Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 17.1872

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(Redaction und Expedition der Dioskuren: Berlin, Landgrafenstr. 7.)

Inhalt.

Korrespondenzen: X. Paris, 5. Oktober. (Ein Ausflug nach Paris rc.) — Architektur: Der Umbau der Schloßfreiheit. (Schluß.)

0 Brüssel, 15. Oktober. (Kunst-Ausstellung. Forts.) — f London, Kunstkritik: Die akademische Kunstausstellung in Berlin. (Forts.) I. Malerei,

im Oktober. (Eröffnung des Bethnal-Green-Museums.) 3. Allegorien rc. (Schluß.) 4. Zeit- und Kulturbilder.

Kunst-Chronik: Lokalnachrichten aus Berlin, Dresden, Darmstadt, München. Illustrationen: Umbau der Schloßfreiheit.

Korrespondenzen.

nris, den 5. Oktober. (Ein Ausflug
nach Paris; Reitlinger's Salon.)
Durch einen Zufall auf einige Wochen
nach der glänzenden Seinestadt verschla-
gen, glaubte ich ein paar freie Stunden
nicht besser als mit der Betrachtung einiger her-
vorragenden Produktionen der modernen fran-
zösischen Malerei ausfüllen zu können, die früher
vielfach in's Unendliche überschätzt, jetzt vielleicht
von der deutschen Künstlerwelt nicht ganz nach
ihrem wahren Werthe gewürdigt, jedenfalls aber
zu wenig gekannt wird.

Allerdings war die beste Gelegenheit verpaßt:
^ Pie Pforten des „Salon", der alljährlich im Sommer fast Alles zu
vereinigen pflegt, was, zunächst in Frankreich selbst, dann aber auch
in seinen Nachbarländern (für jetzt mit Ausnahme Deutschlands) in
der Malerei, der Skulpllir, überhaupt in irgend einem Zweige der
bildenden Kunst Schönes und Bedeutendes geschaffen wird, waren
längst geschlossen. Vielleicht habe ich diesen Umstand nicht einmal
zu bedauern; die großen Kunstausstellungen sind bekanntlich dem
ruhigen Studium nicht eben günstig, namentlich wenn der für ihren
Besuch zur Verfügung stehende Zeitraum nicht ausgedehnt genug
ist, um durch öfteres Wiederholen der unvermeidlichen Ermüdung
und Uebersättigung nach und nach Herr zu werden.


Doch in einer Stadt, die, zu ihrer Ehre sei es gesagt, wie
keine andere der Welt die Interessen der bildenden Kunst pflegt und
fördert, bieten sich noch andere Gelegenheiten des Schauens in Hülle
und Fülle; auch wenn die eigentliche Saison vorbei ist, kann man
stets in kleineren, dafür aber dem ruhigen Betrachten um so förder-
licheren Ausstellungen sowohl zum Vergnügen als zur fruchtbaren
Vergleichung mit den Erzeugnissen der Heimath ein vollständiges
Bild der modernen französischen Kunstthätigkeit gewinnen.

Den Lesern dieser Blätter, die sich nicht einzig und allein auf
den braven Bädecker verlassen wollen, sei also ein in der Rue Na-
varin Nr. 1 in der Nähe von Notre-Dame de Lorette gelegenes
Haus zum Besuche empfohlen, das in allen Theilen dem Dienste
der Kunst gewidmet ist, und in etwas kleinen, aber auf das Schönste
disponirten und ausgestatteten Sälen zu jeder Zeit eine große Anzahl
exquisiter Genre- und Landschaftsbilder zur Schau nnd zum Kaufe
bietet. Der Besitzer desselben, Friedrich Reitlinger, ist, wie
schon der Name zeigt, von deutscher Abstammung und hat dieselbe,
trotz der Naturalisation als Franzose, doch in keiner Weise ver-
gessen; man findet bei ihm stets auch einige ausgewählte Exemplare
der deutschen, von den Franzosen von jeher mit affektirter Gering-
schätzung behandelten Kunst, die sich übrigens ihrer prunkenden
Nachbarschaft nicht im Geringsten zu schämen brauchen; ebenso
findet man bei ihm die nach dem ewigen wälschen Geschwätz doppelt
anheimelnden Laute der deutschen Sprache, die jetzt so Mancher, der
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