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Läßt sich vom sanften Traumgebild erbitten,
Und wenn der Schlaf entflieht, die Sterne bleichen,
Doch Nachgenuß nicht und Erinnrnng weichen.
Es ist mehr, als eine willkührliche Annahme, daß von Hum-
boldt selbst den Werth seiner lyrischen Dichtungen insonderheit in
den Samariterdienst setzte, den sie ihm unmittelbar in ihrem Ent-
stehen geleistet hatten.
In dem Sonette, das gleichsam als Einleitung allen übrigen
voransteht, spricht er das entschieden genug aus:
Wie Stimme aus dem Grabe wird erschallen
Bald diese leicht geschlungne Liederkette
In Tages-Eil geborener Sonette,
Verborgen den vor mir Entschlafnen allen.
Vielleicht geschieht's, daß freundliches Gefallen
Vom Untergange kleine Anzahl rette;.
Sonst in des Zeitenstromes breitem Bette
Ist ihr natürlich Loos, schnell zu verhallen.
Sie schwebeten mir vor als leichte Bilder,
Und machten mir des Lebens Sorge milder,
Und mischten Ernst in seine nicht'ge Leere.
Wenn ich in Kurzem bin vorausgegangen
Ich denen, die nach meinem Laut verlangen,
Dann in des Liedes Klange wiederkehre.
Bedeutungsvoll erscheinen uns in diesem Sonett insonderheit
auch die letzten Worte, in denen der Dichter seine Dichtungen als
die Erscheinungen seiner selbst bezeichnet. Auch Alexander von Hum-
boldt hat in seinem Vorwort zu den Sonetten diese so aufgefaßt,
wenn er sie „die Selbstbiographie, die Charakteristik des thenren
Bruders" nennt. Weder der uns hier zugemessene Raum, noch die
Bestimmung dieser Blätter gestattet es uns, die Bedeutung der vor-
liegenden Dichtungen auch nach dieser Seite hin den Lesern zur
Anschauung zu bringen. Aber dem Biographen Wilhelm von Hum-
boldts werden sie nicht bloß die Beläge, sondern den edlen Aus-i
druck einer Gesinnung geben, welche aus der lebenslangen Vertiefung!
in antikes Denken und Leben Klarheit über die mannigfaltigsten
Verhältnisse des Lebens, Standhaftigkeit in dem Wechsel der Er-!
scheinungen, Maaß in der Beurtheilung jedes menschlichen Strebens,
Fähigkeit der Freude an den Schönheiten der Natur, und stilles
Warten auf das, was jenseits des Grabes kommen werde, gewonnen
hat. Wir unseres Orts sind daraus angewiesen, der Form, in wel-j
cher diese Dichtungen auftreten, unsere besondere Aufmerksamkeit
zuzuwenden. Daß dieselbe an und für sich eine so beschränkte, und
daß diese Beschränkung nirgend auch nur ein einziges Mal in die-i
ser Sammlung unterbrochen ist, kann auffallend erscheinen. Wir
brauchen noch nicht der Ansicht derjenigen beizustimmen, welche das
Sonett überhaupt für eine dem deutschen Geist und Wesen nicht
gemäße Form halten, und können doch darüber in Zweifel sein, ob
es sich für die gedankenschwere Darstellung vorzugsweise eigene.
Daß Wilhelm von Humboldt diese Form mit einer solchen Aus-
schließlichkeit gewählt hat, erklärt sein gefeierter Bruder — jedoch
mit einem vorsichtigen „Vielleicht" — „ans einem lebhaften Interesse
für gewisse Epochen des italienischen Dichterlebens." Jenes „Viel-,
leicht" wird uns über den Vorwurf der Unbescheidenheit hinweg-
heben, wenn wir es wagen, ans des Dichters eigenster und tiefster
Grundanschauung heraus die Vorliebe für diese so vielfach beschrän-
kende Form herzuleiten. Unter der Ueberschrift: „Heilsame Zucht"!
sagt der Dichter:
Man ziehet straffer an des Schülers Zügel,
Bewegeu muß er sich im engen Kreise,
Arbeiten auf die vorgeschriebne Weise,
Und wenn er abschweift, kürzt man ihm die Flügel.
So mühvoll er erklimmt des Wissens Hügel,
Bis ftei er gehn lernt in der Forschung Gleise,
Und wenn er litt erst, wird belohnt mit Preise,
Und endlich löst der Weisheit achtes Siegel.
