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Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 14.1869

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https://doi.org/10.11588/diglit.13561#0024

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Notwendigkeit. Und wie mit der Eigenart der Pflanze ihre
Blätter und Blüthen gewisse Aenderungen erleiden, so auch der
Styl. Aus den strengen Ernst der Gothik folgte die heitere
Würde der Renaissance, auf sie die Weichlichkeit des Rokoko
und jeder der genannten Style entsprach der Natur des Volkes
in gewissen Perioden ihrer innern und äußern Geschichte.

Was die Architekten der Maximilianstraße schufen, auf
Befehl des Königs schufen, ist, man muß dies ohne ungerecht
zu sein zugeben, teilweise ganz achtungswerth, aber kein Styl,
nur ein Experiment, und hat deshalb auch nur die Bedeutung
eines solchen. Dadurch erklärt sich auch die Kälte, mit der das
Volk die Sache aufnahm, und die reservirte Stellung, in welche
die Sachverständigen ihr gegenüber zurücktraten. Eine andere
Unähnlichkeit mit einem wirklichen Styl lag auch darin, daß
der Styl als etwas nach organischen Gesetzen sich Entwickelndes
allmälig in das Leben eines Volkes eintritt, das nicht heute
romanisch und morgen gothisch baut, während die Bauweise der
Maximilianstraße in geheimnißvoller Stille der Bureaux, aus
dort und da entnommenen Elementen zusammengestellt, mit
einem Male an's Licht trat, Allen zur Ueberraschung. Man
erzählte sich von sorgfältig hergestellten Modellen aller in der
Maximilianstraße auszuführenden öffentlichen und Privatgebäude,
welche in einem Erdgeschoßsaale der königlichen Residenz aufge-
stellt waren; aber kein Auge konnte sich rühmen, sie erblickt zu
haben, obwohl es an mancherlei Versuchen nicht fehlte. So
hielt man sich die Kritik vom Leibe. Fühlte man wohl, daß
man Grund hatte, sie zu scheuen? Sprach sie gleichwohl nach
Maaßgabe Dessen, was an den Neubauten sichtbar wurde, ihr
selten günstiges Urtheil, so konnte man den König damit be-
ruhigen, daß den Kritikern der Eindruck des Ganzen fehle und
sie deshalb nicht in der Lage wären, denselben bei ihren Er-
örterungen mit in Betracht zu ziehen, daß sohin ihr Urtheil
immer nur ein einseiliges sein könne. Freilich konnte dies
Mittel nur vorübergehend den gewünschten Erfolg haben. Es
verlor um so mehr an Kraft und Wirkung, je näher die
Maximilianstraße ihrer Vollendung rückte. Ist es wahr, daß
König Max gegen das Ende seines Lebens viel von der freu-
digen Zuversicht verloren gehabt, mit welcher er vorerst den
Fortgang der Bauten verfolgte, so mag sein beklagenswerther
früher und unerwarteter Tod den Erfindern des neuen Styles
wohl manche unerfreuliche Bemerkung erspart haben.

Nun kann das Unternehmen, wenn auch noch die Voll-
endung des Maximilianeums und der Bau einiger Privathäuser
abzuwarten ist, im großen Ganzen als abgeschlossen betrachtet
werden, keinesfalls erscheint ein Urtheil darüber jetzt mehr
verfrüht.

Ich habe in meinem vierten Münchener Architekturbriefe
das entschiedene Vorwiegen der vertikalen über die horizontale
Linie als das Charakteristische der neuen Bauweise hervorge-
hoben und bemerkt, der dadurch entstehende Eindruck des Auf-
strebens sei im Allgemeinen ein günstiger. Als zweites Element
ward das Vermeiden größerer Wandflächen bezeichnet. Die An-
deutungen, welche ich oben über die Entstehungsgeschichte der
Maximilianstraße gab, lassen nicht erwarten, daß im Laufe der
zur Ausführung der Bauten nothwendigen Zeit irgend welche
principiellen Aenderungen der Projekte eintraten. Ich kann daher

heut nur wiederholen, was ich in dieser Beziehung vor zehn
Jahren gesagt habe. Wenn ich ferner damals schon die Stärke
der neuen Bauweise in ihrem dekorativen Theil fand, so kann
ich diesen Satz auch heute noch unterschreiben. Was ich über
die dekorative Seite des Nationalmuseums zu sagen haben werde,
macht zwar eine Ausnahme hievon, aber Ausnahmen bekräftigen
ja bekanntlich die Regeln.

