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Ein für diese Richtung der Poesie in Conception und Ausführung
besonders bezeichnendes Gedicht ist S. 125 „Notturno", dessen Mit-
theilung uns jedoch der Raum hier nicht gestattet.
In der Abtheilung „Helgoland" gehört das bekannte „Marie
vom Oberlande" zu den Liedern, die sich bei übrigens poetischer
Dürftigkeit durch ihre rhythmische „Weise" und durch eine gewisse
Facwn unfern Musikern zur Composition zu empfehlen pflegen, und
denen wir auch in dieser Beziehung einen verhältnißmäßigen Werth
nicht bestreiten wollen. Inniger und, wie wenige Stücke der Samm-
lung, von einer bestimmten Stimmung getragen, ist dagegen das
Gedickt S. 169.
i
Dämmerung.
Horch nach des Tages glühender Hitze,
Wie athmet das Meer so kühl und leicht!
Ich liege allein auf der Felsenspitze,
Die Sonne ist unter, der Himmel bleicht.
Uebrigens kann Niemand die Grenzen seines Talentes richti-
ger charakterisiren als dieses vom Dichter in nachstehender Jnsol-
venzerkläruug selbst geschehen ist:
S. 45. Das ist das köstlichste Empfinden,
— Ich fühl es meinem eignen an! —
Auf das man keine Reime finden,
Und keine Verse machen kann!
Es sei uns vergönnt an Vorstehendes die kurze Erwähnung
eines neuen Poeten anzuknüpfen, der als leibhafter Antipode der
Rodenbergschen Richtung auftritt. Das so eben erschienene Büch-
lein heißt:
Neunzig Lieder und neun polemische Episteln von
Carl Heinrich Prester.
In wallende Nebel hüllt sich die Feme,
Dort an der Düne irrt noch ein Kahn;
In die Dämmrung treten, die ersten Sterne,
Und sehn mit den goldenen Augen mich an.
Hamburg. Hoffmann und Campe. 1854.
Nach einem frischen, jugendlich übermüthigem Einleitungsgedicht
Bewegten Herzens muß ich lauschen,
Wie sich die Brandung am Felsen bricht;
Der Winde Gesang und der Wellen Rauschen
Erklingt mir wie ein unsterblich Gedicht.
Voll stürmischer Lust, voll brausender Klage,
So wonnetrunken, so gramverwirrt;
Ein Lied wie es von Anfang der Tage
Bis an den letzten erschallen wird.
Ich hörte die Glocken des Meeres läuten,
Vernahm der Seejungfraun Gesang;
Ich aber konnte den Sinn nicht deuten,
Mein Herz war bezaubert vom wilden Klang.
obgleich es doch auch wiederum am Ende in den hergebrachten Phra-
sen und den alten poetischen Theatereffecten verpufft.
Von den geharnischten Sonetten (S. 211 — 249), namentlich
denen für Schleswig-Holstein, das der Dichter übrigens nicht bloß
mit der Feder vertreten zu haben scheint, kommen die ersteren über-
ein kaltes Pathos nicht hinaus, während in den späteren mitunter
eine Wärme des Gefühls hervorbricht, die im allgemeinen außer
dem Bereiche dieser dichterischen Persönlichkeit zu liegen scheint.
S. 220. Am A,Mauser.
Groß ist unsre Zeit. Die Lichter
Junger hoffnungsvoller Dichter
Wie pompös gestirnt sie stehn!
Schwer chält's, etwas zu bedeuten,
Denn vor lauter großen Leuten
Fürcht ich wird man übersehn!
tritt der Verfasser in einzelnen Gedichten (S. 17, 56, 90, 100)
und am Schluffe seiner Sammlung in den neun polemischen Epi-
steln gegen die Phrase und die falschen Poeten in den Kampf. Den
größten Theil des Buches bilden indessen lyrische Gedichte, die un-
ter diesen Umständen offenbar mit Ansprüche, als Nlusterstücke zu
gelten, von dem Dichter eiugeführt sind. Das erste, was uns beim
Ausschlagen des Buches in die Augen fiel, war:
S. 17. FNädchentied.
Die Sonne will erblaßen,
Der Tag entwich.
Du hast mich ahnen lassen,
Du liebtest mich.
Und nun liegen die Wogen
Im Sternenlicht.
Du bist fortgezogen;
Ich begreife dich nicht.
Und wieder einmal fuhr er aus dem Schlafe . . .
„Wer hat mir das gethau, wer weckt mich wieder?
Wer singt mir stürmisch jene alten Lieder?
Wer geht so hart auf meinem Epitaphe?
Bist du es deutsches Volk? Du deutscher Sklave?
