Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 6.1861

DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.13515#0278

DWork-Logo
Overview
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
262

Kunstgeschichte und Antiquitäten.

-Line Wanderung durch „die Kunstkammer" im Neuen Museum. (Fortsetzung.)

Bon M. Sr.

g. Die plastischen Werke in Elfenbein, Holz,
Horn, Stein, Metall, Wachs, Kork und Papier
mach«, ferner die Arbeiten in Nashorn, Knochen,
Nautilus, Perlmutter, Korallen u. s. f., welche hier
zusammengefaßt werden müssen, bilden in künstlerischer Be-
ziehung unstreitig den wichtigsten und interessantesten Theil
der Kunstkammer, sowie auch den überwiegend zahlreichsten,
(von Elfenbeinskülpturen sind allein fast 600 Stück, von
Holzbildwerken über 400 vorhanden). Ihre Herstellungs-
zeit umfaßt mehr als ein Jahrtausend. — Wir beginnen
mit dem III. Schrank^), welcher die Elfenbein und Holz-
schnitzwerke aus dem 6. bis 15. Jahrhundert umfaßt. In
dem obern Fache fällt unser Blick zunächst auf mehre
große Jagdhörner aus Elfenbein mit reichen Relief-
schnitzereien, meist „Jagdscenen" darstellend, wovon Nr. 726
bis zur Karolingischen Zeit, Nr. 727. in die Zeit der
ersten Kreuzzüge zurückreicht. Noch älter ist die elfen-
beinerne Büchse (Nr. 733), welche in ihren Reliefs „Christus
mit den 12 Jüngern" und „das Opfer Abrahams" in
der Weise der römischen Antiken darstellt, und wahrscheinlich
in den Zeitraum zwischen Konstantin und Karl den Großen
zu setzen ist. Interessant sind außer den aus Elfenbein-
platten zusammengesetzten Kästchen (Nr. 739—741.) auch
die elfenbeinernen Schachfiguren in Gestalt sitzender
Bischöfe (die heutigen „Läufer" des alten Schachspiels)
sowie der König auf dem Thron sitzend, umgeben von
13 Trabanten (Nr. 742. 743. und 744.). In Betreff
ihrer ungewöhnlichen Größe ist zu bemerken, daß im frü-
heren Mittelalter das Spiel auf dem getäfelten Fußboden
ausgestellt wurde. Unter den folgenden Gegenständen hebe
ich hervor: Nr. 864: ein reizendes „Flügelaltärchen" mit
der Statuette der Madonna, aus dem 13. Jahrhundert;
auf der Rückseite des Schrankes: Nr. 911: ein „Runen-
kalender" auf Holztafeln; Nr. 952: ein sckönes „Madon-
nenbild" von Elfenbein unter einem zierlich in Holz ge-
schnitzten Baldachin; Nr. 957: Elfenbeinrelief, darstellend
den letzten Herzog aus dem Hause Viskonti, Philipp
Maria, umgeben von 4 Pagen ans deni Throne sitzend;
Nr. 1005: ein sogenanntes „Judenhorn" in Elfenbein
u. s. w.

Wir gehen nun zu deni IV. Schrank über, welcher
die Schnitzwerke in Elfenbein, Holz, Speckstein, Perlmutter,
Wachs, u. s- w. aus dem 16. Jahrhundert enthält. Hier
sind gar herrliche Sachen, welche eine Auswahl schwierig
machen. Namentlich betrachte man die meisterhaft in Holz
geschnitzten Figuren (Nr. 1022. —1026.) sowie auch die
zahlreichen Elfenbeinstatucttcn, z. B. Nr. 1029: „Venus"
und Nr. 1037: zwei „junge Bacchanten" Nr. 1039: „Adam
und Eva", Gruppe von Beruh. Kern-, Nr. 1053: „Ecce
homo“, Elfenbeinrelief von Michel Angelo, Nr. 1062:
„Statuette der heiligen Barbara" von Älbrecht Dürer
u. s. w- Interessant ist auch der alte „hölzerne Stick-
rahmen" vom Hofe Carls V. (Nr. 1084.), sowie ein
„Jagdhorn" von Elfenbein im hinduportugiesischen Stil,
ehemals einem Jnfanten von Portugal gehörig; ferner
Nr. 1103: ein „Becher" mit Deckel in Sphärengestalt,
aus der Zeit des Königs Emanuel; Nr. l 104: ei» „Pokal"
aus Nautilus. Auf dem Haupte einer Syrene ruht die
Muschel, welche oben mit einem Neptun von vergoldetem
Silber geschmückt ist. Bon meisterhafter Arbeit ist auch
der große massive „Elfenbeinhumpen" (Nr. 1105.), dessen
hohe Reliefs einen Bacchanteuzng darstellen. — Auf der

*) Zur Orientirung des Lesers bemerke ich, daß die Reihen-
folge der Schränke vom dritten Schrank ab eine zwischen den
beiden Fensterwänden alternirende ist, so daß der Beschauer beim
Durchwandern des Saales sich in einer Zickzack-Linie fortbewegt.

