Literatur
Atatt
d e s
Deutschen Kunstblattes.
M 5.
Donnerstag, den 6. März.
1856.
Inhalt: Ludwig Tieck. Erinnerungen aus dem Leben des Dichters, nach dessen mündlichen und schriftlichen Mittheilungen von Rudolf Köpke. Ludwig
Tieck's nachgelassene Schriften. Auswahl und Nachlese. Herausgegeben von Rudolf Köpke. — Die Lieder des Mirza-Schaffy von F. Bodenstedt.
Essex von Loh mann.
Ludwig Tir ck.
Ludwig Tieck. Erinnerungen aus dem Leben des Dichters, nach dessen münd-
lichen und schriftlichen Mittheilungen, von Rudolf Köpke. Zwei Theile.
Leipzig, Brockhaus. 1855.
Ludwig Tieck'S nachgelassene Schriften. Auswahl und Nachlese. Heraus-
gegeben von Rudolf Köpke. Zwei Bände. Ebendas. 1S55.
Die Literatur des ersten Drittheils unseres Jahrhunderts ge-
staltet sich mehr und mehr zu einem Gesammtbilde. Einzelne Fi-
guren treten nach und nach in deutlicheren Umrissen aus der Gruppe
hervor, die leitenden Ideen und Tendenzen erscheinen in schärferen
Linien, und nicht bloß die literarischen Produktionen, sondern auch
die biographischen Schilderungen geben dem Ganzen Licht und Farbe.
Erst wenn nicht allein der Jdeenprozeß und die einzelnen Dichtwerke,
sondern zugleich der Entwicklungsgang der hervorragenden Indivi-
dualitäten klar von uns übersehen werden kann, wird für diesen
Theil unserer nationalen Literatur als ein in sich abgeschlossenes
Ganzes der historische Standpunkt möglich geworden sein.
In dieser Hinsicht haben uns die letzten Jahre, in denen man
sich der Biographie deutscher Dichter mit besonderer Liebe zugewandt
hat, viele werthvolle Beiträge geliefert, unter denen wir das vor-
liegende Werk von Köpke mit besonderer Freude willkommen heißen-
Der Vers, hat zwar nicht als ein Mitstrebender die Bildungsge-
schichte des von ihm geschilderten Dichters begleitet. Es lebt Nie-
mand mehr, der dies vermöchte; cs ist keiner mehr übrig von jenem
Freundschaftsbunde, der in dem glänzenden Jahrzehend unserer Li-
teratur, das mit dem Tode Schiller's schloß, mit jugendlichem Muthe,
gehoben von den Dichtungen der großen Meister und dem begeiste-
rungsvollen Streben der neuen Philosophie, den Dichtergarten der
Romantik anzupflanzen begann. Hr. Köpke stand dem Dichter nur
in dessen letzten Lebensjahren nahe. Damals hatte dieser den Vor-
satz, die Denkwürdigkeiten seines Lebens aufzuzeichnen, noch nicht
ganz aufgegeben. Schon vor seiner Uebersiedelung nach seiner Va-
terstadt hatte er sich mit diesem Plane getragen. Es findet sich
eine Andeutung davon in einem Briese an seinen Bruder vom Jahre
1838, worin er ihn ausfordert, die Erinnerungen ihrer Kindheit zu
sammeln und biographische Notizen aufzuzeichnen. Allein durch die
Veränderung der äußeren Lebensverhältnisse, so wie durch das in
seiner Natur liegende Zaudern ward die Sache mehr und mehr hin-
ansgeschoben, und es blieb bei der Absicht.
