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76

Was von allem Deinem Glanze
Meinem Aug' das liebste war:


Unter einem Rosenkränze
Dieses reiche dunkle Haar.





Deine Wangenröthe lachte
Heller an der schwarzen Prach
Und der dunkle Stern entfacht

1

e



Doppelt Lei der tiefsten Nacht.

Wenn die reichen Flechten fielen
Auf die Schultern, marmorweiß,
Schienen Nacht und Licht zu spielen
Um der Schönheit höchsten Preis.

O entflechte Deine Haare!

• Gieb mir dann das Seidenbaud,
Daß es mir ein Bild bewahre
Von dem Schönsten, was ich fand.

Immer soll sie mich umschweben,
Der entbundnen Locken Pracht,

Und das Band sich still verweben
Meines Kummers tiefer Nacht.

Wen möchte man, wenn es nicht unter seinem Namen erschie-
nen wäre, wohl weniger für den Dichter dieser Reime halten, als
den Verfasser des Quickborn! Sogar „die tiefe Nacht des Kum-
mers", dieser alte cleus ex machina, muß am Ende auftreten, den
von den hochdeutschen Poeten selbst Schülerhafte kaum noch zu ci-
tiren wagen.

„Den reicheren Theil meines Stoffes", sagt der Verfasser in
der erwähnten Vorrede, „zog natürlich der Quickborn an sich." Das
ist allerdings richtig; Klaus Groth ist ein realistischer Poet, es geht
ihm wie dem Antäus, wenn er die Mutter Erde verläßt, und seine
eigensten Stoffe gingen daher in den Quickborn; für die hochdeutsche
Fassung blieb meistentheils nur das an sich Schwächere oder das
seiner Natur nach dem Dichter weniger Entsprechende. Aber das
ist es nicht allein; es liegt auch vielleicht zum allergrößten Theil in
der Form, und zwar in der Form, wie deren Wesen im Literatur-
blatte mehrfache Erörterung gesunden hat. Klaus Groth hat irgendwo
bei Besprechung seines Quickborn einen besondern Nachdruck auf die
Ueberwindung der formellen Schwierigkeit gelegt, mit welcher der
plattdeutsche Dichter zu kämpfen habe. Allein er hat in seinen
„Paralipomena" thatsächlich dargethan, daß in einer und der haupt-
sächlichsten Beziehung wenigstens die größere Schwierigkeit auf Sei-
ten des hochdeutschen Dichters ist. Allerdings reicht die plattdeutsche
Sprache nicht so weit, wie die hochdeutsche, eine Menge von Stoffen
sind sogar von vorneherein gänzlich ausgeschlossen; allein dagegen
bietet sie auch dem Dichter, so weit ihr Gebiet geht, die allergrößten
Vortheile. Sie wird von einem Theile des Volkes gesprochen, der
seinen Ausdruck noch mehr aus der unmittelbaren Anschauung, als
aus der Reflexion schöpft, und besitzt daher eine Fülle anschaulicher
lebendiger Worte und ganzer fertiger Wendungen; in diesen seit
Jahrhunderten aufgehäuften, und — was die Hauptsache ist —
durchaus unabgenutzten Reichthum hat der Dichter nur hineinzugrei-
fen, und es wird sich die im Sprachschätze fertig Vorgefundene
Phrase an der richtigen Stelle ansnehmen, als sei sie specieü
aus der jedesmaligen Situation erwachsen und gehöre dem Dichter
eigenthümlich. Daß eine solche richtige Verwendung des im Sprach-
schätze Vorhandenen eben auch einen Poeten erfordert, versteht sich
freilich von selbst. In der hochdeutschen Sprache dagegen ist alles
Fertige bereits so abgegriffen und verbraucht, daß es nur in den
seltensten Fällen und durch die größte Kunst des Dichters einen fri-
schen Eindruck hervorzubringen vermag, in der Regel aber sogar mit
Sorgfalt vermieden werden muß; und von dem mit eigenthümlicher,
energischer Anschauung begabten Dichter, wie z. B. Eduard Mörike

Einer ist, auch ganz von selbst vermieden und aus dem persönlichen
Reichthume des Dichters ersetzt wird. Daß nur sehr Einzelne die-
sen Reichthum besitzen, ist ebenso gewiß, als daß der Verfasser des
Quickborn sich dieser in den Sprachverhältnissen liegenden schweren
Forderung an den hochdeutschen Dichter bei Abfassung seiner hun-
dert Blätter in keiner Weise bewußt gewesen ist. Denn überall be-
gnügt er sich mit dem überkommenen conventionellen Apparat und
kommt sehr oft über die Phrase im allerschlimmsten Sinne nicht hinaus.

