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Wenn wir sagen, daß seine Art zu erzählen „still und bewegt"
sei, in hoher Einfachheit Eigentliches dicht neben Uebertragenes stelle,
nicht mit dem praktischen Eifer, nur die Sache zu sagen, den Ueber-
fluß von Seele und Phantasie abwehre und in erlaubter, nicht eitler,
Freude am eigenen Feuer dasselbe zu schüren bemüht sei, — so
haben wir denen, die das Gedicht nicht kennen, vorläufig so gut
wie nichts gesagt. Wir verweisen lieber auf die beiden Episoden
S. 60 ff. u. S. 79 ff., die am reinsten alle Vorzüge dieses Talents
sammeln und wirken lassen. Wir gestehen, daß wir sie zu dem
Besten rechnen, was überhaupt je in Versen erzählt worden ist.
Wir bewundern diese Kunst, alles, auch das geringste Aeußerliche
der Stimmung dienstbar zu machen, und so offenbart sich uns im
Sinnlichsten, was sich uns im tiefsten Inhalt des Gedichtes zeigen
wird, daß der Dichter durchaus davon durchdrungen ist, wie das
Tatsächliche an sich nie und nirgend das Poetische sei. Es kann
einen Schein desselben gewinnen, wenn es befremdlich, leidenschaft-
lich, bunt und unerhört ist.*) Aber der abenteuerlichste Wechsel
von Schicksalen, den die Phantasie ersinnen kann, erblaßt zu einem
künstlerischen Nichts vor dem einsachsten innerlichen Vorgang, dem
zuzuschauen und nachzufühlen uns der Dichter vergönnt.
Wer deuffch genug ist, um diesen ästhetischen Glaubenssatz mit-
zubekennen, wird von den Dichtungen Herman Grimm's lebhaft ange-
zogen werden. Schon im „Demetrius" wurde es klar, daß der
Dichter dieser Tragödie sogar mit eitlem gewissen Fanatismus sich
zur ecclesia pressa der von innen heraus gestaltenden Poeten schlug,
indem er mit voller Rücksichtslosigkeit gegen die Seele des Publi-
kums, die „stets am Stoff klebt", dem Stoff nur ein geringes Pflicht-
theil einräumte, um sich desto verschwenderischer dem Gedanken dessel-
ben hinzugeben. So wurde sein Gedicht, wenn wir scherzen dürfen,
zwar keine vollkommene Tragödie, aber daß er es schrieb, war eine
tragische That. Sein Fehler war eine übertriebene Tugend. Denn
jede Innerlichkeit bedarf, um im Leben zu bestehen, einer Summe
äußerlicher Bedingungen, ohne die sie zu einem edeln Traum ver-
flüchtigt wird. Das Problem, das den Dichter des Demetrius er-
griffen hatte, war danach angethan, alle Theile einer Tragödie von
innen heraus zu regieren, wie das Herz einen gegliederten Leib.
Gerechtigkeit, in der das Wesen eines starken Regenten gewurzelt
hatte, verlangt auf einmal von ihm, daß er sich selbst bis zur Ent-
sagung verläugne. Die erste Aufwallung ist, lieber sein Princip,
als sich selbst fallen zu lassen. Aber er hat nicht vorausgefühlt,
daß er an sich selbst nichts mehr habe ohne dies Princip, daß er
mit sich selbst zerfallen müsse, sobald er mit der Gerechtigkeit zer-
falle. Und da sich nun Gelegenheit bietet, sein Unrecht völlig zu
vergüten, giebt er sich lieber auf, um noch im Tode mit dem besten
Theil seines Wesens sich wieder auszusöhnen.
Wer läugnet, daß diese sittliche Fabel höchst tragisch sei? Daß
sie uns aber von der Bühne herab tragisch ergreife, dazu ist nicht
genügend, daß wir den dialektischen Vorgang in der Seele des Hel-
den monologisch erfahren, gleichsam als Resum6 des Dichters über
ihn. Wir bedürfen einer Kette starker Wirklichkeiten, die Glied für
Glied den idealen Vorgang fesselt, umstrickt, fortreißt und das zur
höchsten Noth des Lebens und Geschehens sixirt, was sonst nur ein
Spiel und Traum des Herzens bleiben würde. Zug für Zug muß
uns bewiesen, Schritt für Schritt sinnlich eingebildet werden.