Die bis zu ihr auftagenden Gedanken
Bedürfen fest bestimmt gezogner Schranken;
Des Geistes Fesseln seine Flügel werden.
Die Schönheit nur entspringt aus Formenstrenge,
Die Wahrheit aus des üefen Spähens Enge,
Und Freiheit feffellos nie frommt nuf Erden.
Wir glauben nicht klein von dem Dichter zu denken, wenn
wir nach dieser seiner Erklärung auch in dem, was nach einer äußer-
lichen Auffassung das Unwesentliche an seinem Werke ist, den Aus-
druck einer tiefen, lvir dürfen hier wohl sagen einer sittlichen Grund-
anschauung erblicken. Die Zucht des Geistes, welche er hier fordert,
hatte er an sich selbst in einem langen Leben erprobt, und die also
gezügelten Gedanken kamen auch in einer eng gebundenen Form zu
einer ihnen am meisten ebenbürtigen Erscheinung. Wie sehr unserem
Dichter diese Ueberzeugnng von der nur aus Formenstrenge ent-
springenden Schönheit eigen war, wird auch daraus erkennbar, daß
er noch in einem andern von ganz veränderten Anschauungen aus-
gehenden Gedicht sie abermals ausspricht. In dem Sonett „das
Pferd" (S. 101) heißt es:
Das Roß des Schlachtgetümmels Schaaren zieret
Und theilet die Gefahr im edlen Stteite,
Es streckt im Lauf die schlankgedehnte Seite,
Der Boden dröhnt, wenn ihn sein Huf beehret.
Ein Leben es, gefangen, knechtisch führet,
Verwehrt ist, bis es wird des Todes Beute,
Ihm, daß sein Wille seine Schritte leite
Und niemals es der Fesseln Zwang verlieret.
Doch sich zum Stolze hat es umgeschaffen
Den Zäum, an dem es herrisch wird gelenket,
Die Knechtschaft in sein Wesen tief gesenket.
So ftent es sich, die Glieder anzustraffen;
Der Stier giebt sträubend nach dem stärkern Zwange,
Das Roß umglänzt er, daß es schöner prange.
Wenn auch weder in dein hier noch in dem zuvor angezogenen
Sonett der in Rede stehenden Dichtungsform ausdrücklich gedacht
wird, so ist daraus in dem vorliegenden Falle gewiß nicht der Vor-
wurf herzuleiten, daß unsere Citation eine Nichtzutreffende sei. Es
liegt in der Natur eines gebildeten Denkens, daß sich in ihm die
auf einem einzelnen Punkte gewonnene Erkenntniß zu einer allge-
meinen Wahrheit gestaltet, und in der Natur einer charaktervollen
Persönlichkeit, daß sie ihre besonderen Neigungen und Entschlüsse
durch allgemeine Gesetze bestimmen läßt. In Anwendung ans den
vorliegenden Fall wollen wir damit nicht behaupten, daß unserem
Dichter jener allgemeine Gedanke, es sei die volle Freiheit und
Schönheit nur innerhalb festgezogener Schranken möglich, aus seiner
Vorliebe für die scharf begrenzte Souettform entsprungen sei; aber
der Ansicht sind wir allerdings, daß in einem Manne, wie er es
war, eine solche Vorliebe nicht allein und losgetrennt von den sein
gesamnttes Leben beherrschenden Grundgedanken dasteht, und eben so
wenig stehen wir an, zu behaupten, daß wir eine Rechtfertigung für
die von ihm gewählte Dichtungsform in einem andern als einem
allgemein gültigen Satze kaum erwarten, in keinem Falle aber ver-
wunderlich finden.
Wir sind hiermit bis zu dem Punkte gelangt, an welchen; wir
für die schließlich-allgemeine Charakteristik der vorliegenden von Hnm-
boldt'schen Dichtungen genügende Unterlagen gegeben zu haben hoffen.
Sollen wir nämlich es in Ein Wort zusammenfassen, was uns nicht
sowohl als ihr Vorzug, sondern als ihr Wesen erscheint, so ist es
ihre Fruchtgestalt, ihre Reife. Es giebt der gleichartigen Dich-
tungen viele, welche blühender sind und duftender, welche reizender
erscheinen und in der Form makelloser. Aber das sind eben auch
Läßt sich vom sanften Traumgebild erbitten,
Und wenn der Schlaf entflieht, die Sterne bleichen,
Doch Nachgenuß nicht und Erinnrnng weichen.
