Literatur
Dtatt
des
Deutschen Kunstblattes.
M 5.
Donnerstag, den 8. März.
1833.
Inhalt: Meister Andrea. Lustspiel in zwei Akten von Emanuel Geibel. — Max Waldau. — Berthold Auerbach's Dichter und Kaufmann.
Meister Andrea.
Lustspiel in zwei Akten von Emanuel Geibel.
Zum ersten Mal aufgefnhrt auf der Münchener Hofbühne am 13. Febr. 1855.
Die ideale Komödie ist leider von dem modernen realistischen
Lustspiel dergestalt verdrängt worden, daß sogar die legitim gewor-
dene Leidenschaft für Shakespeare bisher auf diesem Gebiete keine
Früchte getragen hat, während das Feld der Tragödie zu seinem
Unheil von ihnen strotzt. Wir sind fern davon, das moderne Lust-
spiel gering zu schätzen. Wir wissen, welche Macht in ihm liegt,
wenn es wirklich seiner Pflicht eingedenk bleibt, der Zeit den Spie-
gel vorzuhalten. Und wäre auch dieses Spiegelbild nichts weiter
als getreu und lebendig, wäre es auch zum Erschrecken natürlich, —
wenn es nur zum Lachen ähnlich ist, sind wir gerne zufrieden- Wir
haben hier den Fall, daß ein historisches, sociales Interesse ein man-
gelndes künstlerisches ergänzt, daß ein Werk um so trefflicher sein
kann, je mehr es für die Zeit und je weniger für die Ewigkeit ge-
schaffen ist.
Und was könnte vollends das sociale Lustspiel bedeuten, wenn
der Anstoß, den Lessing's Minna gegeben, von Geschlecht zu Ge-
schlecht fortgepflanzt wäre,' wenn man ihm abgelernt hätte, Typen
der Zeit, nicht ihren zufälligen Fratzen den Spiegel vorzuhalten.
Dazu gehört aber freilich, daß man die Zeit kenne, nicht nur die
sogenannte Gesellschaft, daß man nicht nur ein munterer Kopf, son-
dern ein ernster Geist sei, daß man endlich, indem man ein Bild
aus der Zeit giebt, ein Stück seiner Person mit in den Kauf gebe.
Denn es ist ein himmelschreiender Irrthum, daß der Lustspieldichter
hinter seinen Figuren völlig verschwinden müsse, daß ein zusammen-
geraffter Haufen amüsanter Narren und glücklicher Situationen uns
dafür entschädigen könne, wenn wir in der Führung des — komi-
schen wie tragischen — Schicksals die Gegenwart eines sittlichen
Geistes, eines Herzens vermissen, von dem aus und in das zurück
alles Blut, alle Lebenswärme der einzelnen Gestalten organisch
fließen müssen.
Dieser Irrthum kommt großentheils aus Rechnung der'dichten-
den Schauspieler, die sich in Lustspielen versündigt haben. Wie
ihre werthe Person allabendlich hinter ihrer Maske verschwindet, so,
schlossen sie, sei es nöthig, daß sie auch als Dichter sich ihres Ichs
entschlügen. Und da sie selten als Schauspieler ein wirkliches Ich
ihrer Maske zu opfern haben, so war es natürlich, daß sie auch in
der Maske des Dichters Schauspieler blieben, daß aber die Dichter
den Schauspielern und Genossen die sociale Komik großentheils über-
ließen — mit wenigen Ausnahmen, unter denen der treffliche Frey-
tag die erste Stelle einnimmt —, ist nicht nur Schuld am Verfall
des realistischen Lustspiels, sondern noch betrüblicher am völligen
Erlöschen der idealen Komödie und der echten Posse. Die seltsame
Zusammenstellung wird nicht mehr befremden, wenn wir Geibells
„Meister Andrea" einen Augenblick auf den Stoff angesehen haben.
Die italienische Novelle von dem dicken Bildschnitzer, der so zerstreut
war, daß übermüthige Freunde ihm einreden konnten, er sei nicht
er selbst, sondern ein Anderer, ist auf den ersten Blick so unwahr-
scheinlich, daß eine realistische Behandlung schwerlich die Illusion
ermöglicht hätte, die ihr Prinzip ist. Hier hat nun die ideale Ko-
mödie gleich der Posse den Vorsprung, daß sie beide auf die nackte
rationale Illusion verzichten. Sie heben ihren Stoff, die eine mit
mehr formellen, die andere mit derben materiellen Mitteln in eine
phantastische Sphäre hinauf, in der die Controüe des unbeflügelten,
schwerfälligen Philisterverstandes aufhört. Komische Fabeln, die un-
ter der grell sinnlichen Beleuchtung des modernen Realismus ihre
gegenwärtige Kraft verlieren würden, weil sie in vergangenen Cultur-
bedingungen wurzeln, werden im sanften Lichte einer ideal-poetischen
Cultur wieder lebendig, während die phantastische Welt der Posse
sich und ihre Stoffe über alle Culturbedingungen hinwegsetzen darf.
