M 5. Donnerstag, den 5. März. 1857.
Inhalt: König Saul, als tragischer Stoff. — Novellen von Goto Raimund. Thl. 1. u. 2. Zwei Bräute. — Gedichte von Felix Dahn. — Ans dem
Zanberwalde. Romanzenbuch von Adolf v. Tschabnschnigg.
König Saul,
als tragischer Stoff.
as Leben und unglückliche Ende des ersten Königs der Juden
hat in den verschiedenen Epochen des mittelalterlichen wie des mo-
dernen Dramas eine starke Anziehungskraft aus die Dichter auöge-
nbt. Ueberschlägt man die obwaltenden Verhältnisse, die Höhe der
Stellung, die Schroffheit des Falles bei Saul, den Reichthum der
um ihn sich grnppirenden Charaktere, Samuel der Prophet im Leben
und noch im Tode fortwirkend, der eben so groß- als heldenmüthige
Saitenspieler und zukünftige König David, das Urbild der edelsten
und reinsten Freundschaft Jonathan: so ist jene Anziehungskraft deS
Stoffes leicht erklärlich. Weshalb es aber wohl bis jetzt noch nicht
gelungen ist, ein vollkommenes und allgemein anerkanntes Trauer-!daß die Tragik überhaupt gar nicht im Ende, in der Katastrophe,
spiel aus diesem Stoffe herausznbilden? Für eine negative Thalsache überhaupt nicht im Leiden, sondern lediglich im Handeln oder in der
die Ursachen anzugeben ist gewöhnlich das Leichteste und das Schwerste Gesinnung und dem Charakter zu suchen ist, aus denen die Kata-
zugleich. Man zeigt die Bedingungen ans, unter denen die Thatsache strophe als ihr Erfolg sich mit Nothwendigkeit ergeben muß. Worin
allein zu Stande kommen kann, und sagt sie waren nicht da; das ! liegt nun das Tragische im Lebem und Handeln König Sauls?
ist das Leichteste. Oder man zeigt, weshalb diese Bedingungen nicht! Alan ist in neueren Zeiten daran gewöhnt, und theilwcise auch
erfüllt werden konnten, in welcher Reihe und Verwicklung der Um- der Dichter und seine Kritiker beweisen es, in der Geschichte den
stände die Hemmungen lagen, das ist das Schwerste was von einer Gegensatz Samuels und Sauls, als den der Hierarchie und des
geschichtlichen Forschung gefordert werden kann. Anders verhält es Königsthnms aufznfassen. Diese Auffassung ist eine Erbschaft des
sich, wenn eine bestimmte Bearbeitung des Stoffes vorliegt; hier Nationalismus. Möchte nun aber auch ein Historiker sich zu der
Behandlung und Darstellung in Verbindung bringt, dergestalt, daß
die hieraus fließenden idealen Forderungen der bestimmten Gestaltung
dieses Stoffes der Maßstab werden für die geleistete Ausprägung
desselben. — Wir wollen deshalb nur die Gelegenheit wahrnehmen,
über dieses und einige andere Sanltragödien Ideen zu einer solchen
kunstwissenschaftlichen Betrachtung aufzusuchen. Dabei handelt es
aber wesentlich um die eigentliche Tragik des Stoffes, und wir
richten unser Augenmerk, von jeder vorhandenen Bearbeitung ab-
sehend, heute nur auf diese.
Die Geschichte des Königs Saul hat ein unglückliches Ende
das pflegt man tragisch zu nennen. Aber unsäglich oft ist schon
der Gedanke wiederholt und bewiesen worden, daß ein Unglück noch
keine Tragik ist. Am allermeisten und aller stärksten ist hervorzuheben
kann man aus und an ihr selbst Nachweisen, wo und weshalb die
Mängel vorhanden sind.
Neuerdings hat nun die hiesige Bühne eine Tragödie: Saul
von H. Kette, zur Aufführung gebracht. Wir wollen keine Theatcr-
recension darüber liefern. Man weiß, daß eine solche oft genug
eine bloße Darstellung des Eindruckes ist, den man von dem Stück
empfangen hat; der Recensent sagt, ob es ihm gefallen hat oder
nicht und fügt so etwas, das aussieht wie Gründe hinzu. Der
Theater-Kritiker dagegen hat die wirklichen Gründe des Gefallens
oder Mißfallens zu entwickeln; er mag das Urtheil des Publikums
bestätigen oder verwerfen, so ist es das Wesentliche seiner Ausgabe,
nachzuweisen, weshalb das Werk gefallen oder mißfallen hat; dabei
mag er die Schuld des Mißfallens oder das Unrecht des Gefallens
auf den fehlerhaften Geschmack des Dichters oder des Publikums,
oder beider zurückjühren. Anders verhält sich die ästhetische, d. h.