Es ist mehr, als eine willkührliche Annahme, daß von Hum-
boldt selbst den Werth seiner lyrischen Dichtungen insonderheit in
den Samariterdienst setzte, den sie ihm unmittelbar in ihrem Ent-
stehen geleistet hatten.
In dem Sonette, das gleichsam als Einleitung allen übrigen
voransteht, spricht er das entschieden genug aus:
Wie Stimme aus dem Grabe wird erschallen
Bald diese leicht geschlungne Liederkette
In Tages-Eil geborener Sonette,
Verborgen den vor mir Entschlafnen allen.
Vielleicht geschieht's, daß freundliches Gefallen
Vom Untergange kleine Anzahl rette;.
Sonst in des Zeitenstromes breitem Bette
Ist ihr natürlich Loos, schnell zu verhallen.
Sie schwebeten mir vor als leichte Bilder,
Und machten mir des Lebens Sorge milder,
Und mischten Ernst in seine nicht'ge Leere.
Wenn ich in Kurzem bin vorausgegangen
Ich denen, die nach meinem Laut verlangen,
Dann in des Liedes Klange wiederkehre.
Bedeutungsvoll erscheinen uns in diesem Sonett insonderheit
auch die letzten Worte, in denen der Dichter seine Dichtungen als
die Erscheinungen seiner selbst bezeichnet. Auch Alexander von Hum-
boldt hat in seinem Vorwort zu den Sonetten diese so aufgefaßt,
wenn er sie „die Selbstbiographie, die Charakteristik des thenren
Bruders" nennt. Weder der uns hier zugemessene Raum, noch die
Bestimmung dieser Blätter gestattet es uns, die Bedeutung der vor-
liegenden Dichtungen auch nach dieser Seite hin den Lesern zur
Anschauung zu bringen. Aber dem Biographen Wilhelm von Hum-
boldts werden sie nicht bloß die Beläge, sondern den edlen Aus-i
druck einer Gesinnung geben, welche aus der lebenslangen Vertiefung!
in antikes Denken und Leben Klarheit über die mannigfaltigsten
Verhältnisse des Lebens, Standhaftigkeit in dem Wechsel der Er-!
scheinungen, Maaß in der Beurtheilung jedes menschlichen Strebens,
Fähigkeit der Freude an den Schönheiten der Natur, und stilles
Warten auf das, was jenseits des Grabes kommen werde, gewonnen
hat. Wir unseres Orts sind daraus angewiesen, der Form, in wel-j
cher diese Dichtungen auftreten, unsere besondere Aufmerksamkeit
zuzuwenden. Daß dieselbe an und für sich eine so beschränkte, und
daß diese Beschränkung nirgend auch nur ein einziges Mal in die-i
ser Sammlung unterbrochen ist, kann auffallend erscheinen. Wir
brauchen noch nicht der Ansicht derjenigen beizustimmen, welche das
Sonett überhaupt für eine dem deutschen Geist und Wesen nicht
gemäße Form halten, und können doch darüber in Zweifel sein, ob
es sich für die gedankenschwere Darstellung vorzugsweise eigene.
Daß Wilhelm von Humboldt diese Form mit einer solchen Aus-
schließlichkeit gewählt hat, erklärt sein gefeierter Bruder — jedoch
mit einem vorsichtigen „Vielleicht" — „ans einem lebhaften Interesse
für gewisse Epochen des italienischen Dichterlebens." Jenes „Viel-,
leicht" wird uns über den Vorwurf der Unbescheidenheit hinweg-
heben, wenn wir es wagen, ans des Dichters eigenster und tiefster
Grundanschauung heraus die Vorliebe für diese so vielfach beschrän-
kende Form herzuleiten. Unter der Ueberschrift: „Heilsame Zucht"!
sagt der Dichter:
Man ziehet straffer an des Schülers Zügel,
Bewegeu muß er sich im engen Kreise,
Arbeiten auf die vorgeschriebne Weise,
Und wenn er abschweift, kürzt man ihm die Flügel.
So mühvoll er erklimmt des Wissens Hügel,
Bis ftei er gehn lernt in der Forschung Gleise,
Und wenn er litt erst, wird belohnt mit Preise,
Und endlich löst der Weisheit achtes Siegel.
