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Aus dem Taget« licht eines Jagers von Ivan Turghenew.
Deutsch von August Biedert.
Berlin, 1854. Verlag von Heinrich Schindler.
Es ist nicht unsere Sache, den culturgeschichtlichen Gewinn aus
diesem in mehr als einer Hinsicht merkwürdigen Buche zu ziehen.
Wir bekennen, daß wir uns nicht einmal zu Leurtheilen unterfangen,
ob der Verfasser das, was uns als seine größte Kraft erscheint,
seiner Nationalität verdankt oder dem Studium desjenigen Fran-
zosen, an den er jedenfalls erinnert. Von der neuen, durch Puschkin
begründeten Romantik, unterscheidet ihn seine Schlichtheit und unge-
zierte Hingabe an die Erscheinung auf das Vortheilhasteste. Er-
steht durchaus auf der populären Seite. Hie und da weht ein
Klang des Kolzow durch eine dieser Skizzen, und in der Kraft der
Charakteristik ist er dem großen Lustspieldichter Gogol wenigstens
ebenbürtig. Nicht dringender als dieser empfindet er auch das Be-
dürfniß einer runden Composition. Und freilich wird dieser Man-
gel eher ihm, als dem Dramatiker nachgesehen werden, wenn über-
haupt ein so bescheidener Titel, wie der oben angeführte, weniger
verspricht als gehalten wird. Denn man erwarte keine flüchtig hin-
geworfenen Schilderungen, die nur durch den Stoff Interesse hätten,
Jagdabentener, landschaftliche Scenerie mit einiger Staffage u. dergl.
Diese Lebensbilder aus der Provinz, Dorfgeschichten, Charakteristiken
und wie man sonst die einzelnen Mittheilungen nennen mag, sind
mit der feinsten, liebevollsten Kunst im Einzelnen ausgearbeitet. Es
ist nicht das Auge des Touristen, dem wir diese Beobachtungen ver-
danken, sondern die Seele des Dichters, eines Dichters, der über
der Bildung der guten Gesellschaft und dem Witz der Conversation
die Innerlichkeit des Gemüths nicht verloren hat. Die gesunde
Wärme, die Turghenew in seine Schilderungen ausströmt, erhält
die Darstellung rein von jener Sentimentalität, die alle Umrisse ver-
wischt und jede künstlerische Form unmöglich macht. Und unter so
vielen verrotteten Zuständen und trostlosen politischen Traditionen ist
der Seitenblick auf die Natur dessen, der sie uns vorüberführt, auf
diese Frische, Feinfühligkeit und männliche Kraft, eine, wahrhafte
Erquickung und Beruhigung.
Das novellistische Interesse wird hie und da so stark, daß man
sich fast versucht fühlt, mit dem Dichter darüber zu rechten, warum
er diesen und jenen erschütternden Stoff nicht wirklich mit aller
Ruhe der eigentlichen Darstellung, sondern lieber in seiner Art,
sprungweis, andeutend, als Tagebucherinnerung an die Gelegenheit,
wo er diese Geschichte erfuhr, überliefert habe. So ist z. B. gleich
die erste Skizze „Peter Petrowitsch Karataew" von einer solchen
sittlichen Gewalt und so hinreißender Tragik, daß jeder Andere ihre
einzelnen Momente auszubeuten, nicht versäumt haben würde. Wer
weiß auch, ob wir ihr nicht noch einmal auf deutschen Brettern
oder in deutschen Versen begegnen. Hier aber offenbart sich Tur-
ghenew's innerste Natur und die Begebenheit ist ihm nur in so weit
wichtig, als sie die Person, mit der er es.gerade zu thun hat,
charakterisirt. Der Mensch steht ihm in erster, .das Schicksal in
zweiter Linie. Eine Menge von Ereignissen werden in diesen Blät-
tern angerührt, die den Keim zu ganzen Romanen in sich bergen.
Unser Dichter ist diese Fruchtbarkeit unempfindlich. Seine
größte Lust, weil seine größte Meisterschaft, ist, uns etwa in einen
gefüllten Saal zu führen und die Personen der Gesellschaft mit
kurzen, scharfen Lichtern zu beleuchten. Er ist dann vom unerschöpf-
lichsten Humor, von einer bezaubernden Lebendigkeit, die uns spielend
in die innersten Geheimnisse der Umgebung einweiht. Und mitten
unter den lächerlichen oder widerwärtigen Figuren tritt dann das
Bild eines schönen, ernsthaften Mädchens, oder eines schönen, ver-
kannten, armen Freundes hervor, und giebt uns die volle Gegen-
wart des Lebens zu empfinden, in welchem die Gegensätze eine wun-
derliche Nachbarschaft halten. Dann eine Anekdote, ein kurzer bio-
graphischer Abriß, ein dunkler Ton des Schmerzes, der Klage, des
Mitgefühls und der Dichter bricht ab und verläßt uns vielfach an-
geregt, verwundert, zwischen Lachen und Weinen.
