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M 14. Donnerstag, den 12. Juli. 1833.

Inhalt: Ernst Schulze. Nach seinen Tagebüchern re. geschildert von Herrmann Marggraff. — Das Brockhaus'sche Conversations - Lexikon.

Ernst Schuhe.

Nach seinen Tagebüchern und Briefen, so wie nach Mittheilungen
seiner Freunde geschildert von Hermann Marggraff.

Mit dem Bildniß Ernst Schulze's.
Leipzig. F. A. Brockhaus. 1855.

Neben der großen Heerstraße der Literaturgeschichte giebt es
einige lohnende Seitenwege, welche indeß nur selten von dem Hi-
storiker, der sein Hauptziel im Auge behält, betreten zu werden pfle-
gen. Um zu einer richtigen Erkenntniß und Beurtheilung der lite-
rarischen Kultur zu gelangen, ist es nicht genug, die Thätigkeit und
die Einwirkung eines hervorragenden Geistes in dem Zeitalter, dem
er der geschichtlichen Folge nach angehört, in der Umgebung, die
durch seine Produktionen zunächst angeregt wird, aufzufassen; es giebt
außerdem noch eine Geschichte seiner Auferstehung bei der Nachwelt,
seiner Wirksamkeit im Laufe von Jahrhunderten und Jahrtausenden.
Wir begegnen auch bei dieser Betrachtung den Gesetzen historischer
Kultur; wir finden Epochen des steigenden und finkenden Einflusses.
Es fehlt uns eine Darstellung, welche, um der Neueren zu geschwei-
gen, auch nur den Einfluß von Homer, Virgil, Horaz, von Plato,
Aristoteles, Cicero in der gesammten abendländischen Literatur gründ-
lich nachwiese.

Wenn wir hier die Geschichte der Literatur im Großen und
Ganzen im Auge haben, so führt uns eine aufmerksame Beobach-

tung des Entwicklungsganges der Nationalbildung noch zu einer an-
dern Betrachtung, die am meisten bei Dichtern zweiten Ranges ihre
Anwendung findet: wie weit nämlich der Einzelne seineAnziehungs-
kraft auf die Nation geäußert und in dieser einen Kreis, gleichsam
eine unsichtbare Gemeinde von Verehrern und Verehrerinnen um
sich zu versammeln vermocht hat. Hier, wo die geistige Größe nicht
so unbedingt als Maßstab anzusehen ist, sieht man das bescheidnere
Talent oft mehr in dauerndem Besitz der Liebe der Nation, als
das, welches die ästhetische Kritik in den Vordergrund rückt. Der
Literarhistoriker, der bei Tieck und v. Arnim lange verweilt hat,
geht an dem Dichter von Leier und Schwert und dem Verfasser
der bezauberten Rose rasch vorüber; und doch ist die Frage leicht
zu entscheiden, auf welcher Seite sich die allgemeinere Anhänglichkeit
findet. Nicht immer hat die Stimme des Volkes Recht; aber eine
nähere Untersuchung giebt vielfache Belehrung über die Wege, welche
der Dichter einzuschlagen hat, um zum Herzen seiner Nation zu
dringen.

Ernst Schulze gehört zu der eben bezeichneten Klasse von
Dichtern. Mehr als die Häupter der romantischen Schule, mit der
sein Dichten zusammenhängt, hat er sich die Liebe des deutschen
Publikums in immer gleichem Maße bewahrt; das beweisen die zahl-
reichen Ausgaben und Nachdrücke seiner Dichtungen. Wir können

Literatur- Blatt.

daher ein Werk, das uns zum erstenmal die intimen Lebensbeziehun-
gen des Dichters offen darlegt und sein Gemüth vor uns anfschließt,
nur willkommen heißen. Nicht nur wird dadurch über seine Ge-
dichte eine größere Klarheit verbreitet und zum Theil erst jetzt das
richtige Verständniß eröffnet; es ist auch an und durch sich selbst als
ein gehaltvolles Dichterleben in allen seinen Theilen anziehend; ja
es erfüllt gleich einem Dichtwerk auch darin die ästhetische Forde-
rung, daß es in dem Momente abschließt, wo nach dem Verbleichen
der letzten Hoffnung auf irdisches Glück der Blick des Sterbenden
sich noch an dem Dichterkranz entzückt, der ihm die Liebe der Nach-
welt zu verbürgen scheint. Die Nachricht, daß der „bezauberten
Rose" von den Preisrichtern einstimmig und unter größter Anerken-
nung der Preis zugesprochen sei, erhielt Schulze kurz vor seinem Ende.

Die kurze biographische Skizze, mit der Bouterwek die erste
Ausgabe von Schulze's poetischen Werken begleitete, konnte sich fast
nur an der Oberfläche der äußeren Lebensereignisse halten und führte
den Leser nur wenig in das Gemüthsleben, in die innern Kämpfe
des jungen Dichters ein. Marggraff hat in Schulze's Briefen
und den Auszügen aus seinem mit kunstvoller Hand verfaßten Tage-
buche, dessen Inneres klarer entfaltet, als es irgend eine mehr ver-
arbeitende biographische Schilderung vermocht hätte. Die in ihrer
schlichten Form so ergreifende Wahrheit, mit der der Dichter uns
anfangs durch die freudigen Ereignisse und hoffnungsreichen Tage
seiner Jugend hindurchgeleitet und dann gleichsam in einem zweiten
Theile uns den Ernst und den Schmerz der letzten Lebensjahre mit
einer höheren poetischen Weihe schildert, bis dem Biographen nur
übrig bleibt, den Abschied vom Leben mit einem kurzen Schlußworte
zu berichten, dies alles hat uns beim Lesen in Inhalt und Form
recht lebhaft an Goethe's Werther erinnert.

Ernst Schulze war mehr eine erregsame und empfängliche,
als tiefe Natur. Offenheit und Gutmütigkeit, die bleibenden Grund-
züge seines Charakters, traten in dem Wesen des Knaben vornehm-
lich hervor; die munteren Spiele liebte er mehr als die beharrliche
Arbeit. Poetische Eindrücke konnte ihm die Vaterstadt Celle und
ihre öde Umgebung nur wenig gewähren. Bei seiner Empfänglich-
keit für die Reize der Natur war eine Fußwanderung im Harz und
den Wesergegenden im Jahre 1804 epochemachend; um diese Zeit
begann seine poetische Anlage zuerst sich zu entwickeln. Als er 1806,
siebzehn Jahr alt, sich auf die Universität Göttingen begab, um
Theologie zu studieren, zog ihn seine Neigung bald fast ausschließlich
zu ästhetischen Studien, weshalb er an Bouterwek vornehmlich sich
anschloß, dem er seine ersten poetischen Versuche zur Beurtheilung
vorlegte. Die christlich-mittelalterliche, zu religiöser Mystik nei-
gende Romantik der Tieck-Novalis'schen Schule lag ihm damals nock-
ganz fern. Sein heiterer Sinn, der noch auf der Oberfläche des
Lebens hinstreifte und im leichten Tändeln der Phantasie die poeti-
schen Blüthen flüchtig ergriff, fand sich in Wieland's Dichtungen

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