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Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 6.1861

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https://doi.org/10.11588/diglit.13515#0276

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die doch nirgends in's Kleinliche fiel, fand den weitreichend-
sten Anklang und nahm auf's Höchste für ihn ein. In den
Bildern, an die ich hierbei denke: „heraneilende Gewitter",
„abziehende Gewitter am Kieferngehölz", „Blick in die
Ferne" u. s. w., ist die Technik durchaus deutsch, später
hat Scherres zu den Effekten französischer Technik immer
entschiedener Hinneigung gezeigt. Die Bilder „bei durch-
brechender Sonne am See" und „Winterabend am Strande
eines Eichwaldes" (beide in England), „Abendstille" und
„Rohrreif", dann ein „Schneegestöber", „bei zusammen-
ziehendem Gewitter am See", „winterlicher Sonnenunter-
gang am Waldrande", „unter Wasser stehende Niederung"
geben sämmtlich davon Zeugniß, die letzten beiden so ent-
schieden, daß ein Schritt weiter eine Inkongruenz des
Gegenstandes und der Darstellung zur Folge gehabt hätte.
Aber Scherres hat gezeigt, daß er sich nicht vereinseitigt.
Er nimmt jeweilen auch die frühere Richtung wieder auf,
ja er weiß deutsche und französische Technik mit großer
Feinheit zu vereinigen, und dann producirt er Landschaften,
die für seine besten gelten dürfen, ich nenne z. B. „Herbst-
tag auf hoher Düne" und „Mittag auf der HLhe'll In
jenem ist eine der eigenthümlicksten Terrainbildungen zum
ersten Mal den Bedingungen künstlerischer Komposition un-
terworfen worden, mit Glück, muß man sagen, wenn nian
die Schwierigkeit der Aufgabe in Betracht zieht, und mit
völliger Wahrheit der Charakteristik wie des Vortrages.
Die „Mittagslandschaft" nimmt dagegen ihren Vorwurf
aus der alltäglichsten Naturanschauung. Eine sommerlich
blühende Natur legt sich, von einer nicht ganz unbedeu-
tenden Höhe aus gesehen, auf eine weite Ferne hin vor
Augen, aber nicht klar und durchleuchtet, wie in den kalten
Spatherbsttagen, in denen die Ebenen Preußens allerdings
viel reizender sind, sondern belastet mit der dunstigen Schwüle
des heißesten Sonnenbrandes. In der Abwesenheit kräf-
tiger Schatten lassen Felder und Wiesen und Baumgruppen
der Ferne bis an den dufterfüllten Höhenzug, dev den
Blick am Horizont abfängt, sich nur ungewiß wahrnehmen.
Es war also eine schwierige Luftperspektive durchzuführen,
und hierauf ist künstlerisch der Hanptaccent gelegt. Schließ-
lich finden wir eher ein Erlebnis dargestellt, als ein Ge-
dicht, aber mit so siegreicher Kraft, daß wir uns sehr
genau erinnern, die Wanderschaft auch bei drückendster
Hitze belohnend gefunden zu haben. Ueberschaut man
die ganze Anzahl von Produktionen, die Scherres inner-
halb weniger Jahre durchführte, (das „heraneilende Ge-
witter" ist von 1856) und findet ihn stets neu und an-
ziehend, so muß man anerkennen, daß dieser Künstler
wahrhaft reich an trefflichen Konceptionen und unermüdlich
im strebsamsten Schaffen ist. Seine schwierigste Aufgabe
ist, eine widerstrebende Wirklichkeit mit künstlerischem Geiste
zu durchdringen, und er zeigt sich ihr völlig gewachsen.
Darin steht ihm auf dem Gebiete des Genre der Danziger
W. Striowski gleich, dessen Flissenbilder bereits die
verdiente, und an Ort und Stelle fast enthusiastische An-
erkennung gesunden haben. Die wahrheitsvolle Schilderung
eines der Kunst unzugänglich geglaubten Naturcharakters
war in seinen wie in Scherres' Bildern das Ueberraschende,
ein rührender Wohllaut elegischen Klanges. Die Stimmung,
welche die um's Feuer gelagerten, geigenden, tanzenden,
plaudernden Fliffen Striowski's über die Häßlichkeit und
Rohheit wirklicher Gestalten hinweg in das Gebiet des
Kunstschönen erhob, und das völlige Zusammengehen von
Stimmung und Charakteristik zu lebendigster Wahrheit
des Ausdrucks war das Unwiderstehlich Fesselnde, das für
diese Bilder überall einnahm. Nicht alle sind frei von
Unvollkommenheiten in der Zeichnung und Modellirung,
nicht immer ist in der Beleuchtung das richtige Maaß
gehalten, unverständlich bleibt für den, der den Tanz nicht
kennt, die hockende Gestalt unter den „Fliffen, die den
Kosock tanzen", welche wir letzhin sahen. Indessen ver-
schwinden die Mängel in dem Flusse eines aus tiefstem
Gcmüth hevordringenden, hinreißenden Vortrags, wie