Die Krone dieser Charakterschilderungen ist die letzte Skizze,
die den Namen „der Hamlet des Stschigrow'schen Kreises" sehr
uneigentlich führt. Von einem Hamlet ist hier nicht die Rede, mag
auch die geschilderte Person sich selbst so nennen. Der Dichter
erzählt seine Begegnung mit einer jener „mittleren Naturen", deren
Geist gerade so weit reicht, um seine eigne Dürftigkeit zu beklagen,
nachdenkliche, aufrichtige Köpfe, die wissen, ein wie gutes Ding es
um eignes Gesicht ist, und die doch keines erschwingen können, so
viel Gesichter sie schneiden.
Gedankenarm — ein traurig Loos.
Viel besser doch — gedankenlos!
Mit ergreifender Wahrheit ist der Zustand eines solchen ehr-
lichen Mannes geschildert, der aus Respect vor dem Originellen und
Großen sich selber so sehr herabdrückt, daß er zuletzt eine wahre
Wollust empfindet, auch von Andern gedrückt und gedemüthigt zu
werden, wenn er auch diese Andern zehnmal übersieht; denn es ist
ihm wohl, wenn man ihn ebenso verachtet, wie er sich selbst; dies
ist die einzige Stärke, auf die er pochen kann, die einzige Art, wie
er wieder zu Respect vor sich selbst kommt, weil es in solcher
Selbstgeringschätzung Wenige ihm gleich thun. Glänzend ist der
Styl der Selbstironie, diese bittere Suade, die fast witzig wird,
, / j. . , \. 11 i j . / % ^ ’ J j'+ T , ji- i. - » . ■ .
gerade so viel als sie sein darf, ohne den Mann zu einem unge-
wöhnlichen Kopf zu machen, diese rührende Offenheit, die den Armen
überkommt, und in der er von seiner Erniedrigung wie von einem
Schicksal spricht, gegen das er nicht murren dürfe. Es ist die alte,
heilige Ehrfurcht vor dem Glück, gegen die sich nur flache Menschen
verhärten, und die hier eine tiefere Natur um.alles Gleichgewicht
bringt.
Der Styl dieser Charakterzeichnung hat uns vielfach so stark
an Diderot, besonders an den neveu de ßameau erinnert, daß
wir wenigstens darauf hiudeuten müssen. Dieselbe Art, Gespräch
oder besser Bekenntnis; mit kurzen persönlichen Notizen zu durchflech-
ten, die den Redenden zeichnen, seine Geberden, seinen Ausdruck
und auch wohl den Antheil des Hörers mit hineinziehn. Sogar
das Thema ist im Grunde eines; nur tritt die Person des Neffen
bei Diderot als Curiosität auf und Turghenew's Wassili Wassiljitsch
ist ein Typus. Es würde uns freuen, wenn das Erscheinen dieses
Buches eine literarische Gattung wieder anregte, für die der Sinn
oder die Begabung leider bei uns erloschen scheint. Freilich hat
die pedantische Koketterie I. I. Engel's dieselbe nicht eben ans die
Länge empfehlen können.
Ueber die Uebersetzung ist nur zu sagen, daß sie in den schil-
dernden Partien flüssig und gelungen ist, aber nicht ausreicht, wo
die Conversation in den Vordergrund tritt. Am ungeschicktesten ist
der Verfasser, wo er sich bemüht, naiv oder derb die Sprache des
gemeinen Manns zu sprechen. Der zweite Band, der am Ende des
Buches verheißen ist und hoffentlich nicht auf sich warten läßt, wird
Gelegenheit geben, diesen Mängeln zu steuern.
TtTflff tmh Qrttf { In Verlage von Heinrich Schindler ist so eben erschienen: Welt und Zeit. Aus dem Nachlaß eines
UJljll llllu fßll ] russischen Diplomaten. Herausgegeben von Lev in Schüking. — Ein erfahrener, vielseitig gebildeter Weltmann giebt
^ * t hier in einer Anzahl von 565 Denksprüchen einen reichen Schatz von feinen Beobachtungen und Lebensmaximeu,
welche eben so durch ihre treffenden Wahrheiten, als durch die Prägnanz der Form anziehen.
Verlag von Heinrich Schindler in Berlin. — Druck von Trowihsch und Sohn in Berlin.
