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M 2s. Donnerstag, den 13. Deeember. 1833.

Inhalt: Hans Haidckucknck. Von Otto Roquette.

Hans HaidrKuckuck.

Von Otto Roquette. Berlin. 1855.

Wenn wir vor Allem den tiefsten und wohlthuendsten Eindruck,
den das Gedicht auf uns gemacht hat, bezeichnen wollen, so ist es
dieser, daß es eine durchaus nationale Dichtung sei, national nach
Stoff und Form. Hiermit aber soll durchaus nicht ein außerhalb
der ästhetischen Schätzung liegender Vorzug ausgesprochen sein; nicht
ein nationales, patriotisches, sondern das wesentlichste poetische In-
teresse findet in dem specifisch nationalen Charakter einer Dichtung
sein Genüge. Wir glauben die Veranlassung wahrnehmen zu müs-
sen, diesen letzteren Gedanken, über welchen oft und viel und viel-
fach vergeblich geredet wird, hier des Näheren zu begründen. Alle
eigentliche Schönheit der Poesie beruht, obgleich jede allgemein
menschliche Ideen und Verhältnisse zur Anschauung bringen soll, in
der individuellen und charakteristischen Darstellung von Sachen und
Personen, deren Erlebnissen und Handlungen; die'Intelligenz mag
bereichert, die Sittlichkeit gehoben werden durch alle sonstigen Vor-
züge einer Dichtung: die Schönheit wird empfunden allein in der
wahren und vollkommenen, also bestimmten und eigenthümlichen Ge-
staltung ihres Stoffes. Nun wird zwar alle darstellende, epische
oder dramatische Poesie nothwendig irgendwo auf realem Erdboden
ihren Schauplatz haben, nicht abstracte, allgemeine Menschenbilder,
sondern bestimmte irgend einer Nation ungehörige Menschenkinder
auftreten lassen; aber ein Anderes ist cs, ob ein Dichter diese oder
jene menschliche Idee, Leidenschaft, einen Conflict, tragische oder ko-
mische Situationen zur Darstellung bringen will, wofür ihm und
dem Werke der nationale Typus zunächst gleichgiltig ist, und ein
Anderes, wenn der Dichter seinen poetischen Stoff sogleich auf dem
bestimmten nationalen Boden aufnimmt, ihn mit allen seinen allge-
meinen und besonderen Bezügen aus der Bestimmtheit dieses Cha-
rakters emporwachsen läßt, wenn ihm mit dem historischen Boden
nicht blos der umfassende Nahmen, sondern die eigenthümlichen
Triebkräfte, die Geistesrichtungen, die bewegenden Ideen, die öffent-
liche Gesinnung, mannigfaltige Charaktere gegeben sind. Dies ist,
vielleicht mehr noch als der bloße Größenwerth des politischen
Stoffes, der eigenthümliche Vorzug aller historischen Dichtung;
und besteht er auch nur in der Erzeugung der charakteristischen
Wahrheit, so wirkt er doch auf den Zuschauer und Leser bei weitem
nicht blos durch Vergleichung, also nur wenn man die Geschichte
vor dem Kunstwerk kennt; sondern die Wahrheit macht sich selber
kund, so wie wir einem gutgemalten Porträt ansehen, daß es ge-
troffen sein muß, ohne daß wir die Person kennen die es darstellt *).

*) Es verdient an diesem Orte bemerkt zu werden, daß der gewöhnliche
Einwand gegen die national- und historisch bestimmte Dichtung: die Poesie habe
es nur mit dem allgemein Menschlichen und allgemein Schönen zu thun, dadurch

Literatur- Blatt.

Daß die homerischen Gesänge durchaus nationale Dichtung sind, ist
nicht bloß bei den Griechen, sondern an ihnen selbst ihr höchster
Vorzug; das Zurücktreten aller Subjectivität des Dichters, das voll-
ständige Versenktsein in die Sache der Dichtung ist ein elastischer
Zug und zugleich Erfolg dieser Eigenschaft eines Dichters.

Objektivität und Individualität, die innere Wahrheit nach all-
gemeinen Gesetzen und die Ausprägung der Gestalten als eigen-
thümliche Erscheinungen, werden mit Recht als die Gegensätze be-
zeichnet, welche der wahrhafte Dichter in seinen Charakteren und
Darstellungen überhaupt zu vereinigen hat; die Nationalität des
poetischen Stoffes begünstigt Beides, die Objektivität, indem sowohl
der Dichter und die Dichtung an sich in einer bestimmten Sphäre
festgehalten, und vor einem willkürlichen und schrankenlosen Aus-
schreiten der Phantasie geschützt sind, als auch weil die Stimmung
und Richtung, überhaupt die Einbildung des Lesers auf gleiche
Weise in eine bestimmte Bahn geleitet ist. Die Individualität aber
wird ebenfalls begünstigt, indem einerseits schon ein sehr wesentli-
cher, nicht durch Willkür, sondern durch innere Gesetzmäßigkeit gege-
bener, Schritt zur näheren Bestimmtheit faktisch gethan ist durch
die nationale Charakteristik, andererseits der Dichter zur scharfen
Ausprägung der individuellen Eigenthümlichkeit sowohl durch die
leichtere Orientirung angeleitet, als durch die objektiv gegebene Be-
stinuntheit angetriebcn wird. So wie nun die Objektivität über-
haupt die freie, selbstständige poetische Schöpfung durchaus nicht
beschränkt, wenigstens aber nicht weiter als das Maaß der Schön-
heit selber erfordert, eben so wird auch die nationale Bestimmtheit
den Aufschwung des poetischen Genius und seine freie Gestaltungs-
kraft durchaus nicht hemmen. Denn das Nationale an der Dich-
tung und sogar das Historische soll sich nicht an dem faktischen und
wirklichen Einzelnen der Thatsachen und Charaktere beweisen, son-
dern nur an der wahren und gesetzmäßigen Bestimmtheit derselben.
So wenig ist die Nationalität eine der poetischen und schöpferischen
Freiheit widerstrebende Schranke des Dichters, daß er vielmehr dem
Leser erst durch seine frei gewählten und frei ausgeprägten Gestal-
ten ein wahres Bild der Nationalität schaffen und zeigen soll. —
Bei den Griechen enthalten die früheren Dichter bei weitem rei-
chere und tiefere Aufschlüsse über den Nationalcharakter als die spä-
teren Historiker; noch mehr ist dies bei den orientalischen Völkern
der Fall, z. B. bei den Indern, und besonders bei den Hebräern
geben uns die poetischen Bücher ein Bild des Nationalgeistes, wo-
von wir aus den blos historischen kaum eine Ahnung gewönnen.

in sich zerfällt, weil alles Allgemeine, welches nicht in einer bestimmten, ihm
angemessenen Sphäre Leben gewinnen kann, ohne von der Klarheit seines In-
haltes etwas einzubnßen, kaum in der abstrakten Reflexion eine Berechtigung, ge-
schweige in der Poesie einen adäquaten Ausdruck finden kann. Schönheit aber
wird durch solide Individualität stets gewinnen und nie verlieren.

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