Literatur
M 11.
Ntatt
des
Deutschen Kunstblattes.
Donnerstag, den 1. Juni.
1854.
Inhalt: Traum und Erwachen. Ein Gedicht von Herman Grimm. — Zeitung. Berlin.
Traum und Erwachen.
Ein Gedicht von Herman Grimm.
Berlin. Verlag von Wilhelin Hertz. 1854.
Daß Einer, der erzählen will, schon aus Gründen der Deut-
lichkeit Sprechen dem Singen vorzieht, ist 'eine Thatsache, die das
Recitativ in der Oper Jedem beweisen kann, dem diese einfache Wahr-
heit erst bewiesen werden muß. Und doch kann sich die erzählende
Poesie unserer Tage an ihren musikalischen kurzen Rhythmen nicht
satt singen, und die in's Kraut geschossenen Balladen, die uns für
romantische Epen ansgegeben werden, wuchern in Frieden. Unser
stiller Ketzerglaube, daß ihre Tage gezählt seien, erfrischt sich an sel-
tenen Erscheinungen, wie dieses neue Gedickt vom Verfasser des
Demetrius. Endlich einmal wieder jene schöne achtzeilige Strophe,
in der sich ein Schicksal würdig entfalten, ein Charakter zeichnen,
eine Dichternatur sich auf ihre Weise aus sprechen kann. Oder ist
dies Alles in dem lyrischen staccato der beliebten viersilbigen Jam-
ben möglich, ohne den „Styl" zu trüben, der nur eine gedrungene
Zeichnung der Ereignisse und vom Innerlichen nur so viel erlaubt,
als sich der liedermäßigen Convention fügen will? Man widerlege
uns durch die That, durch neue, versteht sich, denn die alten glau-
ben wir für uns zu haben. Wir kennen in kurzsilbigen Versen keine
geistig entwickelte Geschichte, keine, deren Träger über eine vielleicht
sehr ehrenwerthe, aber starre und schematische Haltung hinausgezeich-
net wären. *) Und somit mögen jene lyrischen Maße der neueren
Epik sehr bequem sein. Ist ihr doch eigentlich dann erst wohl, wenn
sie ihren Takt öfters wechseln, oder gar ihren ganzen Inhalt, ließe
er sich noch so sehr zur Darstellung an, in Lieder auflösen kann,
wobei sie sich nur um so besser gefällt, wenn möglichst jedes dieser
Lieder auch für sich bestehen, und etwa in eigener Eomposilion eine
gute Figur machen würde. Möge dann der Leser sehen, wie er sich
die Geschichte zusammensucht. Und diesen Wechsel schämt man sich
nicht, als Fülle und Reichthum zu preisen, da er im Grunde nur
Nothbehelf einer kümmerlichen Leere ist. Denn leer sind Charaktere,
deren Wesen sich in einigen gangbaren Floskeln der Liederpoesie er-
schöpfen läßt, und kümmerlich ist es, den Gewinn eines ganzen dich-
terischen Eindruckes, auf den eine geschlossene Erzählung rechnen
kann, einzelnen Liederchen zu überlassen, die ihn dem Leser abschmei-
cheln sollen.
Wir müssen hier, uns zu erklären, ein Buch nennen, das um
dieser Sünde willen — und freilich ist sie eine Modesünde — eine
Art von Beifall gefunden hat: M. A. Niendorfs „Hegler Mühle."
*) Denn auch in den bedeutsamsten unserer großen mittelalterlichen Epen
>ielt doch immer die Geschichte die erste Rolle, nicht die Charaktere, in die
>ir jetzt mehr und mehr unser poetisches Interesse znrückzuziehen gelernt haben.
Litrratur-Dlalt.
Wir verkennen das Talent des Poeten für die Chanson keineswegs.
Aber wir erinnern an ein gutes Wort Thorwaldsen's, das seine feste
Hand (wenn wir nicht irren) in das Schiller-Album schrieb: Ein
Jeder mache was er kann! Der Chansonnier vergreife sich nicht
an einer Novelle. Und einer so einfachen! Einer, die einer sehr
liebevollen Vertiefung bedurft hätte, um eigenthümlich zu sein! Denn
allerdings, das Aelteste wie das Neueste — in Geist und Herzen
des Poeten wird es eine neue Creatur. Nur trage er sie in Geist
und Herzen aus, gebäre sie wirklich und versäume nicht geflissentlich
Alles, was den alltäglichen Figuren eine neue Seele einhauchen
konnte. Oder ist Seele genug im Costüm der Mark, in dem tän-
delnden Aberglauben, der nicht gespart ist, in dem zum Ekel miß-
brauchten Refrain, der das wahre Volksthümliche hinzubringen will
und unsäglichen Plattheiten dienstbar wird? All diese Vielthuerei
ist Eitelwerk. Denn es fehlt jeder Respekt vor dem Werden der
Verhältnisse, dem Geschehen einer Geschichte, dem ewigen Fluß
des Lebens, über dessen Abgründe und Geheimnisse wahre Poesie,
wie wahre Philosophie von je Streiflichter zu werfen bemüht war.
