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Kunstwerk zu geben; aber Donner ist entschieden mehr Philologe I
als Dichter, wogegen es gerade Fritze's Hauptoerdienst ist, daß die
von ihm verdeutschten Tragödien bei aller Treue wirklich wie dich->
terische Gebilde auf Hörer und Leser wirken. Beide endlich suchen
dem Geist und der Eigenthümlichkeit des von ihnen erwählten
Dichters gerecht zu werden; aber wenn sich Donner eifrig in ihn
hineingelesen und hineingelebt hat, so bringt Fritze bereits dem
EuripideS als angeborene und in diesem Fall ebenso seltene wie
glückliche Gabe verwandtes und gleichgestimmtes Verständniß ent-
gegen. Fritze hat also nach Alledem bei seiner Uebersetznng nicht
nur den Vortheil des Späteren, dem das in der Vergangenheit
Gewonnene zu Gebote steht; sondern er tritt auch mit ungleich
größerer Begabung auf den Kampfplatz. Es liegt uns ob, diese
Behauptungen genauer auszuführen; wir wenden uns aber zuvör-
derst zur Darlegung dessen, was wir vom Uebersetzer im Allge-
meinen, und speciell vom Uebersetzer des EuripideS, zu fordern uns
berechtigt glauben.

Die erste und in weiterem Sinne genommen einzige Tugend,
deren der Uebersetzer bedarf, ist die Treue. Liebevoll muß er sich
in 'den Dichter versenken, dessen Werk er erwählt hat, nur Jener
darf Geltung für ihn haben und Jenes Subjectivität, seine eigene
geht unter in der anspruchslosen und begeisterten Hingabe an das
Original. Nachempfinden muß er und sich freuen, wenn sein Nach-
empfinden zum Mitempfinden wird; aber das eigene selbstständige
Empfinden muß er verläugnen. Treue muß er zuerst beweisen
gegen den Inhalt im Allgemeinen, gegen die Worte und ihren Sinn,
gegen die Zusammenstellung der Worte zu Redewendungen, Sätzen,
Perioden, gegen alles, was in den Worten erzählt, empfunden,
gedacht ist, kurz, gegen das, was gesagt ist, was es bedeutet
und wie es gesagt ist. Treue sodann gegen die Form, die sich
zum Inhalt wie der Körper zur Seele verhält und in ächten
Kunstwerken (zumal den klassischen) nie etwas Willkührliches, son-
dern dem Inhalt Adäquates, durch ihn Bedingtes, mit ihm harmonisch
Verbundenes ist; treues Hineinleben also ist nöthig in das, was den
besonderen Bedingungen eines eigenthümlichen Kunstwerkes in einer-
fremden (oder gar tobten) Sprache entsprechend ist. Treue endlich
gegen den Inhalt im engeren Sinne, den philosophischen und
poetischen Gehalt des Inhalts, das individuell Eharacteristische der
Dichtung und des Dichters, das vom Genie Geschaffene und deshalb
Irrationale, wodurch Körper und Seele vereint erst lebendigen,
geistigen Ausdruck gewinnen.

Wie unendliche Schwierigkeiten schon die Treue der ersten Art
bietet, — wir Alle werden es im Moment empfinden, wenn wir
uns nur erinnern, wie oft wir von Andern mißverstanden sind, und
glaubten uns doch so klar ansgedrückt zu haben. Wenn dieselben
Worte derselben Sprache schon einer so verschiedenartigen Deutung
fähig sind, wenn sogar unsere eigenen früher geschriebenen Worte
bisweilen in späterer Zeit uns fremd entgeaentreten, wieviel schwie-
riger muß es dann sein, nur gegen den Wortsinn in Werken
vergangener Jahrhunderte und fremder, in anderer Sprache, Sitte
und Anschauung sich bewegender Schriftsteller jene unbedingte Treue
zu üben. Und dann die Form. Ist doch jedes Versmaß nicht
nur dem besonderen Werke, sondern oft sogar auch der besonderen
fremden Sprache eigenthümlich, oft in: Einzelnen gar Glicht, höchstens
entsprechend wiederzugeben. Und zugleich ist diese entsprechende
Wiedergabe, die feinstes Verständniß fordert, häufig eine Pflicht.
Denn wie man das fremde Wort nicht immer durch das gleiche
der eigenen Sprache übersetzen kann, sondern das synonyme oft ein
ganz anderes sein wird, und man doch, je nach dem Sinne des
Zusammenhangs, das entsprechende wählen muß: so wird auch mancher
Tonfall der fremden Form, sucht man ihn mechanisch nachzubilden,
eine ganz andere Färbung und Wirkung haben als da, wo er ur-