D. V.

Rückseite des Schrankes fallen uns zunächst eine Reihe
Holztafeln mit Reliefdarstellnngen aus der Passionsge-
schichte in die Augen (Nr. 1130— 23.; 1127 — 29.)
welche in der Manier von Adam Kr afft in Nürnberg
gearbeitet sind, sodann (Nr. 1124—25.) die Figuren der
beiden Schächer am Kreuz, wahrscheinlich zu einer „Kreu-
zigung Christi" gehörig. — Die kleineren Reliefs (Nr. 1143
bis 54.) theils in Speckstein und Alabaster, theils in El-
fenbein, sind wahrhaft bewundernswürdige Arbeiten, ebenso
die Portraitreliefs in Bnchsbaum, die sogenannten Ver-
schnitte zu Medaillen, darunter mehre Arbeiten von
Älbrecht Dürer, z. B. der „Kopf Georg Tezelins" in
Hochrelief (Rr. 1155.), sowie das „Brustbild Mclanchthons"
(Nr. 1190.) von Hans Schwarz in Augsburg; auch
zahlreiche Flachreliefs mit mythologischen Darstellungen von
Älbrecht Dürer, „die ganze Verwandschaft der heiligen
Jungfrau" darstellend. Unter den herrlichen Vorschnitten
zu Medaillen in Speckstein heben wir nur das „Portrait
von Dürers Vater" (Nr. 1282.) von Älbrecht Dürer
heraus. Vou Bellekiu ist ein „Reliefportrait Pirkhey-
mers", des Freundes Dürers, in Perlmutter geschnitten
(Nr. 1315.); andere dergleichen von ihm sind (1323—29.)
die „Pvrtraits Wilhelms von Oranicn", „Gustav Adolphs"
u. s. w. Angeblich von Michel Angelo soll eine ans
mehren hundert Figuren bestehende „Darstellung des
jüngsten Gerichts" (Nr. 1322.) herrühren. In den un-
tern Fächern bemerkt man einige schöne Kunstschränkchen
(Nr. 1365-69.).

kr. Der V. Schrank (ebenfalls 16. Jahrh.) enthält
hauptsächlich Metallarbeiten, darunter auch eine inter-
essante Sammlung von astronomischen und mathematischen
Instrumenten. — In dem obersten Fache bemerkt man
zuerst eine Reihe von Bechern und Pokalen von ver-
goldetem Messing, darunter von besonderm Interesse
Nr. 1376: ein „Trinkhorn" in Gestalt eines Haifisches,
der den JonaS verschlingt. Unter den astronomischen
Uhren und andern Instrumenten befinden sich auch einige
italienische Tafeluhren von feiner und zierlicher Ar-
beit (Nr. 1436 — 41.), ferner (auf der Rückseite) ein sil-
bernes Reißzeug (Nr. 1619.), ein Speculum cosmogra-
phicum von Mich. Quignet aus Antwerpen, Sonnen-
uhren mit Kompaß, Astrolabien (Nr. 1639.) u. s. w. Das
Hauptwerk dieses Schrankes aber ist die große in Sil-
ber getriebene Schaale aus der Mitte des 16. Jahr-
hunderts (Nr. 1576.), welche, mit einem Kranze der herr-
lichsten Grotesken geziert, in der sehr figurcnrcichen Kom-
position der Reliefs „den Kampf des Herkules mit den
Amazonen" darstellt.

i. Im VI. Schrank gehen wir znm 17. Jahrhundert
über. Wir finden hier wieder eine reiche Sammlung von
Schnitzwerken in Elfenbein, Holz, Perlmutter, Nautilus
und Nashorn. Von dem letzteren Material ist ein großer
Pokal (Nr. 1699.), dessen Griff zwei Aethiopier bilden,
die auf ihrem Haupte eine mit Reliefdarstellungen aus
der afrikanischen Thierwelt verzierte Schale tragen, welche
wie ein Schiffsschnabel geformt ist. Unter den Elfenbein-
skulpturen zeichnen sich besonders mehrere prachtvolle Hum-
pen und Becher mit Hochreliefs aus, welche Jagdscenen
darstellen (Nr. 1700 — 8.), sodann eine Statuette des
„Herkules" in vorschreitender Stellung mit Köcher und
Bogen, im Begriff, den Centauren Nessus zu tödten
(Nr. 1704.), eine „Gruppe von Mann, Frau und Kind,
die einander tragen (Nr. 1710.), eine kleine „Portraitfigur
des brandenburgischen Kurprinzen Wilhelm Heinrich" als
naktes Kind (f 24. Okt. 1649.), ein „Herkules im Kampf
mit dem Nemäischen Löwen" (Nr. 1735.) und eine ganze
Reihe kleiner Elfenbeinfiguren von höchst delikater Arbeit
 
Annotationen