des
Deutschen Annstblattes.
M 16.
Donnerstag, den 9. August.
1833.
Inhalt: Geschichte des Theaters in Preußen:c. von Dr. E. A. Hagen, Professor.
Geschichte des Theaters in Preußen,
oornämlich der Duhnm in Königsberg und Danzig von ihren ersten An-
fängen bis zu den Gastspielen I. Fischer's und L. Devrient's.
Von Dr. (§. A. Hagen, Professor.
Königsberg, bei Dalkowsky. 1854.
Farbe und Stein leben fort, auch wenn derjenige, welcher sie
mit dem Athem seines Geistes beseelte, längst dahin ist, das Werk
des Dichters wirst Funken in die empfänglichen Herzen der Jahr-
tausende nach ihm lebenden Geschlechter, aber des Schauspielers
Kunstgebilde gehören nur der Gegenwart an, und nicht vermag die
Nachwelt den Werth seiner Leistungen an vorhandenen Schöpfungen
zu messen, denn sein Material, Erscheinung, Sprache, Mimik, Sicher-
heit und Lebendigkeit der Darstellung ruhen in ihm und nur seine
Gegenwart giebt ihnen Dasein und Entschwinden. Darum ist cs
eine wichtige Aufgabe der Nation, das Gedächtnis; derjenigen ihrer
Zierden, welche nichts weiter, als eben die Erinnerung an ihr Wir-
ken hinterlassen konnten, in der Geschickte zu bewahren; doppelt
wichtig durch den Umstand, daß damit zugleich ein Beitrag gegeben
wird zu der Gesammtgeschichte der nationalen Entwickelung. Der
Zustand des Theaters, die innere und äußere Gestaltung des We-
sens der Schauspielkunst, war fast von den ältesten Zeiten an das
Abbild der gestimmten öffentlichen Verhältnisse; wo es frei sich ent-
faltete und zur Blüthe kam, da waren alle höheren Regungen des
Volksgeistes in entsprechender, thätiger Wirksamkeit; und das Schau-
spiel, am unmittelbarsten von der allgemeinen Meinung abhängig,
mußte zu allen Zeiten darauf bedacht sein, die lebendigsten, ein-
greifendsten Interessen der Zeit zum Gegenstand zu wählen, gleich-
sam den Kern des Gesammtlebens zu fördern und zu nähren, die
Keime zu schützen, und dadurch sich selbst in die Herzen einzunisten,
zu befestigen. — Nahm doch bei der großen Bewegung aller Theile
der Nation, bei der Reformation, die Schauspielkunst Besitz von der
öffentlichen Meinung, indem sie im Spiel-Papst, Spiel-Kaiser und
Spiel-Luther die Häupter der Zeitfragen sich entgegenstellte! Freilich
mußte damals am Schlüsse der Eomödie noch der Teufel mit Luther
abfahren, aber die Gelegenheit um den Volksunwillen wegen der
Uebergriffe der Geistlichkeit und über das Unwesen des Mönchthums
auszusprechen, blieb nicht unbenutzt, imb ward die erste tiefere Ursache
zu der bis auf unsere Tage bestehende Feindschaft zwischen Kirche
und Schauspiel, die doch ursprünglich so nahe verwandt sind, und
somit eng befreundet sein sollten. Luther selbst erkannte den Werth
der dramatischen Kunst sehr wohl. Nicht nur, daß er sie als treff-
liches Bildungsmittel für die Jugend und das Volk pries, er schrieb
auch mit Bezug ans die Fastnachtspiele, daß „das Evangelium in
vollem Lauf mit vollen Segeln nach Preußen eile, — und sieht in
dem Schauspiele eines dieser vollen Segel." — Nicht selten entstan-
Literatur-Blatt.
den ernstliche und blutige Nachspiele, wie uns der Verfasser des vor-
liegenden Buches in mehreren Beispielen darthut.
Wenn cs schon an und für sich ein nützliches Werk ist, Steine
zum Bau des nationalen Denkmals der Geschichte beizutragen, so
verdient die fleißige und von schönem Streben geleitete Hand, welche
nicht nur dauerhafte, sondern auch zierlich bearbeitete Theile zubringt,
doppelte Anerkennung. Das vielfältige Material, welches sich dem
Sammelnden darbictct, zu sichten und dabei geschickt zu ordnen, nicht
nur getreu, sondern auch anziehend, fesselnd und befriedigend darzu-
stcllen, dies sind Vorzüge, welche gerade bei historischen Darstellun-
gen, wo die Schwierigkeit des Unternehmens Ausdauer und Geduld
erfordert, um so seltner um so achtenswerther sind — es sind die
Vorzüge des vorliegenden Werkes.
Eine „Geschichte der Theater in Königsberg und Danzig" er-
scheint auf den ersten Blick als ein Unternehmen, welches, durch
das beschränkte Feld, nur ein entsprechendes, gesondertes Interesse
zu beanspruchen berechtigt sei, und der Verfasser hat, dies im Auge
behaltend, sein Werk mit einer Einleitung versehen, die den Stand-
punkt bezeichnet, von welchem aus seine Bestrebungen betrachtet wer-
den müssen. „Als Vasari," — so beginnt er, —>„sein schönes
Werk über die Künstler Italiens schrieb, und nach Maaßgabe der
ihm gewordenen Kunde alle Kunst von Toscana her sich entwickeln
ließ und zu ihr zurückführte, so fühlte der Stolz vieler Städte, die
übergangen oder überhin in Rede gezogen waren, sich gekränkt und
wetteifernd wiesen Gelehrte an verschiedenen Orten nach, wie auch
ihre Heimath zum Ban der Kunst einflußreich mitgewirkt habe.
Diesen partikularistischen Erörterungen verdanken wir cs großentheils,
daß wir in umfassender Weise über die höheren Leistungen Italiens
belehrt sind." — „Unsere Bühne blühte," — fährt er an einer
anderen Stelle fort, — „ und um so schmerzlicher erscheint es, daß
in der Geschichte der deutschen Schauspielkunst von Eduard Devrient
über Königsberg und Danzig so gar wenig berichtet wird." — Und
in der That! besäßen wir viele solcher Ergänzungen zu dem Treff-
lichen, was uns durch Devrient bereits aus diesem Felde geboten
ist, wir dürften auf ein Gesammtwerk von der höchsten Bedeutung
stolz sein. Gerade in der Beschränkung war es dem Verfasser mög-
lich uns noch vieles Neue und Eigenthümliche zn sagen und obgleich
er hauptsächlich bei denjenigen Persönlichkeiten und Gesellschaften
verweilt, welche durch Geburt oder Wirken mit jenen beiden Städten,
deren Bühnen in einer steten Vereinigung standen, zusammen hingen,
so läßt er uns doch die Fäden klar erkennen, durch welche sie mit
den allgemeinen Leistungen der entsprechenden Zeit in Verbindung
standen, und sein Werk ist somit nicht nur eine Ergänzung des schon
Vorhandenen, es bildet ein in sich abgeschlossenes Ganze, das den
Leser, indem es ihm einen bestimmten Standort anweist und von
dort aus die Gcsammtentwickelung der dramatischen Kunst in ganz
Deutschland an ihm vorübergehen läßt, in befriedigender Weife be-
l6