Was in Liederchen allerdings nicht wohl thunlich ist.
Der Dichter von Traum und Erwachen hat wohl gefühlt, daß
er durch seine gelassene Stanze Opposition gegen den.Tagesgeschmack
mache. Er getröstet sich indeß des Beispiels vorangegangener Dich-
ter, hie.und da sogar öffentlich durch eine auffallend altvaterische
Wendung. Ter verklärte Wieland blickt manchmal galant durch,
und Gellert's zierlicher Zopf hängt einigen Wendungen artig im
Rücken. So S. 6, wo es von der Tänzerin heißt:
. 28:
S. 35:
Wer hätte da gesagt, sie tanzte, sprang? —
Sie flog empor und Amor trug sie nieder.
. . . Sie war der kleinen Pforte nah,
Da faßt er endlich Muth, ihr zu gestehen, —
Was zu gesteh'n? — Nein, knieend an den Falten
Des Kleides ihre Schritte aufzuhalten.
Denn hinter den Sabinerbergen tief
War's, wo Selene noch verborgen schlief,
Und zwischen Gräsern, die der Thau besäumte,
Von ihren Thränen um Endymiou träumte.
Ueber dergleichen altmodischen Zoll der Pietät gegen das acht-
zehnte Jahrhundert werden freilich die Rodenberge des neunzehnten
vornehm die Nase rümpfen. Sie ahnen die Zeit nicht, wo ihr
ganzer Flitterstaat, der heute srisch aus dem Laden kommt, eben so
altmodisch sein wird, wie diese geringe Verbrämung eines unver-
altenden Gewandes.
Nachzuweisen, worin der gediegene Reiz des Grimm'scheu Styls
beruhe, ist nicht leichter als jede Erörterung einer sinnlichen Form
in Worten.
ii
M 11.
Ntatt
des
Deutschen Kunstblattes.
Donnerstag, den 1. Juni.
1854.
Inhalt: Traum und Erwachen. Ein Gedicht von Herman Grimm. — Zeitung. Berlin.
Traum und Erwachen.
Ein Gedicht von Herman Grimm.
Berlin. Verlag von Wilhelin Hertz. 1854.
Daß Einer, der erzählen will, schon aus Gründen der Deut-
lichkeit Sprechen dem Singen vorzieht, ist 'eine Thatsache, die das
Recitativ in der Oper Jedem beweisen kann, dem diese einfache Wahr-
heit erst bewiesen werden muß. Und doch kann sich die erzählende
Poesie unserer Tage an ihren musikalischen kurzen Rhythmen nicht
satt singen, und die in's Kraut geschossenen Balladen, die uns für
romantische Epen ansgegeben werden, wuchern in Frieden. Unser
stiller Ketzerglaube, daß ihre Tage gezählt seien, erfrischt sich an sel-
tenen Erscheinungen, wie dieses neue Gedickt vom Verfasser des
Demetrius. Endlich einmal wieder jene schöne achtzeilige Strophe,
in der sich ein Schicksal würdig entfalten, ein Charakter zeichnen,
eine Dichternatur sich auf ihre Weise aus sprechen kann. Oder ist
dies Alles in dem lyrischen staccato der beliebten viersilbigen Jam-
ben möglich, ohne den „Styl" zu trüben, der nur eine gedrungene
Zeichnung der Ereignisse und vom Innerlichen nur so viel erlaubt,
als sich der liedermäßigen Convention fügen will? Man widerlege
uns durch die That, durch neue, versteht sich, denn die alten glau-
ben wir für uns zu haben. Wir kennen in kurzsilbigen Versen keine
geistig entwickelte Geschichte, keine, deren Träger über eine vielleicht
sehr ehrenwerthe, aber starre und schematische Haltung hinausgezeich-
net wären. *) Und somit mögen jene lyrischen Maße der neueren
Epik sehr bequem sein. Ist ihr doch eigentlich dann erst wohl, wenn
sie ihren Takt öfters wechseln, oder gar ihren ganzen Inhalt, ließe
er sich noch so sehr zur Darstellung an, in Lieder auflösen kann,
wobei sie sich nur um so besser gefällt, wenn möglichst jedes dieser
Lieder auch für sich bestehen, und etwa in eigener Eomposilion eine
gute Figur machen würde. Möge dann der Leser sehen, wie er sich
die Geschichte zusammensucht. Und diesen Wechsel schämt man sich
nicht, als Fülle und Reichthum zu preisen, da er im Grunde nur
Nothbehelf einer kümmerlichen Leere ist. Denn leer sind Charaktere,
deren Wesen sich in einigen gangbaren Floskeln der Liederpoesie er-
schöpfen läßt, und kümmerlich ist es, den Gewinn eines ganzen dich-
terischen Eindruckes, auf den eine geschlossene Erzählung rechnen
kann, einzelnen Liederchen zu überlassen, die ihn dem Leser abschmei-
cheln sollen.
