M 14.
Donnerstag, den Ist. Juli.
Inhalt: Drei Dramen von Elise Schmidt.' Der Genius und die Gesellschaft. Macchiavelli. Peter der Große und sein Sohn.
Drei Drnmn von Elise Schmidt.
Der Genius und die Gesellschaft. Macchiavelli. Peter der Große und
sein Sohn. — Berlin, Allgem. deutsche Verlagsanstalt. 1856.
Wir stehen nicht an, zu bekennen, daß wir es hier mit einer
nicht gewöhnlichen Begabung zu thun haben. Besonders in dem
ersten Stück ist eine Einfachheit der Komposition, eine rasche und
ungezwungene Folge der Scenen, eine wirksame Kontrastirung der
Charaktere, mit einem Wort ein dramatisches Leben, wie sie bei
neuern Dichtern selten genug gefunden werden, und ähnliche Vor-
züge lassen sich auch in „Macchiavelli" und „Peter der Große und
sein Sohn" nicht verleugnen. Eine energische und schwungvolle
Sprache unterstützt sie fast durchgängig, und wir begreifen sehr wohl,
daß auch Kenner an das erste Auftreten dieser jungen Kraft große,
vielleicht attzugroße Hoffnungen geknüpft haben.
Wahrend aber jene Vorzüge schon bei einer ersten Lesung fes-
selnd und bestechend hervortreten, stellen sich bei näherer Betrachtung
andere Punkte daneben, die der talentreichen Verfasserin weniger
günstig sind. Die Komposition, einfach und konsequent zu nennen,
sobald man einmal ihre Ausgangspunkte zugegeben hat, weist doch
grade in diesen manches Bedenkliche, Unklare, ja gradezu Verfehlte
auf; der lebendige Fortgang der Handlung geräth gegen das Ende
fast immer ins Rennen und Stürzen, und was die Zeichnung der
Charaktere betrifft, so gilt, was- wir eben von der Komposition sag-
ten, von ihnen mit wenigen Ausnahmen in' verstärktem Maaße.
Vielleicht drücken wir unsere Meinung am genauesten aus, wenn wir
behaupten, daß viel weniger die Ausführung unter der Intention,
als die Intention unter dem Stoff geblieben ist. Versuchen wir
dies zunächst an dem „Genius" zu erweisen.
Das Ringen eines großen Geistes, zumal eines künstlerischen
im weitesten Sinne, gegen die gleichgültige und feindselige Welt, die
ihn umgiebt, ist ohne Zweifel einer von den Stoffen, die mit Recht
immer wieder, zu poetischer Bearbeitung auffordern; cs ist sogar
einer der schönsten und bedeutsamsten überhaupt, wenn er auch, der
gewöhnlichen Wahl der Behandlung entgegen, mehr dem Roman
als dem Drama Zusagen sollte. Es war ferner ein entschieden glück-
licher Griff, und schon allein ein Beweis großen poetischen Talents,
zum Träger dieser Aufgabe Lord Byron zu wählen, den brittischen
Vollblutaristokraten statt der verbrauchten Hungerleidergestalt, zu der
die gedichteten Poeten so oft von ihren dichtenden Kollegen ver-
dammt worden sind. Durch jeden äußern Vorzug gleichsam von
Geburt an in die höchsten und glänzendsten Kreise menschlicher Exi-
stenz. eingesührt, mußten sich für ihn. ganz andere Konflikte gestalten,
als für Jeden, der sich den Eingang in diese Kreise erst zu er-
kämpfen hat, und damit war auch für das Gedicht eine ganz origi-
nelle Aufgabe gestellt. Mehr aber als irgend sonst mußte es nun
auch mit dem Charakter der Hauptperson stehen oder fallen.
Literatur* 9?latt.
Wir haben das Gefühl, als sei der Dichterin die Gestalt ihres
Helden in hohem Grade Dem entsprechend aus der Form gekommen,
wie sic ihn gewollt hat, dafür zeugt uns schon der Eine Umstand,
daß er trotz aller bizarren Seitensprünge seiner Stimmung eigentlich
Derselbe bleibt. Er existirt. Wir fürchten sogar, daß das Bild, was
die Verfasserin gezeichnet, der Vorstellung vieler seiner deutschen Leser
nicht allzu unähnlich sei, wollen hier auch nicht untersuchen, in wie
weit es wirklich getroffen sein möchte. Aber Das behaupten wir
entschieden: War er wirklich so, wie Elise Schmidt ihn dargestellt,
so ist er entweder keine Figur für die Tragödie, — oder man mußte
ihn ganz anders darstellen, als er gewesen. Ohne Zweifel giebt es
solcher verzogenen, sorcirt geistreichen, unzufriedenen Gesellen, denen
es weder Gott, noch ihre Frau oder ihr Kammerdiener recht machen
kann. Leute, die viel zu gut dazu sind, sich der Welt irgendwo
nützlich zu machen, und doch ewig jammernd nach einer Stellung,
die ihnen im Großen dazu Gelegenheit gäbe; nach Erfolgen lüstern
und doch zu träge, sich ihretwegen Mühe zu geben, weltverachtend
wie Philosophen und bewunderungssüchtig wie eine Ballkönigin. Man
kann solche eigentlich kaum beißender persifliren, als die Verfasserin
selbst beiläufig gethan, wenn sie den Lord den ihm angebotenen Sitz
am Steuer der mächtigsten und freisten Nation der Erde ausschla-
gen und in demselben Athem eine Nation von Kannibalen verlangen
läßt, um unter ihnen „ein Aristides oder Washington zu werden."