Was regst du wieder deine trägen Glieder? , ,
Wozu der Lärm? O leg dich, leg dich nieder!
Am wohlsten ist ja mir und dir im Schlafe!" —
Da rief ich: Nein! o nein, mein deutscher Kaiser!
Das Heil ist nah, nun darfst du nicht mehr zagen;
Der Morgenwind fährt schon durch Busch und Reiser
O Luft von Morgen! sieh, schon will es tagen,
Das Frühlicht blitzt schon durch die goldne Aue —
Und du, mein Fürst, nur einmal noch vertraue!
Es hängt mit der vorhin besprochenen Natur dieses Talentes
zusammen, daß sich überall in den Gedichten die bestimmtesten An-
klänge au andre Dichter finden, im Einzelnen wie in der Con-
ception; und zwar kommen diese Anregungen unverkennbar nicht
etwa durch den Stoff oder durch die lyrische Stimmung fremder
Gedichte, als vielmehr fast immer nur durch den rhythmischen Ton-
fall derselben.
Wir müssen gestehen, daß wir eine so echte Simplicität, einen
so tiefen Naturlaut in dem Wüste der neueren Lyrik lange nicht ge-
hört hatten, und danach das Selbstbewußtsein des Verfassers für
hinlänglich gerechtfertigt hielten; allein wir hatten eben die Perle
der Sammlung getroffen. Der Gegenstand wie der poetische Ge-
halt der übrigen Gedichte ist meist ein sehr unbedeutender; und un-
erachtet des nicht zu verkennenden Stvebens nach einem realen Hin-
tergründe :
S. 5. O e u r t b 11 d.
Auf dem Landweg zwischen zwei Gebüschen
Geht ein Mann in einem grünen Tuchrock.
Langsam geht er und die Sonne brennt ihm
Auf den Rücken, und der Staub beschwert ihn.
Fünfzig Jahre mag er etwa zählen,
Seine Kindheit hat er längst durchmesien,
Seine mühevolle Jugend auch längst.
Werktags hat er stets viel Schweiß vergossen,
Sonntags ist er manchmal — fioh gewesen.
Wie■' er langsam geht, und so bedächtig
Seine Pfeife raucht im heißen Wetter!
Denken mag er wohl an Korn und Rindvieh
Die sind immer sein Erwerb gewesen,
Ein für diese Richtung der Poesie in Conception und Ausführung
besonders bezeichnendes Gedicht ist S. 125 „Notturno", dessen Mit-
theilung uns jedoch der Raum hier nicht gestattet.
In der Abtheilung „Helgoland" gehört das bekannte „Marie
vom Oberlande" zu den Liedern, die sich bei übrigens poetischer
Dürftigkeit durch ihre rhythmische „Weise" und durch eine gewisse
Facwn unfern Musikern zur Composition zu empfehlen pflegen, und
denen wir auch in dieser Beziehung einen verhältnißmäßigen Werth
nicht bestreiten wollen. Inniger und, wie wenige Stücke der Samm-
lung, von einer bestimmten Stimmung getragen, ist dagegen das
Gedickt S. 169.
i
Dämmerung.
Horch nach des Tages glühender Hitze,
Wie athmet das Meer so kühl und leicht!
Ich liege allein auf der Felsenspitze,
Die Sonne ist unter, der Himmel bleicht.
Uebrigens kann Niemand die Grenzen seines Talentes richti-
ger charakterisiren als dieses vom Dichter in nachstehender Jnsol-
venzerkläruug selbst geschehen ist:
S. 45. Das ist das köstlichste Empfinden,
— Ich fühl es meinem eignen an! —
Auf das man keine Reime finden,
Und keine Verse machen kann!
Es sei uns vergönnt an Vorstehendes die kurze Erwähnung
eines neuen Poeten anzuknüpfen, der als leibhafter Antipode der
Rodenbergschen Richtung auftritt. Das so eben erschienene Büch-
lein heißt:
Neunzig Lieder und neun polemische Episteln von
Carl Heinrich Prester.
In wallende Nebel hüllt sich die Feme,
Dort an der Düne irrt noch ein Kahn;
In die Dämmrung treten, die ersten Sterne,
Und sehn mit den goldenen Augen mich an.
Hamburg. Hoffmann und Campe. 1854.
Nach einem frischen, jugendlich übermüthigem Einleitungsgedicht
Bewegten Herzens muß ich lauschen,
Wie sich die Brandung am Felsen bricht;
Der Winde Gesang und der Wellen Rauschen
Erklingt mir wie ein unsterblich Gedicht.