Aus dem Taget« licht eines Jagers von Ivan Turghenew.
Deutsch von August Biedert.
Berlin, 1854. Verlag von Heinrich Schindler.
Es ist nicht unsere Sache, den culturgeschichtlichen Gewinn aus
diesem in mehr als einer Hinsicht merkwürdigen Buche zu ziehen.
Wir bekennen, daß wir uns nicht einmal zu Leurtheilen unterfangen,
ob der Verfasser das, was uns als seine größte Kraft erscheint,
seiner Nationalität verdankt oder dem Studium desjenigen Fran-
zosen, an den er jedenfalls erinnert. Von der neuen, durch Puschkin
begründeten Romantik, unterscheidet ihn seine Schlichtheit und unge-
zierte Hingabe an die Erscheinung auf das Vortheilhasteste. Er-
steht durchaus auf der populären Seite. Hie und da weht ein
Klang des Kolzow durch eine dieser Skizzen, und in der Kraft der
Charakteristik ist er dem großen Lustspieldichter Gogol wenigstens
ebenbürtig. Nicht dringender als dieser empfindet er auch das Be-
dürfniß einer runden Composition. Und freilich wird dieser Man-
gel eher ihm, als dem Dramatiker nachgesehen werden, wenn über-
haupt ein so bescheidener Titel, wie der oben angeführte, weniger
verspricht als gehalten wird. Denn man erwarte keine flüchtig hin-
geworfenen Schilderungen, die nur durch den Stoff Interesse hätten,
Jagdabentener, landschaftliche Scenerie mit einiger Staffage u. dergl.
Diese Lebensbilder aus der Provinz, Dorfgeschichten, Charakteristiken
und wie man sonst die einzelnen Mittheilungen nennen mag, sind
mit der feinsten, liebevollsten Kunst im Einzelnen ausgearbeitet. Es
ist nicht das Auge des Touristen, dem wir diese Beobachtungen ver-
danken, sondern die Seele des Dichters, eines Dichters, der über
der Bildung der guten Gesellschaft und dem Witz der Conversation
die Innerlichkeit des Gemüths nicht verloren hat. Die gesunde
Wärme, die Turghenew in seine Schilderungen ausströmt, erhält
die Darstellung rein von jener Sentimentalität, die alle Umrisse ver-
wischt und jede künstlerische Form unmöglich macht. Und unter so
vielen verrotteten Zuständen und trostlosen politischen Traditionen ist
der Seitenblick auf die Natur dessen, der sie uns vorüberführt, auf
diese Frische, Feinfühligkeit und männliche Kraft, eine, wahrhafte
Erquickung und Beruhigung.
Das novellistische Interesse wird hie und da so stark, daß man
sich fast versucht fühlt, mit dem Dichter darüber zu rechten, warum
er diesen und jenen erschütternden Stoff nicht wirklich mit aller
Ruhe der eigentlichen Darstellung, sondern lieber in seiner Art,
sprungweis, andeutend, als Tagebucherinnerung an die Gelegenheit,
wo er diese Geschichte erfuhr, überliefert habe. So ist z. B. gleich
die erste Skizze „Peter Petrowitsch Karataew" von einer solchen
sittlichen Gewalt und so hinreißender Tragik, daß jeder Andere ihre
einzelnen Momente auszubeuten, nicht versäumt haben würde. Wer
weiß auch, ob wir ihr nicht noch einmal auf deutschen Brettern
oder in deutschen Versen begegnen. Hier aber offenbart sich Tur-
ghenew's innerste Natur und die Begebenheit ist ihm nur in so weit
wichtig, als sie die Person, mit der er es.gerade zu thun hat,
charakterisirt. Der Mensch steht ihm in erster, .das Schicksal in
zweiter Linie. Eine Menge von Ereignissen werden in diesen Blät-
tern angerührt, die den Keim zu ganzen Romanen in sich bergen.
Unser Dichter ist diese Fruchtbarkeit unempfindlich. Seine
größte Lust, weil seine größte Meisterschaft, ist, uns etwa in einen
gefüllten Saal zu führen und die Personen der Gesellschaft mit
kurzen, scharfen Lichtern zu beleuchten. Er ist dann vom unerschöpf-
lichsten Humor, von einer bezaubernden Lebendigkeit, die uns spielend
in die innersten Geheimnisse der Umgebung einweiht. Und mitten
unter den lächerlichen oder widerwärtigen Figuren tritt dann das
Bild eines schönen, ernsthaften Mädchens, oder eines schönen, ver-
kannten, armen Freundes hervor, und giebt uns die volle Gegen-
wart des Lebens zu empfinden, in welchem die Gegensätze eine wun-
derliche Nachbarschaft halten. Dann eine Anekdote, ein kurzer bio-
graphischer Abriß, ein dunkler Ton des Schmerzes, der Klage, des
Mitgefühls und der Dichter bricht ab und verläßt uns vielfach an-
geregt, verwundert, zwischen Lachen und Weinen.