Es reicht nicht hin, daß der Dichter die Ueberzeugung von seinem
Helden habe, er sei im Innersten gerecht und Gerechtigkeit sein Inner-
stes. Wir fordern dies mit Augen zu sehn, einer Handlung beizu-
*) Denn noch immer wird das roh Phantastische mit dem Poetischen ver-
wechselt.
wohnen, "in der sich dieser sein Charakter vielleicht zur höchsten Schärfe
und Härte steigert, um die Macht zu kennen, di.e ihm selbst ebenso
verhängnißvoll werden soll, wie sie Anderen geworden ist. Es reicht
nicht hin, daß der Dichter uns sagt, sein Held glaube an die Recht-
mäßigkeit von Iwans Forderungen. Auch wir müssen davon über-
zeugt werden, soll sich uns nicht durch den Vorwurf der Leicht-
gläubigkeit die eindringliche Schwere des Conflicts verringern.
Dies und anderes, was dem Aufbau der Handlung hätte zu
Grunde liegen müssen, hat der Dichter mit einer Absichtlichkeit bei-
seit geschoben, daß sein Streben, gegen die eingerissene mechanische
Composition unserer Dramen sich aufzulehnen, unverhohlen zu Tage
lag. Aber wenn er das künstliche Räderwerk verachtete, das Auto-
maten kümmerlich in Bewegung setzt, so hätte er nicht vergessen
sollen, daß wahrhaft organisches Leben seine Macht an allen Glie-
dern offenbart, nicht nur sich ins Herz zurückziehn und die Extre-
mitäten schlaff und kalt hängen lassen darf. Was wäre aus dem
Hamlet geworden, dessen Problem sogar auf Mangel an äußerlichem
Geschehen hinweist, wenn der Dichter dasselbe nur in Hamlets Seele
dialektisch sich hätte hinwälzen lassen! Hier aber ist die ganze Breite
des Lebens der Tummelplatz für die Eine zehrende, zaudernde, be-
sinnliche Natur und ihr gedankenvolles Schicksal.
Wir haben uns erlaubt, an das merkwürdige Drama Grimm's
mit diesen unzulänglichen Worten zu erinnern, um unsere Ansicht
über sein neuestes Gedicht „Traum und Erwachen" uns auch
psychologisch zu begründen. Auch hier ist die äußere Fabel dürftig,
ihre Ausführung von einem seltnen Reichthum. Einem Dichter,
wie Grimm, verdirbt und verräth man nichts, wenn man seine Fabel
mittheilt. Denn aus die Taschenspielerei nichtiger Ueberraschungen
hat er es nirgend abgesehn. Wir erzählen also. Ein junger Grieche,
Diomedes, kommt von Athen nach Rom, dort eine reiche junge
Römerin zu heirathen, die ihm schon als Kind anverlobt worden.
Er wohut mit seinem Gastfreund, Antonius, einem Feste bei,
auf dem eine schöne Tänzerin, Io, die erhitzten Zecher entzückt,
vor allen einen Alten, gegen dessen Ungebühr Diomedes sie ver-
theidigt, da sie in seinen Schutz geflüchtet ist. Der Streit wird
durch die Flucht der Tänzerin beendet. Anton aber, ein ernster
Mann, entweicht aus dem Festsaal, -verliert sich in den Garten und
über den Garten hinaus, bis er den Felsabhang hinunter von seinem
Pfade zu einem Tempel geleitet wird, in dessen halbverfallner Halle
beim Schein eines versinkenden Feuers ein würdiger Alter und ein
griechisches Mädchen, wie eine Erscheinung sich ihm zeigen. Die
Beiden entfernen sich, da der Morgen nahe scheint. Anton ist hin-
gerissen, sein Herz gehört von Stund an diesem Mädchen, doch ge-
winnt er es nicht über sich, ihr zu folgen. Am nächsten Tage erst,
nachdem er seinen griechischen Gasffreund ans Haus der jungen
Römerin begleitet hat, sucht er den Tempel wieder auf und gewinnt
bald das Vertrauen des Alten und eine freundliche Näherung seiner
Tochter. Jndeß er dort seine besten Stunden verbringt, wird dem
Diomedes der Besuch im Haus der Verlobten täglich peinlicher.
Ihre kühle glänzende Art stimmt schlecht zu seiner frischen beweg-
lichen Wärme. Er klagt dem Freunde, der ihn endlich, um ihn
anfzuheitern, zu jenem Tempel mitnimmt, dessen Geheimniß er bis-
her streng bewahrt hat. Seine Absicht ist Diomedes dem Vater
zuzuführen, um ungestörter die geliebte Chariten fiir sich zu haben.
