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M 16.

Donnerstag, den 3. August.

1837.

Inhalt:

Thomas Morus.

Historische Tragödie von Oscar v. Redwitz. — Die Dresdner Galerie.

Geschichten und Bilder von A. v. Sternberg.

Thomiis Morus.

Historische Tragödie von Oscar v. Redwitz. Mainz 1856. (VIII u. 386 S.)

Der Vers, der „Sieglinde" hat den ihm, selbst von der be-
sonnensten Kritik ertheilten Rath: keine dramatischen Harfensteine
mehr zu schreiben — nicht mir nicht befolgt, sondern sogar eine
sehr voluminöse historische Tragödie in die Welt ausgehen
lassen. Die Nichtbefolgung jenes guten Raths ließ sich, bei der
besonderen Richtung des Hrn. v. R., bei seinem Eifer für sie und
dem Drange, sie um der breiteren Wirkung willen zu poetisiren,
freilich erwarten, nicht aber, daß dies, nach so begründeten Rügen,
in solcher Weise geschehen würde. Wer jedoch so vorzugsweise nur
im Dienst einer Partei-Tendenz steht; wer, begünstigt von den Zeit-
umständen, mit nur geringen Mitteln und Kräften so schnell einen
Erfolg erzielt, wie ihn wahre Talente, die sich aber nicht solcher
der Kunst fremden Elemente bedienen, erst nach vielen Anstrengungen
erringen: der wird leicht alles durch Studium erst Anzneignende
entweder als überflüssig, oder gar als für den hohen Zweck durch
Inspiration ihm. ursprünglich verliehene Gabe ansehen. Solche halb
unwillkürliche, halb willkürliche Selbsttäuschung wird in eine Ver-
blendung ausarten, die den Mangel an Fähigkeit, Einsicht, Kenntniß
und Geschick durch Vermessenheit, Anmaßung und Selbstüberhebung
zu ersetzen sucht, und entweder hochmüthig auf alle Kritik herab-
sieht, oder in den selbst billigsten Ausstellungen derselben nur ge-
hässige Verfolgungen des vermeintlich erhabenen Zwecks erblickt. So
kann sich denn ereignen, daß, was bei seinem ersten Auftreten der
nachsichtigern Kritik als ein nur der formellen und tieferen Aus-
bildung ermangelndes Talent erschien, sich h.ei jedem neuen Schritte
immer entschiedener als ein aller künstlerischen Kultur widerstrebendes
Nichttalent herausstellt.

Werfen wir einen Blick aus die Reihenfolge der Schriften des
Hrn. v. N., so wird sich Vorstehendes als eine Wahrheit erweisen.
In jedem neuen Produkte desselben tritt, nicht eine Läuterung in
dem von der Kritik Gerügten, sondern das Gegentheil hervor; ja,
in dem vorliegenden entspricht dem Terrorismus der Tendenz der
Sanscülottismus der Darstellung. Es liegt hierin eine Art von
Selbstvernichtungsprozeß in Rücksicht des Gehaltes wie des dichte-
rischen und Form-Interesses, als ginge des Vers. Streben dahin,
ähnlich seinen Helden in anderer Sphäre, zum Märtyrer in der
Literatur zu werden, der gleich „der Kamille, jemehr sie getreten
wird, desto schneller wächst:" denn jedem Beschneiden der Kritik setzt
er üppigeres, nur leider auch verkrüppelteres Wachsthum entgegen.
In der Poesie gilt aber nur die Form, nicht der Stoff, die Masse:
nicht, welche Gedanken ich beliebig damit verbinde, sondern zu wie
edlen Formen ich sie auspräge, entscheidet über den Werth.

Wenn im „Amaranth" — von Anderem abgesehen — we-
nigstens so viel, wenn auch inkorrekter, doch poetischer Schmuck war,

Lueratur-Blatt.

daß die milde Kritik zu ernsteren Studien und strengerer Selbst-
kritik ermuthigen zu dürfen glaubte, so wurde sie hierüber durch
„Sieglinde" völlig enttäuscht: der Muschelfarbenkasten war für
Amaranth aufgebraucht und die sprachlichen Unarten traten darum
als solche nur noch greller hervor. Wenn dagegen jener noch eine
Art, obschon kümmerlicher, herbeigequälter Erfindung zugesprochen
werden konnte: so scheint der „Morus", trotz des Zweckes, etwas
recht Eminentes damit zu liefern, doch nur zur historischen Tra-
gödie gestempelt zu sein, um dadurch von vorn herein allem und
jedem Anspruch an dramatische Erfindung und Organisation zu be-
.gegnen. Und in der That überhebt der Vers, die Kritik jeder Mühe
der Untersuchung über die Komposition.. Ohne den Vorwurf der
Nachlässigkeit befürchten zu dürfen, kann sie alle Theorie des Drama's
gelassen bei Seite legen; ja sie muß es, um nicht der Pedanterie
bezüchtigt zu werden, daß sie von nicht vorhandenen Dingen spreche.
Von Jneinandergreisen der Scenen, vom Voraus- und Zurückwirken
der Handlungen und Situationen u. dergl. ist hier nicht die Rede.
Wir befinden uns künstlerisch auf dem Boden der alten ungelenken
Mirakel und Mysterien ohne deren Sinntiefe; die Scenen folgen
chronikalisch auf, nicht aus einander; die Personen kommen und
gehen, ohne weitere Motivirung, als wie es dem Berf. beliebt,
diesen oder jenen Marionettenfaden der Tendenz in Bewegung zu
setzen. Dem historischen Geiste, wie es die historische Tragödie
verlangt, Genüge zu leisten, hat Hr. v. R. als überflüssig erachtet,
zu seinem Zwecke schien es ihm hinreichend, geschichtlich bekannte
Namen in ein nothdürftig dazu passendes, ganz äußerliches Zeitkostüm
zu werfen, wie es der Anfänger sich aus anekdotenartigen Geschichts-
mittheilungen zusammendenkt. Bei solcher Auffassung des Histo-
rischen und der Grundtendenz des Stückes, wäre cs unbillig, den
Mangel an Durchblicken aus den damaligen politischen Horizont
Englands zu rügen, geschweige denn eine Andeutung des in der
englischen Reformation liegenden Keimes, und zwar schon für die
nächste günstige Fortentwickelung des politischen und socialen Lebens
Englands zu verlangen. Von derlei Ansichten müssen wir hierbei
gänzlich abstrahiren, wir dürfen von vorn herein nur auf die, in
jeder Beziehung gröbste Kost Anspruch machen. Wir müssen uns
also gefallen lassen, England gleichsam als eine Robinsonsinsel anzu-
sehen, heransgerissen aus allem politischen Verhältniß zu andern
Staaten, regiert von einem spießbürgerlich plumpen moralischen Un-
geheuer, das meist im Majorsschlafrocke Kotzebuescher Gemüthlichkeit
umhergeht, dabei aber alle Augenblicke zur Nachachtung auf die
Krone hinweist, wie die Holzschnittkönige der alten Chroniken. Un-
endlich widerwärtiger aber noch, als diese Mischung von salopper
Bonhommie und Tyrannentücke, ist das Zurschautragen gemeinster
Leidenschaft, oft in den stärksten Ausdrücken, um derentwillen Heinrich
von Katharinen geschieden sein will, und da ihm der Papst hierin
nicht wittfährt, die Kirchenreformation ins Werk setzt. Dies geschieht
 
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