Die Krone dieser Charakterschilderungen ist die letzte Skizze,
die den Namen „der Hamlet des Stschigrow'schen Kreises" sehr
uneigentlich führt. Von einem Hamlet ist hier nicht die Rede, mag
auch die geschilderte Person sich selbst so nennen. Der Dichter
erzählt seine Begegnung mit einer jener „mittleren Naturen", deren
Geist gerade so weit reicht, um seine eigne Dürftigkeit zu beklagen,
nachdenkliche, aufrichtige Köpfe, die wissen, ein wie gutes Ding es
um eignes Gesicht ist, und die doch keines erschwingen können, so
viel Gesichter sie schneiden.
Gedankenarm — ein traurig Loos.
Viel besser doch — gedankenlos!
Mit ergreifender Wahrheit ist der Zustand eines solchen ehr-
lichen Mannes geschildert, der aus Respect vor dem Originellen und
Großen sich selber so sehr herabdrückt, daß er zuletzt eine wahre
Wollust empfindet, auch von Andern gedrückt und gedemüthigt zu
werden, wenn er auch diese Andern zehnmal übersieht; denn es ist
ihm wohl, wenn man ihn ebenso verachtet, wie er sich selbst; dies
ist die einzige Stärke, auf die er pochen kann, die einzige Art, wie
er wieder zu Respect vor sich selbst kommt, weil es in solcher
Selbstgeringschätzung Wenige ihm gleich thun. Glänzend ist der
Styl der Selbstironie, diese bittere Suade, die fast witzig wird,
, / j. . , \. 11 i j . / % ^ ’ J j'+ T , ji- i. - » . ■ .
gerade so viel als sie sein darf, ohne den Mann zu einem unge-
wöhnlichen Kopf zu machen, diese rührende Offenheit, die den Armen
überkommt, und in der er von seiner Erniedrigung wie von einem
Schicksal spricht, gegen das er nicht murren dürfe. Es ist die alte,
heilige Ehrfurcht vor dem Glück, gegen die sich nur flache Menschen
verhärten, und die hier eine tiefere Natur um.alles Gleichgewicht
bringt.
Der Styl dieser Charakterzeichnung hat uns vielfach so stark
an Diderot, besonders an den neveu de ßameau erinnert, daß
wir wenigstens darauf hiudeuten müssen. Dieselbe Art, Gespräch
oder besser Bekenntnis; mit kurzen persönlichen Notizen zu durchflech-
ten, die den Redenden zeichnen, seine Geberden, seinen Ausdruck
und auch wohl den Antheil des Hörers mit hineinziehn. Sogar
das Thema ist im Grunde eines; nur tritt die Person des Neffen
bei Diderot als Curiosität auf und Turghenew's Wassili Wassiljitsch
ist ein Typus. Es würde uns freuen, wenn das Erscheinen dieses
Buches eine literarische Gattung wieder anregte, für die der Sinn
oder die Begabung leider bei uns erloschen scheint. Freilich hat
die pedantische Koketterie I. I. Engel's dieselbe nicht eben ans die
Länge empfehlen können.
Ueber die Uebersetzung ist nur zu sagen, daß sie in den schil-
dernden Partien flüssig und gelungen ist, aber nicht ausreicht, wo
die Conversation in den Vordergrund tritt. Am ungeschicktesten ist
der Verfasser, wo er sich bemüht, naiv oder derb die Sprache des
gemeinen Manns zu sprechen. Der zweite Band, der am Ende des
Buches verheißen ist und hoffentlich nicht auf sich warten läßt, wird
Gelegenheit geben, diesen Mängeln zu steuern.
TtTflff tmh Qrttf { In Verlage von Heinrich Schindler ist so eben erschienen: Welt und Zeit. Aus dem Nachlaß eines
UJljll llllu fßll ] russischen Diplomaten. Herausgegeben von Lev in Schüking. — Ein erfahrener, vielseitig gebildeter Weltmann giebt
^ * t hier in einer Anzahl von 565 Denksprüchen einen reichen Schatz von feinen Beobachtungen und Lebensmaximeu,
welche eben so durch ihre treffenden Wahrheiten, als durch die Prägnanz der Form anziehen.
Verlag von Heinrich Schindler in Berlin. — Druck von Trowihsch und Sohn in Berlin.