Wie gesagt-, es giebt dergleichen Leute, wenn auch keine Wa-
shingtons darunter. Aber der Dichter des Manfred und Sardanapal
durfte nicht als ein solcher „Brummel" des Geistes dargestellt
werden, und wenn ihn Mit- und Nachwelt einstimmig dafür erklärt
hätten. Die Dichterin hat nämlich den sehr guten Gedanken gehabt,
unter dem letztgenannten Namen ihrem König der Dichtung einen
bekannten Modenkönig Londons gegenüberzustellen; ~ sehr gut,
wenn ihr Byron so ganz Byron geworden wäre, als ihr Brummel
— Brummel ist. Aber leider stellt sich die Wirkung etwas anders
heraus. Während der Letztere lächerlich erscheinen soll und 'ist,
ungeachtet einer starken Schattirung ins Verächtliche, wird es der
Lord, ohne es zu sollen,, trotz.seiner stolzen Worte, seiner sublimen
Leidenschaften, und die beiden „Dioskuren Englands" wirken nicht
als Kontraste, sondern als — Pendants. (Wozu noch kommt, daß
der Dichterfürst alles Ernstes auf den Ruhm des Modegebieters ei-
fersüchtig erscheint.)
Wir dürfen nur andeuten, wie durch diesen einzigen Uebelstand
die Verhältnisse des ganzen Stückes verschoben sind. Die Präten-
sion Byrons, ein unverstandener großer Mann zu sein, — seine
einzige Berechtigung zu-der Rolle, die ihm von der Verfasserin zn-
getheilt worden, — wird eigentlich nirgends überzeugend begründet.
Daß diese Persönlichkeit begabt ist mit dichterischer Schöpfungskrast,
müssen wir eben aufs Wort glauben, wir hören und sehen aber
nichts davon. Lady Byron, statt uns als Hemmschuh eines solchen
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Donnerstag, den Ist. Juli.
Inhalt: Drei Dramen von Elise Schmidt.' Der Genius und die Gesellschaft. Macchiavelli. Peter der Große und sein Sohn.
Drei Drnmn von Elise Schmidt.
Der Genius und die Gesellschaft. Macchiavelli. Peter der Große und
sein Sohn. — Berlin, Allgem. deutsche Verlagsanstalt. 1856.
Wir stehen nicht an, zu bekennen, daß wir es hier mit einer
nicht gewöhnlichen Begabung zu thun haben. Besonders in dem
ersten Stück ist eine Einfachheit der Komposition, eine rasche und
ungezwungene Folge der Scenen, eine wirksame Kontrastirung der
Charaktere, mit einem Wort ein dramatisches Leben, wie sie bei
neuern Dichtern selten genug gefunden werden, und ähnliche Vor-
züge lassen sich auch in „Macchiavelli" und „Peter der Große und
sein Sohn" nicht verleugnen. Eine energische und schwungvolle
Sprache unterstützt sie fast durchgängig, und wir begreifen sehr wohl,
daß auch Kenner an das erste Auftreten dieser jungen Kraft große,
vielleicht attzugroße Hoffnungen geknüpft haben.
Wahrend aber jene Vorzüge schon bei einer ersten Lesung fes-
selnd und bestechend hervortreten, stellen sich bei näherer Betrachtung
andere Punkte daneben, die der talentreichen Verfasserin weniger
günstig sind. Die Komposition, einfach und konsequent zu nennen,
sobald man einmal ihre Ausgangspunkte zugegeben hat, weist doch
grade in diesen manches Bedenkliche, Unklare, ja gradezu Verfehlte
auf; der lebendige Fortgang der Handlung geräth gegen das Ende
fast immer ins Rennen und Stürzen, und was die Zeichnung der
Charaktere betrifft, so gilt, was- wir eben von der Komposition sag-
ten, von ihnen mit wenigen Ausnahmen in' verstärktem Maaße.
Vielleicht drücken wir unsere Meinung am genauesten aus, wenn wir
behaupten, daß viel weniger die Ausführung unter der Intention,
als die Intention unter dem Stoff geblieben ist. Versuchen wir
dies zunächst an dem „Genius" zu erweisen.