Seine Gespräche verbreiteten sich mit Vorliebe über die Er-
innerungen seiner früheren Lebensperioden, hauptsächlich über die
erste Entwickelung seines Geistes und die Literaturzustände, unter
denen seine dichterische Thätigkeit sich entfaltete. Diese Unterhaltun-
gen waren für den Biographen die hauptsächlichste Quelle. Vieles
hat er bei Tieck's Lebzeiten, so zu sagen, unter seinen Augen aus-
gezeichnet, indem er selbst einen Theil dieser Schilderungen dnrchlas
Literatur-Blatt.
und seinen Beifall darüber anssprach. Durch die in Tieck's Schrif-
ten und in den Mittheilungen der Zeitgenossen zerstreuten Nachrichten
ließen sich diese dergestalt vervollständigen, daß eine fortlaufende und
zusammenhängende Darstellung eines gehaltvollen Dichterlebens ge-
wonnen ward.
Verehrung und Pietät hat dem Vers, die Feder in die Hand
gegeben und ihn demnach bei der Bearbeitung geleitet. Anders soll
es. auch nicht in einer Biographie sein, welche den Zweck hat, den
Dichter als Menschen unfern Herzen näher zu bringen. Für sie
gehört die Liebe, wenn nur sonst der Biograph, wie unser Ver-
fasser (Vorr. S. XXII), das Bekenntniß ablegcn kann: „ich gebe
sie (seine Lebensgeschichte) unter der Verantwortlichkeit, wie sie überall
dem Geschichtschreiber zufällt, der einen überlieferten Stofs darzu-
stellen versucht." Von der kalten Parteilosigkeit der Kritik werden
wir nie ein anziehendes Lebensgemälde erhalten. Wir pflichten da-
her dem Verfasser bei, wenn er sich über die Art und Weise seiner
Darstellung in Folgendem ausspricht: „Wenn ich eine Charakteristik
Tieck's zu entwerfen versuchte, konnte ich ihn nur so darstellen, wie
er mir in einem mehrjährigen Umgänge als Mensch und in seinen
Werken als Dichter erschienen war, deren höchste Werthschätzung seit
frühen Jahren bei mir feststand, lange vorher, ehe ich eine Ahnung
davon hatte, ihm jemals persönlich nahe zu treten. Diese LebenS-
geschichte ist somit unbeabsichtigt zu einer literarhistorischen Würdi-
gung und' Verteidigung Tieck's geworden." Die in diesen Worten
ausgesprochene Verehrung des Dichters legt sich wie ein warmer
Hauch auf die gesammte Darstellung, welche auch in stylistischer Hin-
sicht des Meisters in der deutschen Erzählungsprosa würdig ist, den
sie zu schildern unternimmt. .
Es liegt in der Natur der Sache, daß der erste Theil der
Biographie, welcher das Leben Tieck's bis zu seiner Uebersiedelung
nach Dresden im Jahre 1819 führt, bei weitem der interessanteste
und lehrreichste ist. Da enthüllt sich uns in ausführlicher Schilde-
rung das erste frische Wachöthum der hoffnungsvollen Pflanze; wir
nehmen Theil an den begünstigenden Umständen und Verhältnissen,
unter denen sie gedeiht und mit ihren Frühlingsblüthen aus der
Verborgenheit hcrvortritt. Es ist ein lebendiges Werden, ein Wech-
seln und Bewegen; ein neues Blatt unserer Literaturgeschichte liegt
vor uns aufgeschlagen, an dessen Schlüsse der „Phantasus" verzeich-
net steht. Weiter hinaus zeigt sich noch eine vielseitige Thätigkeit
und Berührung mit der literarischen Welt; Tieck der Novellist und
Dramaturg behauptet in ihr noch eine ehrenvolle Stelle; allein der
Kreis, in dessen Mittelpunkt der Dichter steht, ist ein anderer ge-
worden; die mitstrebenden Freunde sind dahingeschieden, zerstreut
oder im Dienste anderer Zwecke; das' frühere geistige Band ist auf-
gelöst; die jüngere Generation sucht andere Bahnen, und das Da-
sein des greisen Dichters wird mehr und mehr einsam und farblos.
Aus der Kindheitsgeschichte Tieck's hat der Biograph mit psy-
Ü
Atatt
d e s
Deutschen Kunstblattes.
