici, prout meruit, discipulosque eius dispergi.
Valete.i Fabri, welcher von 1441—1502 lebte, fügt dem »och bei:
Dt h.odie Iudei fatentur, se tales literas habere. Insuper non
multi anni sunt, quod in cimiterio Fratrum Minorum repertus fuit
longe subterra lapis Hebraicis literis inscriptus. Adductus autem
Iudeus, ut scripturam legeret, dixit lapidem illum titulum sepulcri
Iudaici fuisse et ante Christi mortem scripturam illam exaratam.

—ck.

Stuttgart, Bnchdruckerei der Aktiengesellschaft „Deutsches Volksblatt".
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