Ueberdies aber, was freilich mit dem vorhin Erörterten aufs
Genaueste zusammenhängt, ist dem Verfasser, der ein so feines Ohr
für die plattdeutsche Sprache besitzt, das Geheimniß des hochdeut-
schen Sprachklanges verschlossen geblieben.

Während das erste Fünfzig von den hundert Blättern aus ver-
mischten Gedickten, besteht das zweite Fünfzig lediglich aus Sonetten.
In einen großen Theil derselben hat der Verfasser Gedanken und
Betrachtungen über Gelesenes niedergelegt, und wir gewinnen da-
durch einen Einblick in seinen Bildungsgang und seine Studien,
worunter, nach den Sonetten zu urtheilen, die Naturwissenschaften
einen bedeutenden Theil einzunehmen scheinen. In Bezug auf Pla-
ten, für den, und zwar gegen Heine, dessen unsterblich Theil er
noch nicht entdeckt zu haben scheint, der Verfasser sich in vier So-
netten erklärt, heißt es S. 91:

3.

Das Wort zu prüfen nach dem feinsten Klange,

Den Duft zu kosten und den Sinn zu schmecken,

Den reinsten Ton im Rythmus zu entdecken,

Das könntest Du und übtest Du im Sange.

Allein den Weg Dir hau'n im wilden Drange,

Die Sprache schmieden und die Verse strecken,

Den Wiederhall in trunknen Seelen wecken:

Dazu war Dir das Herz 'zu adlich bange.

So stehst Du da in Deiner Marmorglätte,

Im Ebenmaaß von abpolirter Reinheit,

Mit steinern — todeskalten schönen Formen.

Und nur der Dichter naht sich Deiner Stätte
Und lernt an Deiner durchgeprüften Feinheit
Die strenge Kunst in ihren starren Normen.

4.

(S. Heine's „Freskosonett VIII.")

Wer ganz, wie Du, sich hingiebt an das Schöne,

Den kann der Schmutz des Niedern nicht besudeln,

Ob er verkannt wird von bebrillten Pudeln,

Ob ihn ein frecher Satyr neck' und höhne.

Und wenn Dein Volk nicht lauscht auf Deine Töne,

Der nie sich beugte, flachen Sinn zu hudeln,

Der nie Herabstieg, schalen Witz zu sprudeln —

Du stehst zu hoch, daß Dich der Pöbel kröne.

Wir aber, welche Deinen Werth ermessen,

Wir wollen Dich als strengen Meister ehren,

Und zu Dir wallen, wie zum Richterthrone.

Was Du der Schwachheit zolltest, sei vergessen,

Und sollte Deutschland uns den Kranz gewähren:

Wir flechten Dir daraus die Lorbeerkrone.

Da die Sonette uns in das Gedankenleben des Dichters ein-
führen, so sind sie für Alle, welche durch den Quickborn ein näheres
Interesse an seiner Persönlichkeit gewonnen haben, jedenfalls der le-
senswerteste Theil des Büchleins, wenn auch in ihnen der zu ent-
wickelnde Gedanke oft nicht mit völliger Klarheit und Präcision
heraustritt.

! Im klebrigen — ist es eben schwierig, in zweien Sprachen ein
Dichter zu sein; obgleich wir nach dem anmuthigen, im Quickborn
! mitgetheilten Gedichte „das Laub beginnet fallen" schon fast geneigt
j waren, es bei Klaus Groth als möglich anzunehmen.

Verlag von Heinrich Schindler in Berlin. — Druck von Trowihsch und Söhn in Berlin.
 
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