M 5.
Donnerstag, den 6. März.
1856.
Inhalt: Ludwig Tieck. Erinnerungen aus dem Leben des Dichters, nach dessen mündlichen und schriftlichen Mittheilungen von Rudolf Köpke. Ludwig
Tieck's nachgelassene Schriften. Auswahl und Nachlese. Herausgegeben von Rudolf Köpke. — Die Lieder des Mirza-Schaffy von F. Bodenstedt.
Essex von Loh mann.
Ludwig Tir ck.
Ludwig Tieck. Erinnerungen aus dem Leben des Dichters, nach dessen münd-
lichen und schriftlichen Mittheilungen, von Rudolf Köpke. Zwei Theile.
Leipzig, Brockhaus. 1855.
Ludwig Tieck'S nachgelassene Schriften. Auswahl und Nachlese. Heraus-
gegeben von Rudolf Köpke. Zwei Bände. Ebendas. 1S55.
Die Literatur des ersten Drittheils unseres Jahrhunderts ge-
staltet sich mehr und mehr zu einem Gesammtbilde. Einzelne Fi-
guren treten nach und nach in deutlicheren Umrissen aus der Gruppe
hervor, die leitenden Ideen und Tendenzen erscheinen in schärferen
Linien, und nicht bloß die literarischen Produktionen, sondern auch
die biographischen Schilderungen geben dem Ganzen Licht und Farbe.
Erst wenn nicht allein der Jdeenprozeß und die einzelnen Dichtwerke,
sondern zugleich der Entwicklungsgang der hervorragenden Indivi-
dualitäten klar von uns übersehen werden kann, wird für diesen
Theil unserer nationalen Literatur als ein in sich abgeschlossenes
Ganzes der historische Standpunkt möglich geworden sein.
In dieser Hinsicht haben uns die letzten Jahre, in denen man
sich der Biographie deutscher Dichter mit besonderer Liebe zugewandt
hat, viele werthvolle Beiträge geliefert, unter denen wir das vor-
liegende Werk von Köpke mit besonderer Freude willkommen heißen-
Der Vers, hat zwar nicht als ein Mitstrebender die Bildungsge-
schichte des von ihm geschilderten Dichters begleitet. Es lebt Nie-
mand mehr, der dies vermöchte; cs ist keiner mehr übrig von jenem
Freundschaftsbunde, der in dem glänzenden Jahrzehend unserer Li-
teratur, das mit dem Tode Schiller's schloß, mit jugendlichem Muthe,
gehoben von den Dichtungen der großen Meister und dem begeiste-
rungsvollen Streben der neuen Philosophie, den Dichtergarten der
Romantik anzupflanzen begann. Hr. Köpke stand dem Dichter nur
in dessen letzten Lebensjahren nahe. Damals hatte dieser den Vor-
satz, die Denkwürdigkeiten seines Lebens aufzuzeichnen, noch nicht
ganz aufgegeben. Schon vor seiner Uebersiedelung nach seiner Va-
terstadt hatte er sich mit diesem Plane getragen. Es findet sich
eine Andeutung davon in einem Briese an seinen Bruder vom Jahre
1838, worin er ihn ausfordert, die Erinnerungen ihrer Kindheit zu
sammeln und biographische Notizen aufzuzeichnen. Allein durch die
Veränderung der äußeren Lebensverhältnisse, so wie durch das in
seiner Natur liegende Zaudern ward die Sache mehr und mehr hin-
ansgeschoben, und es blieb bei der Absicht.
