Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 19.1874

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trotz der 300 Nummern aus Murano ungenügend vertreten. Auch
die Gruppe der kleinern Plastik in Elfenbein hätte man in Mailand
besser ausgestattet erwarten sollen. Viel bedeutender sind die Bronzen,
sowohl die antiken, die mittelalterlichen und die des Cinquecento, als
die modernen und die persischen, chinesischen und japanestschen. Die
Abtheilung der Gold- und Silbersachen, der Mosaiken, Gemmen,
Miniaturmalereien und Niello-Arbeiten birgt viel von hohem künst-
lerischem Werthe und viel von historischem Interesse. Vor Allem
hat die Kathedrale von Monza die berühmtesten Stücke ihres Schatzes

hergeliehen.

Paris. Am 25. v. M. wurde hier die Ausstellung von
Paul Baudry's Wandgemälden für den großen Foyer des neuen
Opernhauses in der Ecole des beaux Arts eröffnet. Der Zudrang
des Publikums zu diesem sehr umfänglichen Gemäldecyklus, dem
Werk zehnjähriger künstlerischer Mühen, ist ein großer. Sämmt-
liche Darstellungen stehen zur Musik oder zum Tanz, die in der
großen Oper gepflegt werden, in näherer oder fernerer Beziehung.
Einige derselben sind bewundernswerth, doch machen bei weitem
nicht alle einen gleich fesselnden Eindruck.

Petersburg. Aus dem Bericht der kaiserlichen Akademie
der Künste entnehmen wir den wichtigen Beschluß, wonach die jungen

Architekten, die sich auf Kosten der Akademie im Auslande ausgebildet
haben, nach ihrer Rückkehr ein Jahr lang die russischen Provinzen
bereisen sollen, um alte Kirchen und historische Bauten zu vermessen
und zu zeichnen, wie auch bei etwaigen Restaurationen zu helfen.
Die Akademie will alle Monumente des Reichs, die zuweilen in
Winkeln verborgen sind, kennen lernen, um für ihre Restauration
thätig sein zu können. Die Akademie zählt zur Zeit 150 regel-
mäßige Schüler, außerdem besuchen 130 junge Leute gewisse Vor-
lesungen. Die Anzahl der Maler, welche Gemälde der akadeniischen
Sammlungen kopirten, betrug im vorigen Jahre durchschnittlich jeden
Tag 20, während die Bibliothek von 5000 Lesern benutzt wurde.
Es scheint demnach, daß das Interesse an der Kunst und der Drang
zu ktinstlerischer Thätigkeit hier sichtlich im Wachsen begriffen ist.

Chicago. Eine hier im Sommer eröffnete Gemälde-Aus-
stellung wird als sehr glänzend geschildert. Die amerikanischen
Zeitungen vergessen nicht hervorzuheben, daß die eingeschickten 550
Geniälde einen Geldwerth von einer halben Million Dollars haben.
Die deutschen, französischen, englischen und italienischen Schulen sind
vertreten, unter den Deutschen begegnen uns Münchener und düssel-
dorfer Namen von bestem Klang. Unter den ausstellenden deutsch-
amerikanischen Malern werden Leutze, Bierstadt und P. Weber genannt.

Kunstkritik.

Die rrkllllemiUcke Hunstlluüstellung in Berlin.

(Fortsetzung.)

Historie. Historisches Genre. Miltairisches.

(Fortsetzung.)