Die bis zu ihr auftagenden Gedanken
Bedürfen fest bestimmt gezogner Schranken;
Des Geistes Fesseln seine Flügel werden.
Die Schönheit nur entspringt aus Formenstrenge,
Die Wahrheit aus des üefen Spähens Enge,
Und Freiheit feffellos nie frommt nuf Erden.
Wir glauben nicht klein von dem Dichter zu denken, wenn
wir nach dieser seiner Erklärung auch in dem, was nach einer äußer-
lichen Auffassung das Unwesentliche an seinem Werke ist, den Aus-
druck einer tiefen, lvir dürfen hier wohl sagen einer sittlichen Grund-
anschauung erblicken. Die Zucht des Geistes, welche er hier fordert,
hatte er an sich selbst in einem langen Leben erprobt, und die also
gezügelten Gedanken kamen auch in einer eng gebundenen Form zu
einer ihnen am meisten ebenbürtigen Erscheinung. Wie sehr unserem
Dichter diese Ueberzeugnng von der nur aus Formenstrenge ent-
springenden Schönheit eigen war, wird auch daraus erkennbar, daß
er noch in einem andern von ganz veränderten Anschauungen aus-
gehenden Gedicht sie abermals ausspricht. In dem Sonett „das
Pferd" (S. 101) heißt es:
Das Roß des Schlachtgetümmels Schaaren zieret
Und theilet die Gefahr im edlen Stteite,
Es streckt im Lauf die schlankgedehnte Seite,
Der Boden dröhnt, wenn ihn sein Huf beehret.
Ein Leben es, gefangen, knechtisch führet,
Verwehrt ist, bis es wird des Todes Beute,
Ihm, daß sein Wille seine Schritte leite
Und niemals es der Fesseln Zwang verlieret.
Doch sich zum Stolze hat es umgeschaffen
Den Zäum, an dem es herrisch wird gelenket,
Die Knechtschaft in sein Wesen tief gesenket.
So ftent es sich, die Glieder anzustraffen;
Der Stier giebt sträubend nach dem stärkern Zwange,
Das Roß umglänzt er, daß es schöner prange.
Wenn auch weder in dein hier noch in dem zuvor angezogenen
Sonett der in Rede stehenden Dichtungsform ausdrücklich gedacht
wird, so ist daraus in dem vorliegenden Falle gewiß nicht der Vor-
wurf herzuleiten, daß unsere Citation eine Nichtzutreffende sei. Es
liegt in der Natur eines gebildeten Denkens, daß sich in ihm die
auf einem einzelnen Punkte gewonnene Erkenntniß zu einer allge-
meinen Wahrheit gestaltet, und in der Natur einer charaktervollen
Persönlichkeit, daß sie ihre besonderen Neigungen und Entschlüsse
durch allgemeine Gesetze bestimmen läßt. In Anwendung ans den
vorliegenden Fall wollen wir damit nicht behaupten, daß unserem
Dichter jener allgemeine Gedanke, es sei die volle Freiheit und
Schönheit nur innerhalb festgezogener Schranken möglich, aus seiner
Vorliebe für die scharf begrenzte Souettform entsprungen sei; aber
der Ansicht sind wir allerdings, daß in einem Manne, wie er es
war, eine solche Vorliebe nicht allein und losgetrennt von den sein
gesamnttes Leben beherrschenden Grundgedanken dasteht, und eben so
wenig stehen wir an, zu behaupten, daß wir eine Rechtfertigung für
die von ihm gewählte Dichtungsform in einem andern als einem
allgemein gültigen Satze kaum erwarten, in keinem Falle aber ver-
wunderlich finden.
Wir sind hiermit bis zu dem Punkte gelangt, an welchen; wir
für die schließlich-allgemeine Charakteristik der vorliegenden von Hnm-
boldt'schen Dichtungen genügende Unterlagen gegeben zu haben hoffen.
Sollen wir nämlich es in Ein Wort zusammenfassen, was uns nicht
sowohl als ihr Vorzug, sondern als ihr Wesen erscheint, so ist es
ihre Fruchtgestalt, ihre Reife. Es giebt der gleichartigen Dich-
tungen viele, welche blühender sind und duftender, welche reizender
erscheinen und in der Form makelloser. Aber das sind eben auch