Diomedes folgt ihm, ohne zu wissen wohin, und'plötzlich, als er Cha-
riten sieht, erkennt er in ihr die Gespielin seiner Kindheit, an die
ihn leidenschaftliche Erinnerung fesselt, seit sie mit ihrem Vater ohne
Abschied Athen hatte verlassen müssenden Folgen Politischer Verwicklun-
gen zu entrinnen. In Beiden wacht Jugend und Liebe um so hef-
tiger und unverhüllrer aus,, da Antonius seine Absichten bisher nie-
Wenn wir sagen, daß seine Art zu erzählen „still und bewegt"
sei, in hoher Einfachheit Eigentliches dicht neben Uebertragenes stelle,
nicht mit dem praktischen Eifer, nur die Sache zu sagen, den Ueber-
fluß von Seele und Phantasie abwehre und in erlaubter, nicht eitler,
Freude am eigenen Feuer dasselbe zu schüren bemüht sei, — so
haben wir denen, die das Gedicht nicht kennen, vorläufig so gut
wie nichts gesagt. Wir verweisen lieber auf die beiden Episoden
S. 60 ff. u. S. 79 ff., die am reinsten alle Vorzüge dieses Talents
sammeln und wirken lassen. Wir gestehen, daß wir sie zu dem
Besten rechnen, was überhaupt je in Versen erzählt worden ist.
Wir bewundern diese Kunst, alles, auch das geringste Aeußerliche
der Stimmung dienstbar zu machen, und so offenbart sich uns im
Sinnlichsten, was sich uns im tiefsten Inhalt des Gedichtes zeigen
wird, daß der Dichter durchaus davon durchdrungen ist, wie das
Tatsächliche an sich nie und nirgend das Poetische sei. Es kann
einen Schein desselben gewinnen, wenn es befremdlich, leidenschaft-
lich, bunt und unerhört ist.*) Aber der abenteuerlichste Wechsel
von Schicksalen, den die Phantasie ersinnen kann, erblaßt zu einem
künstlerischen Nichts vor dem einsachsten innerlichen Vorgang, dem
zuzuschauen und nachzufühlen uns der Dichter vergönnt.
Wer deuffch genug ist, um diesen ästhetischen Glaubenssatz mit-
zubekennen, wird von den Dichtungen Herman Grimm's lebhaft ange-
zogen werden. Schon im „Demetrius" wurde es klar, daß der
Dichter dieser Tragödie sogar mit eitlem gewissen Fanatismus sich
zur ecclesia pressa der von innen heraus gestaltenden Poeten schlug,
indem er mit voller Rücksichtslosigkeit gegen die Seele des Publi-
kums, die „stets am Stoff klebt", dem Stoff nur ein geringes Pflicht-
theil einräumte, um sich desto verschwenderischer dem Gedanken dessel-
ben hinzugeben. So wurde sein Gedicht, wenn wir scherzen dürfen,
zwar keine vollkommene Tragödie, aber daß er es schrieb, war eine
tragische That. Sein Fehler war eine übertriebene Tugend. Denn
jede Innerlichkeit bedarf, um im Leben zu bestehen, einer Summe
äußerlicher Bedingungen, ohne die sie zu einem edeln Traum ver-
flüchtigt wird. Das Problem, das den Dichter des Demetrius er-
griffen hatte, war danach angethan, alle Theile einer Tragödie von
innen heraus zu regieren, wie das Herz einen gegliederten Leib.
Gerechtigkeit, in der das Wesen eines starken Regenten gewurzelt
hatte, verlangt auf einmal von ihm, daß er sich selbst bis zur Ent-
sagung verläugne. Die erste Aufwallung ist, lieber sein Princip,
als sich selbst fallen zu lassen. Aber er hat nicht vorausgefühlt,
daß er an sich selbst nichts mehr habe ohne dies Princip, daß er
mit sich selbst zerfallen müsse, sobald er mit der Gerechtigkeit zer-
falle. Und da sich nun Gelegenheit bietet, sein Unrecht völlig zu
vergüten, giebt er sich lieber auf, um noch im Tode mit dem besten
Theil seines Wesens sich wieder auszusöhnen.
Wer läugnet, daß diese sittliche Fabel höchst tragisch sei? Daß
sie uns aber von der Bühne herab tragisch ergreife, dazu ist nicht
genügend, daß wir den dialektischen Vorgang in der Seele des Hel-
den monologisch erfahren, gleichsam als Resum6 des Dichters über
ihn. Wir bedürfen einer Kette starker Wirklichkeiten, die Glied für
Glied den idealen Vorgang fesselt, umstrickt, fortreißt und das zur
höchsten Noth des Lebens und Geschehens sixirt, was sonst nur ein
Spiel und Traum des Herzens bleiben würde. Zug für Zug muß
uns bewiesen, Schritt für Schritt sinnlich eingebildet werden.