jilhelm Lindenschmit, dessen „Venus und Adonis"
wir bereits früher erwähnten, ist außerdem durch ein
dem historischen Genre angehöriges Werk ersten Ran-
des vertreten. Es trägt den Titel: „Walter Raleigh
und Familie im Tower" und stellt den berühmten
Entdecker von Virginien und Begründer der englischen
Kolonien in Nordamerika am Ende seiner vielbewegten und ruhm-
reichen Lebenslaufbahn dar. Er konnte in die Waagschale der
Gunst, welche ihm die Königin Elisabeth spendete, zwar nur
die zahllosen Dienste legen, die er ihr, namentlich durch die Un-
terdrückung der irischen Empörung, geleistet hatte, aber was galt
solche Gunst gegen den kleinlichen Neid des eleganten Grafen Essex,
welcher seinen ganzen Einfluß in die andere Schaale legte und
damit den Ausschlag gab: Raleigh wurde wegen einer angeb-
lichen Verschwörung des Hochverraths angeklagt, in den Tower
gesetzt — worin er schon einmal zwölf Jahre lang auf Grund der-
selben Anklage gesessen, ohne überführt werden zu können — und
am 29. October 1618 hingerichtet. — Die Geschichte berichtet, daß
der als Schriftsteller ebenso bedeutende wie als Feldherr große Mann
sich in dem Kerker fortdauernd mit wissenschaftlichen Arbeiten be-
schäftigte und außerdem den Trost hatte, daß seine treue Gattin in
hingebendster Weise sein Schicksal theilte, bis der Tod das sie um-
schlingende Band löste. Dies Moment ist es, welches der Künstler
mit feinem Berständniß für das echt Poetische in dem Kontrast
echt menschlicher Empfindung gegen die officielle Undankbarkeit
aus der Geschichte seines Helden herausgegriffen, und wodurch er
das immerhin uns etwas entfernt liegende historische Interesse an
dem Schicksal des Kriegers und Gelehrten durch ein wirksames Motto
allgemein menschlicher Theilnahme belebt hat. Es geht aus der
dargestellten Situation zwar nicht mit Bestimmtheit vor, ist aber

in der That auch gleichgültig, ob die Scene in die Zeit der
zwölfjährigen ersten Gefangenschaft Sir Raleighs oder in die seiner
zweiten, mit der Hinrichtung endenden Einkerkerung fällt. Wir er-
blicken den edlen Mann, umgeben von den Merkzeichen seiner wis-
senschaftlichen Studien; an einer Ecke des Heerdes sitzend, blickt er,
durch das Geräusch der vom Kerkermeister geöffneten Thür aus
seinem Nachdenken aufgestört, mit einem sein bleiches Antlitz erhel-
lenden freudigem Erstaunen auf das mit den Kindern ihm cntge-
geneilende geliebte Weib, in dessen Zügen sich tiefer Gram und hin-
gebungsvolle Liebe zu einem tief wehmüthigen Ausdruck vermischen.
Der geschilderte Moment ist mit einer Kraft und Wahrheit der
Empfindung, besonders aber mit einer von aller Empfindelei freien
Einfachheit und Unbefangenheit zur Darstellung gebracht, daß, selbst
wenn die malerische Behandlung diesen wahrhaft poetischen Eindruck
auch nicht in dem Grade, wie es wirklich geschieht, unterstützte, doch
die Wirkung eine tief ergreifende sein müßte. Um so tiefer hier,
wo die ernstgehaltene harmonische Grundtönung in der Gesamnit-
stimmung mit feinster Abwägung der lokalen Tongegensätze sich zu
einer Schönheit des Kolorits verbindet, wie sie nur der Hand des
nicht blos mit dem Pinsel, sondern mit der Seele arbeitenden Mei-
sters zu Gebote steht.

Diesem trefflichen Werke gegenüber treten nun freilich die noch
zu erwähnenden, dem historischen Genre angehörigen Bilder sehr
zurück. Zwar, was A. von Werner's „Dr. Luther auf einem
Familienfeste" betrifft, so läßt sich ihm ein außerordentliches Geschick
in der Stylisirung der Farbe und in der ganzen Durchführung des
Kolorits nicht absprechen. Aber es ist eine Farbe, die durch die
unerbittliche Klarheit der Töne in dem Beschauer eher ein Frösteln
als ein sympathetisches Gefühl der Wärme hervorbringt. Wir be-
wundern diese fast stereoskopische Bestimmtheit der malerischen For-
mengegensätze, und wir fühlen sehr wohl, daß der Künstler, ohne
in eine affektirte Nachahmung mittelalterlicher Malerei k la Leys
und Gebhardt sich zu verirren, doch im allgemeinen Toncharakter
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