Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 10.1865

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Dieselbe Zufälligkeit und Willkür zieht sich durch den
ganzen Plan hindurch. Für den Korridor am Magi-
stratrationssessionszimmer — sagt das Projekt — „dürften
Moments aus der Zeit von Friedrich I. bis auf Friedrich II.
darzustellen sein." (Also hier endlich die Fortsetzung des
äußeren Balconreliefs an der Ecke der Spandauerstraße.)
Hiervon folgt daun wieder die Fortsetzung im Vorsaal
des ersten Stocks, wie schon bemerkt, und dann endlich
im oberen Treppenhause die „Darstellungen aus den
Freiheitskriegen". Und welche Motive sind dafür gewählt!
Die drei mächtigen, vom schönsten Oberlicht erhellten
Wände sollen in einzelne Theile von verschiedener Höhe
und Breite zerlegt und mit Bildern ausgefüllt werden,
welche die Landwehr und den Landsturm, theils „aus-
ziehend", theils „zusammentretend", theils in Aktion
(„Kolbengefecht der Landwehr bei Großbeeren"), theils
„zurückkehrend" u. s. f. versinnbildlichen sollen. Dann
kommt schließlich der „Uebergang zur neueren Zeit",
näher geschildert als „Jahrestag eines Sieges. Eine
hervorragende bürgerliche Gestalt spricht (!) zu den an-
dern, unter denen Kämpfer und Invaliden mit Denk-
münzen und eisernem Kreuz, hindeutend (!) aus die be-
kränzte Victoria." — Wenn der Hauptraum des ganzen
Gebäudes, dessen drei große Wandflächen eine Längen-
ausdehnung von über 150 Fuß haben, in dieser gelinde
gesagt nüchtern theatralischen Weise dekorirt werden soll,
so wäre es in der That besser, wenn die Wände einfach
angestrichen würden.

II. Das Gutachten der Kommission des berliner
Geschichts-Vereins.

Sehen wir nun zu, ob das „Gutachten" etwas Besseres
darbietet. Nachdem es die äußere Ausschmückung als
einen völlig in sich abgeschlossenen Cyklus von kultur-
geschichtlich en Typ en des alt- und neuberliner
Lebens absolvirt, sucht es zunächst einen festen Punkt
hinzustellen, von welchem, als dem Herzen des ganzen
Organismus der künstlerischen Ausschmückung, aus die
Gliederung der sämmtlichen Darstellungen in der Art sich
entwickelt, daß alle einzelnen Abtheilungen für sich wieder
abgeschlossene Ganze bilden, die miteinander aber doch
in einem bestimmten ideellen Zusammenhang stehen. Es
wurde schon früher angedeulet, daß es im Hinblick auf
die Bestimmung des Gebäudes, als eines kommunalen
Monumentalbaues der Residenz Preußens, die verschie-
denen Seiten dieses Gedankens, nämlich die politisch-hi-
storische, die kulturgeschichtliche und die sociale
unterscheidend, jeder einen bestimmten Darstellungscyklus
widmet.

Was die politische Geschichte Berlins betrifft, so theilt
sich dieselbe in sehr bestimmte Abschnitte: 1. Die Vor-
geschichte der Stadt, welche mit der Gründung der
Nicolaikirche, als eigentlichem Gründungsakt Berlius ab-
schließt, 2. Berlin im Mittelalter, 3. Berlin zur
Zeit der Reformatiou, 4. Berlin zur Zeit des
dreißigjährigen Krieg es. — Diese vier Abschnitte um-
fassen die Geschichte des älteren Berlins. Vom
großen Kurfürsten ab datirt die neuere Geschichte
Berlins, welche in zwei große Epochen zerfällt, von
denen die eine das 17/18te, die zweite das 19. Jahrhun-

dert umfaßt. Neben dieser politischen Entwicklung läuft
nun, damit im engsten ideellen Zusammenhang, die kultur-
geschichtliche und sociale Entwicklung parallel.

Aus dieser Gliederung ergiebt sich nnn eine Verthei-
lung der Motive nach den verschiedenen Lokalitäten auf
ganz naturgemäße Weise. Das Gutachten nimmt für die
Reihen der politischgeschichtlichen Motive einerseits (für
die ältere Geschichte) den Vorsal zum Sitzungssaal der
Stadtverordneten, welcher zum Theil sehr ungünstige
Wandflächen hat, andererseits (für die neuere Geschichte)
der Magistratssessionssaal, oder in Ermangelung dessel-
ben, da er bereits eine andere, wenn auch nicht zweck-
mäßigere, Bestimmung erhalten hat, den Korridor und Vor-
saal dieses Saals in Aussicht. Wir lassen die sämmtlichen
Motive, die also in nur zwei Lokalitäten vertheilt sind, so
aber, daß jede doch einen in sich abgeschlossenen Cyklus
von Darstellungen bildet, der Uebersicht wegen im Zusam-
menhangs folgen, da sie in der That die Quintessenz der
geschichtlichen Momente einfassen:

A. Aeltere Geschichte.

a) Vorgeschichte Berlins:

1) Ein „Wendenopfer", Umzug um den Bilbuckgötzen
in der Jungfernhaide.

2) „Jazko's Sprung vom Schildhorn in die Havel".

3) „Einweihung der Nikolaikirche als eigentlicher Grün-
dnngsakt von Berlin".

b) Berlin im Mittelalter.

4) (als Schilderung der Zeit des Unfriedens: „Die
Quitzows treiben den Berlinern die Heerden fort".

5) „Huldigung der von den Hohenzollern unterworfe-
nen Städte mit dem Schloßbau, als Symbol dieser Hul-
digung".

6) (als Schilderung der Friedenszeit und geordneter
Rechtspflege): „Eine Gerichtssitzung unter der Laube des
Rathhauses".

e) Berlin in der Resormationszeit und zur Zeit
des 30jährigen Krieges:

7) „Das Abendmahl der Bürgerschaft in der Dom-
Kirche" und

8) „Gustav Adolphs Zusammenkunft mit Kurfürst
Georg Wilhelm".

B. Neuere Geschichte.

a) (äi-fte Epoche, 17./18. Jahrhundert.

1) Die Zeit des großen Kurfürsten: „Schlacht bei Fehr-
bellin".

2) „Einzug Friedrichs I. als König", mit einem Pro-
spekt der Königsstraße".

3) „Friedrich Wilhelm I. nimmt die vertriebenen Salz-
burger auf".

4) „Friedrichs des Großen Einzug in Berlin nach dem
zweiten schlesischen Kriege".

5) Friedrich der Große, der Philosoph zn Sanssouci,
in nächtlicher Einsamkeit".

b) Zweite Epoche, 19. Jahrhundert:

6) „Friedrich Wilhelm III. und Louise in der Unglücks-
zeit von 1806".

7) „Schlacht bei Großbeeren".

8) „Siegeseinzug des Königs nach Berlin, mit Wie-
deraufrichtung der Victoria auf dem Brandenburger Thor".
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