Das Ringen eines großen Geistes, zumal eines künstlerischen
im weitesten Sinne, gegen die gleichgültige und feindselige Welt, die
ihn umgiebt, ist ohne Zweifel einer von den Stoffen, die mit Recht
immer wieder, zu poetischer Bearbeitung auffordern; cs ist sogar
einer der schönsten und bedeutsamsten überhaupt, wenn er auch, der
gewöhnlichen Wahl der Behandlung entgegen, mehr dem Roman
als dem Drama Zusagen sollte. Es war ferner ein entschieden glück-
licher Griff, und schon allein ein Beweis großen poetischen Talents,
zum Träger dieser Aufgabe Lord Byron zu wählen, den brittischen
Vollblutaristokraten statt der verbrauchten Hungerleidergestalt, zu der
die gedichteten Poeten so oft von ihren dichtenden Kollegen ver-
dammt worden sind. Durch jeden äußern Vorzug gleichsam von
Geburt an in die höchsten und glänzendsten Kreise menschlicher Exi-
stenz. eingesührt, mußten sich für ihn. ganz andere Konflikte gestalten,
als für Jeden, der sich den Eingang in diese Kreise erst zu er-
kämpfen hat, und damit war auch für das Gedicht eine ganz origi-
nelle Aufgabe gestellt. Mehr aber als irgend sonst mußte es nun
auch mit dem Charakter der Hauptperson stehen oder fallen.
Literatur* 9?latt.
Wir haben das Gefühl, als sei der Dichterin die Gestalt ihres
Helden in hohem Grade Dem entsprechend aus der Form gekommen,
wie sic ihn gewollt hat, dafür zeugt uns schon der Eine Umstand,
daß er trotz aller bizarren Seitensprünge seiner Stimmung eigentlich
Derselbe bleibt. Er existirt. Wir fürchten sogar, daß das Bild, was
die Verfasserin gezeichnet, der Vorstellung vieler seiner deutschen Leser
nicht allzu unähnlich sei, wollen hier auch nicht untersuchen, in wie
weit es wirklich getroffen sein möchte. Aber Das behaupten wir
entschieden: War er wirklich so, wie Elise Schmidt ihn dargestellt,
so ist er entweder keine Figur für die Tragödie, — oder man mußte
ihn ganz anders darstellen, als er gewesen. Ohne Zweifel giebt es
solcher verzogenen, sorcirt geistreichen, unzufriedenen Gesellen, denen
es weder Gott, noch ihre Frau oder ihr Kammerdiener recht machen
kann. Leute, die viel zu gut dazu sind, sich der Welt irgendwo
nützlich zu machen, und doch ewig jammernd nach einer Stellung,
die ihnen im Großen dazu Gelegenheit gäbe; nach Erfolgen lüstern
und doch zu träge, sich ihretwegen Mühe zu geben, weltverachtend
wie Philosophen und bewunderungssüchtig wie eine Ballkönigin. Man
kann solche eigentlich kaum beißender persifliren, als die Verfasserin
selbst beiläufig gethan, wenn sie den Lord den ihm angebotenen Sitz
am Steuer der mächtigsten und freisten Nation der Erde ausschla-
gen und in demselben Athem eine Nation von Kannibalen verlangen
läßt, um unter ihnen „ein Aristides oder Washington zu werden."
Wie gesagt-, es giebt dergleichen Leute, wenn auch keine Wa-
shingtons darunter. Aber der Dichter des Manfred und Sardanapal
durfte nicht als ein solcher „Brummel" des Geistes dargestellt
werden, und wenn ihn Mit- und Nachwelt einstimmig dafür erklärt
hätten. Die Dichterin hat nämlich den sehr guten Gedanken gehabt,
unter dem letztgenannten Namen ihrem König der Dichtung einen
bekannten Modenkönig Londons gegenüberzustellen; ~ sehr gut,
wenn ihr Byron so ganz Byron geworden wäre, als ihr Brummel
— Brummel ist. Aber leider stellt sich die Wirkung etwas anders
heraus. Während der Letztere lächerlich erscheinen soll und 'ist,
ungeachtet einer starken Schattirung ins Verächtliche, wird es der
Lord, ohne es zu sollen,, trotz.seiner stolzen Worte, seiner sublimen
Leidenschaften, und die beiden „Dioskuren Englands" wirken nicht
als Kontraste, sondern als — Pendants. (Wozu noch kommt, daß
der Dichterfürst alles Ernstes auf den Ruhm des Modegebieters ei-
fersüchtig erscheint.)
Wir dürfen nur andeuten, wie durch diesen einzigen Uebelstand
die Verhältnisse des ganzen Stückes verschoben sind. Die Präten-
sion Byrons, ein unverstandener großer Mann zu sein, — seine
einzige Berechtigung zu-der Rolle, die ihm von der Verfasserin zn-
getheilt worden, — wird eigentlich nirgends überzeugend begründet.
Daß diese Persönlichkeit begabt ist mit dichterischer Schöpfungskrast,
müssen wir eben aufs Wort glauben, wir hören und sehen aber
nichts davon. Lady Byron, statt uns als Hemmschuh eines solchen
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