Holberg in seinem trefflichen „Ieppe vom Berge," Plötz in
dem „verwunschenen Prinzen" haben das. Motiv, das der alten No-
velle zu Grunde liegt, in völlig anderer Fassung mit mehr oder we-
niger possenhafter Kraft ausgebeutet. Besonders das erste Stück ist
höchst lehrreich, um zu beweisen, in ein wie poetisches Licht die
derbste Genremalerei in der Posse tritt, wenn ein glücklicher Ueber-
muth das Unmögliche neben das Wirklichste, das Unwahrscheinlichste
neben das Alltäglichste zu setzen wagt. Aus der chemischen Ver-
bindung dieser beiden heterogenen Stoffe entwickelt sich ein Gas
berauschender Lustigkeit, die allen Spaß der Welt versteht und sich
den tollsten Träumen ernsthaft hingiebt. Daß das dänische Stück
ungleich genialer ist, weil die Gegensätze, mit denen der Spaß sein
Spiel treibt, so viel schlagender und die Laune so viel unbefange-
ner ist, soll hier nur zur Ehre Holberg's angedeutet werden.
Es war zu erwarten, daß der deutsche Lyriker, wenn ihn ein
Lustspiel und insbesondere dieses Lustspiel anwandelte, die idealen
Mittel den possenhaften verziehen würde. Daß er jener Mittel in
solchem Maaße Herr sei, wie nur geübte Dramatiker zu sein pfle-
gen, war eine Ueberraschung, die ihm denn auch der freudigste Bei-
fall des Publikums gedankt hat. Geibel hat es verstanden, in den
puren Schwank eine tiefe innerliche Entwickelung zu legen, die sich
vor der moralisirenden Tendenz des Plötzischen Stückes mxterfcf;ei=:
det wie — um es kurz zu sagen — Poesie von Prosa. Es ist
nicht allein die seine Kunst des Dialogs, der adlige Hauch einer
lebhaften, gesunden, der Coterie noch nicht verfallenen Gesellschaft,
die dieses Lustspiel zu einer idealen Komödie macht*). Es ist auch
'■■■) Die ersten Scenen des ersten Akts sind uns hie und da sogar ein wenig
zu reich an Schmuck witziger Rede, zu wenig unbefangen im Stil vorgekommen,
als sei der Poet während der Exposition noch nicht völlig warm gewesen.
Dtatt
des
Deutschen Kunstblattes.
M 5.
Donnerstag, den 8. März.
1833.
Inhalt: Meister Andrea. Lustspiel in zwei Akten von Emanuel Geibel. — Max Waldau. — Berthold Auerbach's Dichter und Kaufmann.
Meister Andrea.
Lustspiel in zwei Akten von Emanuel Geibel.
Zum ersten Mal aufgefnhrt auf der Münchener Hofbühne am 13. Febr. 1855.
Die ideale Komödie ist leider von dem modernen realistischen
Lustspiel dergestalt verdrängt worden, daß sogar die legitim gewor-
dene Leidenschaft für Shakespeare bisher auf diesem Gebiete keine
Früchte getragen hat, während das Feld der Tragödie zu seinem
Unheil von ihnen strotzt. Wir sind fern davon, das moderne Lust-
spiel gering zu schätzen. Wir wissen, welche Macht in ihm liegt,
wenn es wirklich seiner Pflicht eingedenk bleibt, der Zeit den Spie-
gel vorzuhalten. Und wäre auch dieses Spiegelbild nichts weiter
als getreu und lebendig, wäre es auch zum Erschrecken natürlich, —
wenn es nur zum Lachen ähnlich ist, sind wir gerne zufrieden- Wir
haben hier den Fall, daß ein historisches, sociales Interesse ein man-
gelndes künstlerisches ergänzt, daß ein Werk um so trefflicher sein
kann, je mehr es für die Zeit und je weniger für die Ewigkeit ge-
schaffen ist.
Und was könnte vollends das sociale Lustspiel bedeuten, wenn
der Anstoß, den Lessing's Minna gegeben, von Geschlecht zu Ge-
schlecht fortgepflanzt wäre,' wenn man ihm abgelernt hätte, Typen
der Zeit, nicht ihren zufälligen Fratzen den Spiegel vorzuhalten.
Dazu gehört aber freilich, daß man die Zeit kenne, nicht nur die
sogenannte Gesellschaft, daß man nicht nur ein munterer Kopf, son-
dern ein ernster Geist sei, daß man endlich, indem man ein Bild
aus der Zeit giebt, ein Stück seiner Person mit in den Kauf gebe.