Striowski ihn besitzt, auch hat der Maler mit seinem Kön-
nen keinesweges abgeschlossen. Dies zeigen zwei andere
Gemälde, die wir sahen: „Schlittschuhläufer" und sein
neuestes, „der kleine Drahtbinder", jenes eine außerordent-
lich reiche, mannigfach belebte Komposition in Farben-
stimmungen vorgetragen, wie Scherres sie neuerdings
liebt, dieses ein wunderbar lebensvolles Bild aus der
Kinderwelt, völlig realistisch gehalten, doch von einer An-
muth und einem Adel der Empfindung, welche selbst das
in seiner Gewöhnlichkeit kaum Beachtete zu verschönern
vermögen. Diese Bilder sind zu vortrefflich, um unbeachtet
bleiben zu können, und da sie jetzt in Köln gesehen werden,
so darf ich, um diesen Bericht zu kurzen, eine Besprechung
derselben Andern überlassen.

t München, den 11. Juli. (Ausstellung des
Architekten-Vereins). Der seit Jahren dahier ge-
stehende Architekten - Verein stellte jene Entwürfe seiner
Mitglieder, welche in Köln zur Ausstellung kommen soll-
ten, vor ihrem Abgänge dahin im kleinen Saale des
Museums zur öffentlichen Einsicht aus. Ein öfter wieder-
holter Besuch dieses Lokales war für mich in mehrfacher
Beziehung sehr lehrreich, und bei der großen Bedeutung
der Baukunst für das öffentliche Leben einer- und dem
weiten Gebiete andrerseits, welches derselben durch die
Munificenz unsres Königs dahier gegeben ist, erlauben Sie
mir wohl einige Betrachtungen über die zur Ausstellung
gelangten Entwürfe in Ihrem geschätzten Blatte nieder-
zulegen.

Ich glaube nicht vorausschicken zu müssen, daß so ziem-
lich jeder von unseren bedeutenderen Architekten seinem
Ideale auf eigenem Pfade nachstrebt und darauf sich durch
Andere ebenso wenig beirren läßt als er sie selber beirrt.
Und gerade dadurch erweist sich die Baukunst recht als
eine freie Kunst, unbeengt von einer ofsiciell aufgestellten
Schulnorm, dem Fluche jedes geistigen Vorwärtsstrebens.
Wie zur Zeit der Negierung des Königs Ludwig hellenische
und altdeutsche, romanische und moderne Bauten friedlich
neben einander emporwuchsen, so leben noch heute die
Träger der einzelnen Systeme ruhig nebeneinander, und
jeder wirkt in den ihm durch die Umstände angewiesenen
Kreise nach Lust und Kräften.

Unter den vorliegenden Arbeiten nahmen besonders die
von Berger, Bürklein, Degen, Lud. Foltz, Gott-
getreu, Hügel, Lange, Neurcuther, Reuter, Rie-
del, Röbel und Vanstratten meine Aufmerksamkeit
in Anspruch.

Berger befand sich seinerzeit unter den Konkurrenten
für die Wiener Votiv-Kirche. Seine Entwürfe für dieselbe
scheinen mir jedoch den Thürmen zum Nachtheile der Kirche
selbst eine zu große Bedeutung einzuräumen und selbe ge-
wissermaßen zur Hauptsache zu machen, wie denn überhaupt
das ornamentale Element in dem Entwürfe die Oberhand
gewann. Dabei fehlt es jedoch keineswegs an Großartigkeit
der Konccption. Bürklein entwarf dagegen eine große
Kirche im romanischen Geschmacke, deren Verhältnisse nur
etwas schwerfällig geriethen. Wahrhaft störend ist chas
riesige Quadrat, welches die Rose im Giebelfeld der Kirche
oberhalb des Hauptportales einschließt und mit keiner der
Hauptformen in Einklang steht. Von Degen sah ich eine
Reihe seiner Entwürfe für den Holz- und Ziegel-Rohbau,
welche ihm einen so bekannten Namen verschafften und
welche nicht blos in Deutschland, sondern auch in Frank-
reich und England vielfach zur Ausführung und Benutzung
kommen. Ihm gebührt namentlich das Verdienst, unseren
Gebirgssti.l sortgebildet und in weitesten Kreisen eingeführt
zu haben. Als eine vorzügliche Arbeit muß namentlich sein
„Entwurf eines Wohnhauses in München" bezeichnet wer-
den, in welchem er, die Principien hellenischer Bauweise
dem Bedürfnisse eines deutschen Stadthauses anpassend,
die Grazie des Alterthums mit moderner Behaglichkeit auf
das Glücklichste zu vereinigen wußte. (Schluß folgt.)
 
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