Es reicht nicht hin, daß der Dichter die Ueberzeugung von seinem
Helden habe, er sei im Innersten gerecht und Gerechtigkeit sein Inner-
stes. Wir fordern dies mit Augen zu sehn, einer Handlung beizu-
*) Denn noch immer wird das roh Phantastische mit dem Poetischen ver-
wechselt.
wohnen, "in der sich dieser sein Charakter vielleicht zur höchsten Schärfe
und Härte steigert, um die Macht zu kennen, di.e ihm selbst ebenso
verhängnißvoll werden soll, wie sie Anderen geworden ist. Es reicht
nicht hin, daß der Dichter uns sagt, sein Held glaube an die Recht-
mäßigkeit von Iwans Forderungen. Auch wir müssen davon über-
zeugt werden, soll sich uns nicht durch den Vorwurf der Leicht-
gläubigkeit die eindringliche Schwere des Conflicts verringern.
Dies und anderes, was dem Aufbau der Handlung hätte zu
Grunde liegen müssen, hat der Dichter mit einer Absichtlichkeit bei-
seit geschoben, daß sein Streben, gegen die eingerissene mechanische
Composition unserer Dramen sich aufzulehnen, unverhohlen zu Tage
lag. Aber wenn er das künstliche Räderwerk verachtete, das Auto-
maten kümmerlich in Bewegung setzt, so hätte er nicht vergessen
sollen, daß wahrhaft organisches Leben seine Macht an allen Glie-
dern offenbart, nicht nur sich ins Herz zurückziehn und die Extre-
mitäten schlaff und kalt hängen lassen darf. Was wäre aus dem
Hamlet geworden, dessen Problem sogar auf Mangel an äußerlichem
Geschehen hinweist, wenn der Dichter dasselbe nur in Hamlets Seele
dialektisch sich hätte hinwälzen lassen! Hier aber ist die ganze Breite
des Lebens der Tummelplatz für die Eine zehrende, zaudernde, be-
sinnliche Natur und ihr gedankenvolles Schicksal.
Wir haben uns erlaubt, an das merkwürdige Drama Grimm's
mit diesen unzulänglichen Worten zu erinnern, um unsere Ansicht
über sein neuestes Gedicht „Traum und Erwachen" uns auch
psychologisch zu begründen. Auch hier ist die äußere Fabel dürftig,
ihre Ausführung von einem seltnen Reichthum. Einem Dichter,
wie Grimm, verdirbt und verräth man nichts, wenn man seine Fabel
mittheilt. Denn aus die Taschenspielerei nichtiger Ueberraschungen
hat er es nirgend abgesehn. Wir erzählen also. Ein junger Grieche,
Diomedes, kommt von Athen nach Rom, dort eine reiche junge
Römerin zu heirathen, die ihm schon als Kind anverlobt worden.
Er wohut mit seinem Gastfreund, Antonius, einem Feste bei,
auf dem eine schöne Tänzerin, Io, die erhitzten Zecher entzückt,
vor allen einen Alten, gegen dessen Ungebühr Diomedes sie ver-
theidigt, da sie in seinen Schutz geflüchtet ist. Der Streit wird
durch die Flucht der Tänzerin beendet. Anton aber, ein ernster
Mann, entweicht aus dem Festsaal, -verliert sich in den Garten und
über den Garten hinaus, bis er den Felsabhang hinunter von seinem
Pfade zu einem Tempel geleitet wird, in dessen halbverfallner Halle
beim Schein eines versinkenden Feuers ein würdiger Alter und ein
griechisches Mädchen, wie eine Erscheinung sich ihm zeigen. Die
Beiden entfernen sich, da der Morgen nahe scheint. Anton ist hin-
gerissen, sein Herz gehört von Stund an diesem Mädchen, doch ge-
winnt er es nicht über sich, ihr zu folgen. Am nächsten Tage erst,
nachdem er seinen griechischen Gasffreund ans Haus der jungen
Römerin begleitet hat, sucht er den Tempel wieder auf und gewinnt
bald das Vertrauen des Alten und eine freundliche Näherung seiner
Tochter. Jndeß er dort seine besten Stunden verbringt, wird dem
Diomedes der Besuch im Haus der Verlobten täglich peinlicher.
Ihre kühle glänzende Art stimmt schlecht zu seiner frischen beweg-
lichen Wärme. Er klagt dem Freunde, der ihn endlich, um ihn
anfzuheitern, zu jenem Tempel mitnimmt, dessen Geheimniß er bis-
her streng bewahrt hat. Seine Absicht ist Diomedes dem Vater
zuzuführen, um ungestörter die geliebte Chariten fiir sich zu haben.
Diomedes folgt ihm, ohne zu wissen wohin, und'plötzlich, als er Cha-
riten sieht, erkennt er in ihr die Gespielin seiner Kindheit, an die
ihn leidenschaftliche Erinnerung fesselt, seit sie mit ihrem Vater ohne
Abschied Athen hatte verlassen müssenden Folgen Politischer Verwicklun-
gen zu entrinnen. In Beiden wacht Jugend und Liebe um so hef-
tiger und unverhüllrer aus,, da Antonius seine Absichten bisher nie-