Denn es ist ein himmelschreiender Irrthum, daß der Lustspieldichter
hinter seinen Figuren völlig verschwinden müsse, daß ein zusammen-
geraffter Haufen amüsanter Narren und glücklicher Situationen uns
dafür entschädigen könne, wenn wir in der Führung des — komi-
schen wie tragischen — Schicksals die Gegenwart eines sittlichen
Geistes, eines Herzens vermissen, von dem aus und in das zurück
alles Blut, alle Lebenswärme der einzelnen Gestalten organisch
fließen müssen.
Dieser Irrthum kommt großentheils aus Rechnung der'dichten-
den Schauspieler, die sich in Lustspielen versündigt haben. Wie
ihre werthe Person allabendlich hinter ihrer Maske verschwindet, so,
schlossen sie, sei es nöthig, daß sie auch als Dichter sich ihres Ichs
entschlügen. Und da sie selten als Schauspieler ein wirkliches Ich
ihrer Maske zu opfern haben, so war es natürlich, daß sie auch in
der Maske des Dichters Schauspieler blieben, daß aber die Dichter
den Schauspielern und Genossen die sociale Komik großentheils über-
ließen — mit wenigen Ausnahmen, unter denen der treffliche Frey-
tag die erste Stelle einnimmt —, ist nicht nur Schuld am Verfall
des realistischen Lustspiels, sondern noch betrüblicher am völligen
Erlöschen der idealen Komödie und der echten Posse. Die seltsame
Zusammenstellung wird nicht mehr befremden, wenn wir Geibells
„Meister Andrea" einen Augenblick auf den Stoff angesehen haben.
Die italienische Novelle von dem dicken Bildschnitzer, der so zerstreut
war, daß übermüthige Freunde ihm einreden konnten, er sei nicht
er selbst, sondern ein Anderer, ist auf den ersten Blick so unwahr-
scheinlich, daß eine realistische Behandlung schwerlich die Illusion
ermöglicht hätte, die ihr Prinzip ist. Hier hat nun die ideale Ko-
mödie gleich der Posse den Vorsprung, daß sie beide auf die nackte
rationale Illusion verzichten. Sie heben ihren Stoff, die eine mit
mehr formellen, die andere mit derben materiellen Mitteln in eine
phantastische Sphäre hinauf, in der die Controüe des unbeflügelten,
schwerfälligen Philisterverstandes aufhört. Komische Fabeln, die un-
ter der grell sinnlichen Beleuchtung des modernen Realismus ihre
gegenwärtige Kraft verlieren würden, weil sie in vergangenen Cultur-
bedingungen wurzeln, werden im sanften Lichte einer ideal-poetischen
Cultur wieder lebendig, während die phantastische Welt der Posse
sich und ihre Stoffe über alle Culturbedingungen hinwegsetzen darf.
Holberg in seinem trefflichen „Ieppe vom Berge," Plötz in
dem „verwunschenen Prinzen" haben das. Motiv, das der alten No-
velle zu Grunde liegt, in völlig anderer Fassung mit mehr oder we-
niger possenhafter Kraft ausgebeutet. Besonders das erste Stück ist
höchst lehrreich, um zu beweisen, in ein wie poetisches Licht die
derbste Genremalerei in der Posse tritt, wenn ein glücklicher Ueber-
muth das Unmögliche neben das Wirklichste, das Unwahrscheinlichste
neben das Alltäglichste zu setzen wagt. Aus der chemischen Ver-
bindung dieser beiden heterogenen Stoffe entwickelt sich ein Gas
berauschender Lustigkeit, die allen Spaß der Welt versteht und sich
den tollsten Träumen ernsthaft hingiebt. Daß das dänische Stück
ungleich genialer ist, weil die Gegensätze, mit denen der Spaß sein
Spiel treibt, so viel schlagender und die Laune so viel unbefange-
ner ist, soll hier nur zur Ehre Holberg's angedeutet werden.
Es war zu erwarten, daß der deutsche Lyriker, wenn ihn ein
Lustspiel und insbesondere dieses Lustspiel anwandelte, die idealen
Mittel den possenhaften verziehen würde. Daß er jener Mittel in
solchem Maaße Herr sei, wie nur geübte Dramatiker zu sein pfle-
gen, war eine Ueberraschung, die ihm denn auch der freudigste Bei-
fall des Publikums gedankt hat. Geibel hat es verstanden, in den
puren Schwank eine tiefe innerliche Entwickelung zu legen, die sich
vor der moralisirenden Tendenz des Plötzischen Stückes mxterfcf;ei=:
det wie — um es kurz zu sagen — Poesie von Prosa. Es ist
nicht allein die seine Kunst des Dialogs, der adlige Hauch einer
lebhaften, gesunden, der Coterie noch nicht verfallenen Gesellschaft,
die dieses Lustspiel zu einer idealen Komödie macht*). Es ist auch
'■■■) Die ersten Scenen des ersten Akts sind uns hie und da sogar ein wenig
zu reich an Schmuck witziger Rede, zu wenig unbefangen im Stil vorgekommen,
als sei der Poet während der Exposition noch nicht völlig warm gewesen.