kunstwissenschaftliche Kritik zum Kunstwerk. Sie hat Nichts mit
dem Geschmack oder Ungeschmack des Publikums zu schaffen, sie hat
das Werk nicht mit dem Eindruck zu vergleichen, wie die kritische
Praxis, sondern lediglich mit dem ästhetischen Gesetz, mit der idealen
Forderung. Sie prüft ein vorliegendes Kunstwerk dadurch, daß sie oder auf dem Princip der Handlung. In dem Charakter liegt der
den anderswoher gegebenen oder in ihm selbst angezeigten Stoff tragische Zug, entweder durch irgend ein Uebcrmaß, sei es rer lei-
betrachtet und ihn mit den Ideen und Gesetzen der künstlerischen! denschaftlichen Activität überhaupt, welche ihm die Besonnenheit orer
Meinung halten, Samuel sei Nichts als ein egoistischer Hierarch
gewesen und jene Verdammung Sauls und die Enterbung der Krone
ans seinem Hause wegen einer That, welche dem natürlichsten Zuge
der Humanität entsprungen ist, sei ebenfalls nur ein Erfolg des
hierarchischen Egoismus Samuels, eine Rache für vereitelte Pläne;
der Dichter kann und darf diese Ansicht nicht theilen, oder — er
muß darauf verzichten, den Saul zum Helden einer Tragödie zu
machen. Für die Größe des tragischen Helden gicbt es kein anderes
Maß als das seiner Gegner. Zwischen einem solchen Samuel aber
auf der einen und einem, vollends allmächtigen, Doeg auf der andern
Seite ist Saul immer ein gar kleiner Mann, auch wenn er sie beide
besiegt, während der tragische Held groß sein soll, auch wenn er
untergeht. — Wir wollen aber den Weg der Verneinung vermeiden
und angeben, worin, von einem höheren und wir glauben, auch
nicht blos poetisch, sondern sogar weltgeschichtlich wahreren Stand-
punkt aus betrachtet, das Tragische im Geschick Sauls enthalten ist.
Der tragische Eonflict kann einen zweifachen Ursprung haben,
welcher, durch eine innere Unterscheidung weiterhin zu einem vier-
fachen wird. Er beruht entweder ans dem Charakter des Handelnden
Inhalt: König Saul, als tragischer Stoff. — Novellen von Goto Raimund. Thl. 1. u. 2. Zwei Bräute. — Gedichte von Felix Dahn. — Ans dem
Zanberwalde. Romanzenbuch von Adolf v. Tschabnschnigg.
König Saul,
als tragischer Stoff.
as Leben und unglückliche Ende des ersten Königs der Juden
hat in den verschiedenen Epochen des mittelalterlichen wie des mo-
dernen Dramas eine starke Anziehungskraft aus die Dichter auöge-
nbt. Ueberschlägt man die obwaltenden Verhältnisse, die Höhe der
Stellung, die Schroffheit des Falles bei Saul, den Reichthum der
um ihn sich grnppirenden Charaktere, Samuel der Prophet im Leben
und noch im Tode fortwirkend, der eben so groß- als heldenmüthige
Saitenspieler und zukünftige König David, das Urbild der edelsten
und reinsten Freundschaft Jonathan: so ist jene Anziehungskraft deS
Stoffes leicht erklärlich. Weshalb es aber wohl bis jetzt noch nicht
gelungen ist, ein vollkommenes und allgemein anerkanntes Trauer-!daß die Tragik überhaupt gar nicht im Ende, in der Katastrophe,
spiel aus diesem Stoffe herausznbilden? Für eine negative Thalsache überhaupt nicht im Leiden, sondern lediglich im Handeln oder in der
die Ursachen anzugeben ist gewöhnlich das Leichteste und das Schwerste Gesinnung und dem Charakter zu suchen ist, aus denen die Kata-
zugleich. Man zeigt die Bedingungen ans, unter denen die Thatsache strophe als ihr Erfolg sich mit Nothwendigkeit ergeben muß. Worin
allein zu Stande kommen kann, und sagt sie waren nicht da; das ! liegt nun das Tragische im Lebem und Handeln König Sauls?