Voll stürmischer Lust, voll brausender Klage,
So wonnetrunken, so gramverwirrt;
Ein Lied wie es von Anfang der Tage
Bis an den letzten erschallen wird.
Ich hörte die Glocken des Meeres läuten,
Vernahm der Seejungfraun Gesang;
Ich aber konnte den Sinn nicht deuten,
Mein Herz war bezaubert vom wilden Klang.
obgleich es doch auch wiederum am Ende in den hergebrachten Phra-
sen und den alten poetischen Theatereffecten verpufft.
Von den geharnischten Sonetten (S. 211 — 249), namentlich
denen für Schleswig-Holstein, das der Dichter übrigens nicht bloß
mit der Feder vertreten zu haben scheint, kommen die ersteren über-
ein kaltes Pathos nicht hinaus, während in den späteren mitunter
eine Wärme des Gefühls hervorbricht, die im allgemeinen außer
dem Bereiche dieser dichterischen Persönlichkeit zu liegen scheint.
S. 220. Am A,Mauser.
Groß ist unsre Zeit. Die Lichter
Junger hoffnungsvoller Dichter
Wie pompös gestirnt sie stehn!
Schwer chält's, etwas zu bedeuten,
Denn vor lauter großen Leuten
Fürcht ich wird man übersehn!
tritt der Verfasser in einzelnen Gedichten (S. 17, 56, 90, 100)
und am Schluffe seiner Sammlung in den neun polemischen Epi-
steln gegen die Phrase und die falschen Poeten in den Kampf. Den
größten Theil des Buches bilden indessen lyrische Gedichte, die un-
ter diesen Umständen offenbar mit Ansprüche, als Nlusterstücke zu
gelten, von dem Dichter eiugeführt sind. Das erste, was uns beim
Ausschlagen des Buches in die Augen fiel, war:
S. 17. FNädchentied.
Die Sonne will erblaßen,
Der Tag entwich.
Du hast mich ahnen lassen,
Du liebtest mich.
Und nun liegen die Wogen
Im Sternenlicht.
Du bist fortgezogen;
Ich begreife dich nicht.
Und wieder einmal fuhr er aus dem Schlafe . . .
„Wer hat mir das gethau, wer weckt mich wieder?
Wer singt mir stürmisch jene alten Lieder?
Wer geht so hart auf meinem Epitaphe?
Bist du es deutsches Volk? Du deutscher Sklave?
Was regst du wieder deine trägen Glieder? , ,
Wozu der Lärm? O leg dich, leg dich nieder!
Am wohlsten ist ja mir und dir im Schlafe!" —
Da rief ich: Nein! o nein, mein deutscher Kaiser!
Das Heil ist nah, nun darfst du nicht mehr zagen;
Der Morgenwind fährt schon durch Busch und Reiser
O Luft von Morgen! sieh, schon will es tagen,
Das Frühlicht blitzt schon durch die goldne Aue —
Und du, mein Fürst, nur einmal noch vertraue!
Es hängt mit der vorhin besprochenen Natur dieses Talentes
zusammen, daß sich überall in den Gedichten die bestimmtesten An-
klänge au andre Dichter finden, im Einzelnen wie in der Con-
ception; und zwar kommen diese Anregungen unverkennbar nicht
etwa durch den Stoff oder durch die lyrische Stimmung fremder
Gedichte, als vielmehr fast immer nur durch den rhythmischen Ton-
fall derselben.
Wir müssen gestehen, daß wir eine so echte Simplicität, einen
so tiefen Naturlaut in dem Wüste der neueren Lyrik lange nicht ge-
hört hatten, und danach das Selbstbewußtsein des Verfassers für
hinlänglich gerechtfertigt hielten; allein wir hatten eben die Perle
der Sammlung getroffen. Der Gegenstand wie der poetische Ge-
halt der übrigen Gedichte ist meist ein sehr unbedeutender; und un-
erachtet des nicht zu verkennenden Stvebens nach einem realen Hin-
tergründe :
S. 5. O e u r t b 11 d.
Auf dem Landweg zwischen zwei Gebüschen
Geht ein Mann in einem grünen Tuchrock.
Langsam geht er und die Sonne brennt ihm
Auf den Rücken, und der Staub beschwert ihn.
Fünfzig Jahre mag er etwa zählen,
Seine Kindheit hat er längst durchmesien,
Seine mühevolle Jugend auch längst.
Werktags hat er stets viel Schweiß vergossen,
Sonntags ist er manchmal — fioh gewesen.
Wie■' er langsam geht, und so bedächtig
Seine Pfeife raucht im heißen Wetter!
Denken mag er wohl an Korn und Rindvieh
Die sind immer sein Erwerb gewesen,



