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Literatur

Dtatt

d e s

Deutschen Kunstblattes.

M 9.

Donnerstag, den 1. Mai.

1836.

Inhalt: König Jerome's Carneval. Geschichtlicher Roman von Heinrich König. — Der Fürst „Mein Liebchen" und seine Parteigänger. Historischer Roman

aus der letzten Halste des 18. Jahrh. von W. Bachmann. — Neue Erscheinungen. — Zeitung.

König Icromc's Carneval.

Geschichtlicher Roman von Heinrich König. In drei Theilen.

Leipzig, F. A. Brockhaus.

Es ist keinen Augenblick zu läugnen, daß die Wirthschaft an
dem chevalercsken und leichtfertigen Hofe des Königs Jerome von
Westphalen nicht ein höchst interessantes Sittenbild zu geben vermöchte.
Wie eine wandernde Schauspielertruppe kamen sie an, schlugen die
Bühne auf und trieben ihr buntes Carnevalspiel. Dann wurde
Alles wieder abgebrochen und der nüchterne Zopf kehrte zurück. Man
glaubt zu träumen, wenn man in diese bunte Welt voll gleichwohl
meistens bekannter und historischer Persönlichkeiten schaut und sich
dann erinnert, daß dieser lustige Carnevalskönig derselbe Prinz
Jerome ist, von dem noch vor Kurzem die Zeitungen mit Eifer mel-
deten, wie er in den Tuillerien zu Paris geschlafen und wie oft er
Medizin genommen habe.

Man hat sich Mühe gegeben, für diese Arbeit des gewandten
und beliebten Schriftstellers, welche er selber einen historischen Roman
nennt, eine besondere Gattung auf dem Gebiete der poetischen Dar-
stellung zu erschaffen, allein wir müssen bekennen, daß wir darin
nicht mit können. Der Verfasser selbst macht auch diesen Anspruch
nicht, sondern im Grunde einen höheren, eben indem er einen histo-
rischen Roman geliefert haben will. Ist dies nicht geschehen, so
sehen wir nicht ein, warum ihm daraus ein Verdienst gemacht wer-
den soll. ES giebt manches an dem Buche zu loben, nur das nicht,
daß es' nicht ist, was es sein will. Man kann nicht sagen, daß das
Gebiet der Memoirenliteratur bei uns ganz besonders angebaut wäre;
wir stehen nicht an, das für kein sehr großes Unglück zu halten.
Diese Gattung bleibt ein Zwittergeschlecht. Sie ist weder Geschichte
noch Poesie, aber sie ist eine Fundgrube für Beide, kokettirt auch
mit Beiden. Sie überliefert eine Menge von Thalsachen, sie verräth
eine Fülle von Konlissengeschichten, aber sie thut es einmal mit sehr-
subjektiver Färbung, andererseits befleißigt sie sich zwar einer mög-
lichst poetischen, mindestens einer angenehmen, am meisten indeß einer-
pikanten Darstellung, aber sie entbindet sich von den strengen Regeln
der künstlerischen Komposition.

In dem vorliegenden Werk haben wir es eigentlich mit Me-
moiren zu thun, oder, wenn man will, mit einem Mittelding zwi-
schen Memoiren und Roman, in so fern nämlich zwischen'ciner Reihe
von stellenweise fast tagebuchartig aneinandergereihten Hof- und Zeit-
geschichten eine sehr einfache Herzensgeschichte durchgeht, welche für
sich die Bedeutung in Anspruch nimmt, als sei sie der Roman auf
historischem Hintergründe. Es ist nicht in Abrede zu stellen, daß
dieser Romanstoff, wie einfach immer, dennoch ausreichend und bc-
handelnswerth sei, nur soll das Letztere auch geschehen, und der
Dichter soll cs aber auch darauf anlegen, ihn künstlerisch zu seinem
Rechte zu bringen. Dieses geschieht nicht. Der Dichter braucht

Literatur-Blatt.

seinen mit allen denkbaren Vorzügen begaböen, mit impertinentem
Glücke ausgestatteten Helden als Bindungsmittel für seine Geschich-
ten und belohnt ihn für diese Gefälligkeit mit einem Wertherver-
hältniß, das er ihn erleben läßt, das er aber hübsch beiher abthun
muß. Die verschiedensten Kreise und Personen dienen nicht ihm als
Hintergrund seiner Schicksale und seiner Bethätigung, sondern er
dient vielmehr zum Objekt, um jene zu beleuchten; er wird die
Wand, an der alle übrigen Personen sich abzeichnen, der Faden, auf
welchen sie und die Dinge ausgereiht erscheinen, die darüber viel
interessanter werden, als er selber zu sein im Stande ist. Denn
wenn wir Johannes Müller, Hans von Bülow, den Kapellmeister
Reichardt, Rathufius und eine Menge anderer historischer oder be-
rühmter Personen mit ihren Interessen und in ihrer Weise auf-
treten sehen und ferner von Leuten wie den Freiherrn von Stein
u. a. berichten hören, was ist uns dann der Doktor Hermann
Teutleben aus Halle! Es kommen unbedeutendere Personen vor,
als er, keine Frage, aber sie haben alle mehr Realität. Er
nur ist der Stoff, der Sauerstoff so zu sagen, fähig, sich mit
Allem, selbst mit dem Widersprechendsten zu verbinden. Er ist ein
liebenswürdiger Jüngling, der heute mit Hof und Adel, morgen mit
Gelehrten, dann mit Freudenmädchen, dann in ehrlichen Bürger-
familien verkehrt, überall beliebt, ja von allen Damen geliebt, überall
gleich zu Hause, aber auch überall eigentlich — überflüssig. Von
seinen geistigen Fähigkeiten wird mehr gesprochen, als daß er sie
zeigt; er hat aber den großen Vorzug einer einnehmenden Gestalt,
besitzt eine große Ehrlichkeit und Gutmüthigkeit und kommt damit
nach Kassel, um am Hose des Königs Jerome für einige Zeit zu
privatisircn und sein Glück zu versuchen. Zum Spion der geheimen
Polizei, später zum Gemahl einer früheren Geliebten des Königs
Jerome ansersehen, würde er in seiner blinden Zutraulichkeit und
Unbeholfenheit unfehlbar jedesmal in die Falle gehn, wäre er nicht
an einige deutsche Familien empfohlen, wo kluge, einsichtsvolle Frauen
sich für ihn interessiren, ihn warnen und ausklären. Durch seinen
Verkehr mit der deutsch gesinnten Familie Reichardts und Johannes
von Müller steht er mit den Hoffnungen des unterdrückten Vater-
landes, durch seine Verbindung mit den höchsten Staatsbeamten
Jerome's mit den Interessen der Fremdherrschaft in Beziehung, und
wir folgen ihm bequem in die geheimen Berathungeu beider Par-
teien. Nebenbei lernen wir durch ihn nach und nach alle galanten
Damen am üppigen Hofe Jerome's kennen, die sämmtlich in ihn
verliebt sind. Sein Idealismus führt ihn überall au dergleichen
Klippen vorbei, verleitet ihn dagegen zu einem Verhältnis, welches
auch nicht anders als unsittlich genannt werden kann; denn seine
Liebe zu Lina, der Frau seines Freundes Ludwig, wie wahr und sein
gemacht in der Schilderung und Entwickelung, ist immer doch ein
solches und er hätte sich ihm entziehen müssen. Sein Freund, welcher
der ungetheilten Liebe seiner Frau vollkommen würdig ist, stirbt ihm

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