ist das Leichteste. Oder man zeigt, weshalb diese Bedingungen nicht! Alan ist in neueren Zeiten daran gewöhnt, und theilwcise auch
erfüllt werden konnten, in welcher Reihe und Verwicklung der Um- der Dichter und seine Kritiker beweisen es, in der Geschichte den
stände die Hemmungen lagen, das ist das Schwerste was von einer Gegensatz Samuels und Sauls, als den der Hierarchie und des
geschichtlichen Forschung gefordert werden kann. Anders verhält es Königsthnms aufznfassen. Diese Auffassung ist eine Erbschaft des
sich, wenn eine bestimmte Bearbeitung des Stoffes vorliegt; hier Nationalismus. Möchte nun aber auch ein Historiker sich zu der
Behandlung und Darstellung in Verbindung bringt, dergestalt, daß
die hieraus fließenden idealen Forderungen der bestimmten Gestaltung
dieses Stoffes der Maßstab werden für die geleistete Ausprägung
desselben. — Wir wollen deshalb nur die Gelegenheit wahrnehmen,
über dieses und einige andere Sanltragödien Ideen zu einer solchen
kunstwissenschaftlichen Betrachtung aufzusuchen. Dabei handelt es
aber wesentlich um die eigentliche Tragik des Stoffes, und wir
richten unser Augenmerk, von jeder vorhandenen Bearbeitung ab-
sehend, heute nur auf diese.
Die Geschichte des Königs Saul hat ein unglückliches Ende
das pflegt man tragisch zu nennen. Aber unsäglich oft ist schon
der Gedanke wiederholt und bewiesen worden, daß ein Unglück noch
keine Tragik ist. Am allermeisten und aller stärksten ist hervorzuheben
kann man aus und an ihr selbst Nachweisen, wo und weshalb die
Mängel vorhanden sind.
Neuerdings hat nun die hiesige Bühne eine Tragödie: Saul
von H. Kette, zur Aufführung gebracht. Wir wollen keine Theatcr-
recension darüber liefern. Man weiß, daß eine solche oft genug
eine bloße Darstellung des Eindruckes ist, den man von dem Stück
empfangen hat; der Recensent sagt, ob es ihm gefallen hat oder
nicht und fügt so etwas, das aussieht wie Gründe hinzu. Der
Theater-Kritiker dagegen hat die wirklichen Gründe des Gefallens
oder Mißfallens zu entwickeln; er mag das Urtheil des Publikums
bestätigen oder verwerfen, so ist es das Wesentliche seiner Ausgabe,
nachzuweisen, weshalb das Werk gefallen oder mißfallen hat; dabei
mag er die Schuld des Mißfallens oder das Unrecht des Gefallens
auf den fehlerhaften Geschmack des Dichters oder des Publikums,
oder beider zurückjühren. Anders verhält sich die ästhetische, d. h.
kunstwissenschaftliche Kritik zum Kunstwerk. Sie hat Nichts mit
dem Geschmack oder Ungeschmack des Publikums zu schaffen, sie hat
das Werk nicht mit dem Eindruck zu vergleichen, wie die kritische
Praxis, sondern lediglich mit dem ästhetischen Gesetz, mit der idealen
Forderung. Sie prüft ein vorliegendes Kunstwerk dadurch, daß sie oder auf dem Princip der Handlung. In dem Charakter liegt der
den anderswoher gegebenen oder in ihm selbst angezeigten Stoff tragische Zug, entweder durch irgend ein Uebcrmaß, sei es rer lei-
betrachtet und ihn mit den Ideen und Gesetzen der künstlerischen! denschaftlichen Activität überhaupt, welche ihm die Besonnenheit orer
Meinung halten, Samuel sei Nichts als ein egoistischer Hierarch
gewesen und jene Verdammung Sauls und die Enterbung der Krone
ans seinem Hause wegen einer That, welche dem natürlichsten Zuge
der Humanität entsprungen ist, sei ebenfalls nur ein Erfolg des
hierarchischen Egoismus Samuels, eine Rache für vereitelte Pläne;
der Dichter kann und darf diese Ansicht nicht theilen, oder — er
muß darauf verzichten, den Saul zum Helden einer Tragödie zu
machen. Für die Größe des tragischen Helden gicbt es kein anderes
Maß als das seiner Gegner. Zwischen einem solchen Samuel aber
auf der einen und einem, vollends allmächtigen, Doeg auf der andern
Seite ist Saul immer ein gar kleiner Mann, auch wenn er sie beide
besiegt, während der tragische Held groß sein soll, auch wenn er
untergeht. — Wir wollen aber den Weg der Verneinung vermeiden
und angeben, worin, von einem höheren und wir glauben, auch
nicht blos poetisch, sondern sogar weltgeschichtlich wahreren Stand-
punkt aus betrachtet, das Tragische im Geschick Sauls enthalten ist.
Der tragische Eonflict kann einen zweifachen Ursprung haben,
welcher, durch eine innere Unterscheidung weiterhin zu einem vier-
fachen wird. Er beruht entweder ans dem Charakter des Handelnden