Der Gesammteindruck der Maximilianstraße mit ihren Dop-
pelreihen kräftig belaubter Bäume, mit ihren Blumengärten auf
dem weitgestreckten Forum und dem Blick auf die sanft an-
steigende Jsarhöhe, welche von dem Maximilianeum gekrönt
wird, ist ein entschieden günstiger, ja großartiger, wobei es je-
doch in Folge der hereingezogenen landschaftlichen Elemente nicht
an einer gewissen Heiterkeit des Anblickes fehlt. Das Verhält-
niß der Straßenbreite zur Höhe der dieselbe begrenzenden Ge-
bäude ist ohne Vergleich weitaus glücklicher als in der Ludwig-
straße, die auch, abgesehen von dem schwachen Verkehrsleben,
dortselbst viel zu breit angelegt wurde. Als ein glücklicher Ge-
danke erscheint die Verbindung mehrerer Privathäuser zu je
einer Gruppe, welche der Straße einen bedeutenden Charakter
giebt, da man zwischen lauter Palästen zu wandeln glaubt. In
hohem Grade anregend wirkt die Benutzung der Erdgeschoß-
räume fast aller Privathäuser zu Verkaufsläden, wobei es nicht
fehlen kann, daß Form und Farbe der zum Verkauf ausge-
stellten Gegenstände vielfach dekorativ wirken, ganz abgesehen
von dem Abends von dort ausströmenden Lichte tausender von
Gasflammen.

Dies Alles zusammenfassend muß ich die Wirkung der
Maximilianstraße als eine entschieden malerische bezeichnen, wo-
bei nicht zu übersehen ist, daß die Architektur selbst sehr viel
malerische Elemente in sich ausgenommen hat, und dies gewiß
nicht zu ihrem Nachtheil.

Das neue k. Münzgebäude ist mit dem Cafe Maximilian
durch einen zu beiden Seiten offenen Bogengang von ziemlicher
Länge zu einer Gruppe verbunden, deren natürlicher Schwer-
punkt in ein zwischen beiden liegendes Hauptgebäude fiele.
Der Bogengang, wenn auch mit einer Anzahl mehr oder min-
der unverständlicher allegorischer Figuren gekrönt, ist aber kein
genügender Ersatz für die vom Auge vergeblich gesuchte Masse
des fehlenden Mittelpavillons, so daß dasselbe rathlos bald hie-
her, bald dorthin irrt, ohne die ersehnte Ruhe finden zu kön-
nen. Was den erwähnten plastischen Schmuck der metallenen
Statuen betrifft, so sind dieselben eben nicht schlechter und nicht
besser als tausend andere ihres Gleichen. Allegorische Gestalten
aber bleiben dem großen Publikum gegenüber immer etwas
Fremdes. In Folge langjähriger Uebung mag dasselbe sich
wohl zwischen den Kardinaltugenden zurechtfinden, eine „Ge-
rechtigkeit", „Philosophie" oder „Tapferkeit" macht ihm schon
mehr Kopfzerbrechen. Wenn es sich nun aber gar um eine
Personifikation einzelner, einer bestimmten Technik, wie der
Münzprägekunst, dienstbar gemachten Naturkräfte und Wissen-
schaften handelt, wie hier, so macht es sich das Publikum be-
quem und schenkt ihnen im sicheren Vorgefühl der Erfolglosig-
keit seiner exegetischen Bemühungen keinen weiteren als einen
zufälligen Blick und spaziert so gelassen an ihnen vorüber, als
wären sie gar nicht auf ihrem Platze. Ja, ich möchte eine
 
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