sprünglich erklungen ist. Ueberall muß also ein Verständniß des
Characteristischen vorangehen, damit auch in der Uebersetznng, da
hier ebenso wie im Original Form und Inhalt einander bedingen,
beides organisch zusammengehörig erscheine. Dazu das schwerste
und seltenste, die Treue gegen den geistigen und dichterischen Ge-
halt; also die feinste Empfindung, das klarste Bewußtsein der vollen-
deten Darstellung, der geistigen Tiefe und der reinen Schönheit des
Kunstwerks, und dabei doch das scheinbar naive und unbewußte
Neuschaffen desselben, so daß es im Geist und in der Wahrheit des
Dichters wiedergeboren erscheint. Hier überall in der Se^le des
Andern zu leben, in seiner Sprache gleichsam zu reden, mit seiner
Sitte verwachsen zu sein, in seiner Anschauung sich zu bewegen,
sein religiöses und nationales Bewußtsein, seine ethische und poetische
Bedeutung in sich selber verkörpert zu tragen; niemals also, wie
früher thörichter Weise häufig verlangt wurde, ihn in der neuen
Sprache reden und in die Anschauungswelt des Uebersetzer- aufgehen
zu lassen, damit er, lächerlich genug, spräche, wie er als Zeit- und
Stammesgenosse desselben unfehlbar gesprochen hätte; und bei
alledem doch mit eingehendem Taet das überall Entsprechende zu
finden und niemals das Bewußtsein der eigenen Sprache und der
eigenen geistigen Entwicklung soweit zu verlieren, daß man sich ge-
gen den Geist dieser Sprache und dieser Entwicklung versündigte;
zweierlei also zugleich zu sein und dennoch ein einheitliches Kunst-
werk zu schaffen: darin liegt gewiß eine hohe Aufgabe, die, gewissen-
haft erwogen und damit zusammengehalten, daß man doch immer
nur den Ruhm eines guten Uebersetzers erlangen kann, an Character
und Bildung, Geist und Talent mit den höchsten Anforderungen
herantritt.

Daß sich Fritze dieser Schwierigkeiten bewußt gewesen ist,
geht ans der Vorrede hervor. Er spricht sich darin über die For-
derungen, die er speciell bei der Wiedergabe des EuripideS sich
gestellt hat, sehr treffend aus, und wir stimmen damit so durchaus
überein, daß wir nicht umhin können, einiges daraus, andeutnngs-
und auszugsweise, hierherzusetzen; zumal da die Natur deö Drama'S
noch besondere Bedingungen an die -Uebersetznng knüpft. Namentlich
beim Drama, sagt Fritze, characterisire nicht bloß die annähernde
Wiedergabe des Gedankens, sondern auch die Art, wie er ihn ge-
sagt hat, den Dichter, da sonst die scharfe Färbung der Charactere
oft geradezu verwischt und die beredteste Motivirung der Handlungen
verdunkelt werde. Was ferner die Versmaße des Originals an-
betrifft, so sei mindestens für die Chöre und die metrisch ihnen ver-
wandten Abschnitte die Beibehaltung derselben nothwendig. Am Trimeter
hältFritzenicht unbedingt fest, obgleich er empfehlenSwerth fei; er sei nicht
speciell der Vers der griechischen Tragödie, sondern lediglich der der
griechischen Sprache. Der deutsche fünffüßige Jambus, der ihm
verwandt ist und aus gleichen Rhythmen beruht, sei ähnlich klingend
und fast gleichdauernd. Anders verhalte es sich mit den Chor-
vcrscn und ähnlichen Metren; diese entspringen nicht ans der
Natur der Sprache, sondern ans der jedesmaligen geistigen Stim-
mung, und nirgends sei der gewaltige Schmerz des dochmischen
Verses, die aufgeregte Leidenschaft der Dactylen und aller in ihre
Kürzen aufgelösten Verse, die Wehmnth der Glykonischen, das Ent-
zücken der Manischen Rhythmen etwas Zufälliges, vom Inhalt
Getrenntes. Drittens verlange das Drama mit seiner lebendigen
Darstellung, neben der dramatischen Motivirung und Entwicklung
der Handlung und der strengen Eharacteristik der Personen, auch
eine in jeder ihrer Wendungen acht dramatische Sprache, natur-
wahr, ans den: lebendigen Leben geschöpft, fern von hohlem Pathos,
durch die jedesmalige Situation des Gefühls bedingt; sie sei also
ein (freilich von dem Zauber der Idealität umflossener) höherer
Eonverfationston, mit graziöser Beweglichkeit und psychologisch.
 
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