Wir müssen hier, uns zu erklären, ein Buch nennen, das um
dieser Sünde willen — und freilich ist sie eine Modesünde — eine
Art von Beifall gefunden hat: M. A. Niendorfs „Hegler Mühle."
*) Denn auch in den bedeutsamsten unserer großen mittelalterlichen Epen
>ielt doch immer die Geschichte die erste Rolle, nicht die Charaktere, in die
>ir jetzt mehr und mehr unser poetisches Interesse znrückzuziehen gelernt haben.
Litrratur-Dlalt.
Wir verkennen das Talent des Poeten für die Chanson keineswegs.
Aber wir erinnern an ein gutes Wort Thorwaldsen's, das seine feste
Hand (wenn wir nicht irren) in das Schiller-Album schrieb: Ein
Jeder mache was er kann! Der Chansonnier vergreife sich nicht
an einer Novelle. Und einer so einfachen! Einer, die einer sehr
liebevollen Vertiefung bedurft hätte, um eigenthümlich zu sein! Denn
allerdings, das Aelteste wie das Neueste — in Geist und Herzen
des Poeten wird es eine neue Creatur. Nur trage er sie in Geist
und Herzen aus, gebäre sie wirklich und versäume nicht geflissentlich
Alles, was den alltäglichen Figuren eine neue Seele einhauchen
konnte. Oder ist Seele genug im Costüm der Mark, in dem tän-
delnden Aberglauben, der nicht gespart ist, in dem zum Ekel miß-
brauchten Refrain, der das wahre Volksthümliche hinzubringen will
und unsäglichen Plattheiten dienstbar wird? All diese Vielthuerei
ist Eitelwerk. Denn es fehlt jeder Respekt vor dem Werden der
Verhältnisse, dem Geschehen einer Geschichte, dem ewigen Fluß
des Lebens, über dessen Abgründe und Geheimnisse wahre Poesie,
wie wahre Philosophie von je Streiflichter zu werfen bemüht war.
Was in Liederchen allerdings nicht wohl thunlich ist.
Der Dichter von Traum und Erwachen hat wohl gefühlt, daß
er durch seine gelassene Stanze Opposition gegen den.Tagesgeschmack
mache. Er getröstet sich indeß des Beispiels vorangegangener Dich-
ter, hie.und da sogar öffentlich durch eine auffallend altvaterische
Wendung. Ter verklärte Wieland blickt manchmal galant durch,
und Gellert's zierlicher Zopf hängt einigen Wendungen artig im
Rücken. So S. 6, wo es von der Tänzerin heißt:
. 28:
S. 35:
Wer hätte da gesagt, sie tanzte, sprang? —
Sie flog empor und Amor trug sie nieder.
. . . Sie war der kleinen Pforte nah,
Da faßt er endlich Muth, ihr zu gestehen, —
Was zu gesteh'n? — Nein, knieend an den Falten
Des Kleides ihre Schritte aufzuhalten.
Denn hinter den Sabinerbergen tief
War's, wo Selene noch verborgen schlief,
Und zwischen Gräsern, die der Thau besäumte,
Von ihren Thränen um Endymiou träumte.
Ueber dergleichen altmodischen Zoll der Pietät gegen das acht-
zehnte Jahrhundert werden freilich die Rodenberge des neunzehnten
vornehm die Nase rümpfen. Sie ahnen die Zeit nicht, wo ihr
ganzer Flitterstaat, der heute srisch aus dem Laden kommt, eben so
altmodisch sein wird, wie diese geringe Verbrämung eines unver-
altenden Gewandes.
Nachzuweisen, worin der gediegene Reiz des Grimm'scheu Styls
beruhe, ist nicht leichter als jede Erörterung einer sinnlichen Form
in Worten.
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