Seine Gespräche verbreiteten sich mit Vorliebe über die Er-
innerungen seiner früheren Lebensperioden, hauptsächlich über die
erste Entwickelung seines Geistes und die Literaturzustände, unter
denen seine dichterische Thätigkeit sich entfaltete. Diese Unterhaltun-
gen waren für den Biographen die hauptsächlichste Quelle. Vieles
hat er bei Tieck's Lebzeiten, so zu sagen, unter seinen Augen aus-
gezeichnet, indem er selbst einen Theil dieser Schilderungen dnrchlas
Literatur-Blatt.
und seinen Beifall darüber anssprach. Durch die in Tieck's Schrif-
ten und in den Mittheilungen der Zeitgenossen zerstreuten Nachrichten
ließen sich diese dergestalt vervollständigen, daß eine fortlaufende und
zusammenhängende Darstellung eines gehaltvollen Dichterlebens ge-
wonnen ward.
Verehrung und Pietät hat dem Vers, die Feder in die Hand
gegeben und ihn demnach bei der Bearbeitung geleitet. Anders soll
es. auch nicht in einer Biographie sein, welche den Zweck hat, den
Dichter als Menschen unfern Herzen näher zu bringen. Für sie
gehört die Liebe, wenn nur sonst der Biograph, wie unser Ver-
fasser (Vorr. S. XXII), das Bekenntniß ablegcn kann: „ich gebe
sie (seine Lebensgeschichte) unter der Verantwortlichkeit, wie sie überall
dem Geschichtschreiber zufällt, der einen überlieferten Stofs darzu-
stellen versucht." Von der kalten Parteilosigkeit der Kritik werden
wir nie ein anziehendes Lebensgemälde erhalten. Wir pflichten da-
her dem Verfasser bei, wenn er sich über die Art und Weise seiner
Darstellung in Folgendem ausspricht: „Wenn ich eine Charakteristik
Tieck's zu entwerfen versuchte, konnte ich ihn nur so darstellen, wie
er mir in einem mehrjährigen Umgänge als Mensch und in seinen
Werken als Dichter erschienen war, deren höchste Werthschätzung seit
frühen Jahren bei mir feststand, lange vorher, ehe ich eine Ahnung
davon hatte, ihm jemals persönlich nahe zu treten. Diese LebenS-
geschichte ist somit unbeabsichtigt zu einer literarhistorischen Würdi-
gung und' Verteidigung Tieck's geworden." Die in diesen Worten
ausgesprochene Verehrung des Dichters legt sich wie ein warmer
Hauch auf die gesammte Darstellung, welche auch in stylistischer Hin-
sicht des Meisters in der deutschen Erzählungsprosa würdig ist, den
sie zu schildern unternimmt. .
Es liegt in der Natur der Sache, daß der erste Theil der
Biographie, welcher das Leben Tieck's bis zu seiner Uebersiedelung
nach Dresden im Jahre 1819 führt, bei weitem der interessanteste
und lehrreichste ist. Da enthüllt sich uns in ausführlicher Schilde-
rung das erste frische Wachöthum der hoffnungsvollen Pflanze; wir
nehmen Theil an den begünstigenden Umständen und Verhältnissen,
unter denen sie gedeiht und mit ihren Frühlingsblüthen aus der
Verborgenheit hcrvortritt. Es ist ein lebendiges Werden, ein Wech-
seln und Bewegen; ein neues Blatt unserer Literaturgeschichte liegt
vor uns aufgeschlagen, an dessen Schlüsse der „Phantasus" verzeich-
net steht. Weiter hinaus zeigt sich noch eine vielseitige Thätigkeit
und Berührung mit der literarischen Welt; Tieck der Novellist und
Dramaturg behauptet in ihr noch eine ehrenvolle Stelle; allein der
Kreis, in dessen Mittelpunkt der Dichter steht, ist ein anderer ge-
worden; die mitstrebenden Freunde sind dahingeschieden, zerstreut
oder im Dienste anderer Zwecke; das' frühere geistige Band ist auf-
gelöst; die jüngere Generation sucht andere Bahnen, und das Da-
sein des greisen Dichters wird mehr und mehr einsam und farblos.
Aus der Kindheitsgeschichte Tieck's hat der Biograph mit psy-
Ü



