Neunter
--OM Januar 1858.
Jahrgang.
Literatur-Blatt
des
Deutschen Kunstblattes.
Uedigirt von Paul Heyse in München.
Zur Poetik des Aristoteles.
Grundzüge der verlorenen Abhandlung des Aristoteles über
Wirkung der Tragödie. Von Jacob Bernays. Aus
den Abhandlungen der hist. phil.^Gesellschaft in Breslau.
I. Band. Breslau, Ed. Trewendt. 1857. S. 135—202.
Die „jedem Gebildeten geläufige, und keinem Denken-
den deutliche" sogenannte Reinigung der Leiden--
schäften durch Mitleid und Furcht, die Aristoteles
in der Poetik angeblich als Wesen der Tragödie aufgestellt
haben soll, bildet den Gegenstand der vorliegenden Unter-
suchung. Lessing verstand unter jener Reinigung eine Ent-
fernung der die richtige Mitte überschreitenden Extreme
von Mitleid und Furcht und ähnlichen Affekten, wodurch
dieselben dann nach den Grundsätzen Aristotelischer Ethik
in tugendhafte Fertigkeiten umgewandelt würden. Auf
diese doppelte Autorität, des Stagiriten und seines großen
Auslegers, hat man denn eifrig den moralischen Beruf
der Tragödie und hie Würde der Bühne als einer sitt-
lichen Anstalt, oder wie sich unser Verfasser ausdrückt,
als eines „moralischen Correctionshauses" und „Filial-
. und Rival-Instituts der Kirche" zu preisen und gegen alle
frommen Anfechtungen zu schützen gewußt. Daß zwar die
Auffassung des griechischen Philosophen vom Zweck des
Theaters sonst eine harmlosere war, hat er an einer Stelle
seines Werks über die Staatskunst, die längst von den Er-
klärern citirt worden, deutlich genug ausgesprochen. Denn
er setzt z. B. der Musik drei Zwecke: den des Jugendunter-
richts, einen medicinischen (von dem wir später reden wer-
den) und den der „Ergötzung, um sich zu erholen und abzu-
spannen." Weil nun das Publikum - doppelartig sei, ein
freies 'und gebildetes einestheils, anderntheils ein gemeines,
aus niedern Handwerkern, Tagelöhnern und dergleichen be-
stehendes, so müsse man auch zur Erholung der Letzteren
solche Ausführungen und Schaugenüsse einrichten, die ihrer
ungebildeten und verschrobnen Natur entsprechen, also nicht
etwa zur Veredlung und' Hebung der niedern Volksclassen
ihre Festlaune an das Kreuz classischer Musik nageln. Ber-
nays zieht aus dieser Bemerkung den sehr einleuchtenden
Schluß, daß nun wohl Aristoteles auch dem Drama nicht
werde eine Aufgabe gestellt haben, die es doch, ehrlich ge-
Literaturblatt. 1858.
standen, nur sehr unvollkommen lösen könne, so wenig wie
Goethe, der den Zuschauer um nichts gebessert aus dem
Theater nach Hause gehen sieht und ihn höchstens, „wenn
er ascetisch aufmerksam genug sei", sich über sich selbst ver-
wundern läßt, „daß er eben so- leichtsinnig als hartnäckig,
eben so heftig als schwach, eben so liebevoll als lieblos sich
wieder in seiner Wohnung finde, wie er hinausgegangen."
Daß dagegen die Goethe'sche Forderung, die Tragödie
so gut wie jedes poetische Werk müsse eine „aussöhnende
Abrundung"-haben, auch von Aristoteles unterschrieben wor-
den wäre, leidet um so weniger einen Zweifel, als er diese
Forderung in der That ausdrücklich gestellt hat, nur nicht
in jenen Worten seiner Definition, sondern da, wo er ver-
langt, die Handlung müsse eine vollständige, d. h. eine mit
Anfang, Mitte und Ende sein. „Ende aber ist, was selbst
zwar auf ein Andres folgt, nach dem aber weiter Nichts
kommt", und daß man nicht beliebig anfangen und schlie-
ßen dürfe, setzt er ja noch hinzu. Schon deßhalb, schließt
der Verfasser, mußte mit der Katharsis etwas andres als
„Sühnung" oder „Ausgleichung" gemeint sein, die denn
auch nur mit bewußter imp eratorisch er Willkür und nicht
ohne halsbrechende Gewaltstreiche gegen den Genius der
griechischen Sprache von dem greisen Dichterfürsten, der mit
seiner Ueberzeugung dem alten Kunstrichter selbst wider
dessen Willen ein Geschenk zu machen keinen Anstand nahm,
in die Worte der Poetik hineingetragen sind. Es ist näm-
lich zunächst eine ganz einfache lexicalische Aufgabe, die Be-
deutung des Wortes Katharsis für Aristoteles zu ermitteln.
Wer von seinen Studienjahren noch so viel Sinn für Phi-
lologie gerettet oder conservirt hat, um einer Untersuchung
auf diesem Gebiet mit Aufmerksamkeit zu folgen, der wird
die Lectüre der Bernays'schen Schrift auch in dieser Bezie-
hung wahrlich nicht bereuen. Für einen Freund Lesfing-
scher und Bentley'scher Methode ist es eine wahre Freude
zu sehen, wie die einzelnen Argumente des Verfassers mit
überraschender Spürkraft gefunden, mit sichrer Hand aus
dem Dunkel hervorgehoben, nüchtern und langmüthig bis
in die Winkel des Zweifels beleuchtet, sinn- und kunstvoll,
so daß sie einander stützen und beleben, gruppirt und kühn
übereinander gebaut sind, bis der Beweis solid und uner-
schütterlich seststeht. Die Leser dieser Blätter aber wollen
wir mildem hermeneutisch-kritischen Theil der meisterhaften
1
--OM Januar 1858.
Jahrgang.
Literatur-Blatt
des
Deutschen Kunstblattes.
Uedigirt von Paul Heyse in München.
Zur Poetik des Aristoteles.
Grundzüge der verlorenen Abhandlung des Aristoteles über
Wirkung der Tragödie. Von Jacob Bernays. Aus
den Abhandlungen der hist. phil.^Gesellschaft in Breslau.
I. Band. Breslau, Ed. Trewendt. 1857. S. 135—202.
Die „jedem Gebildeten geläufige, und keinem Denken-
den deutliche" sogenannte Reinigung der Leiden--
schäften durch Mitleid und Furcht, die Aristoteles
in der Poetik angeblich als Wesen der Tragödie aufgestellt
haben soll, bildet den Gegenstand der vorliegenden Unter-
suchung. Lessing verstand unter jener Reinigung eine Ent-
fernung der die richtige Mitte überschreitenden Extreme
von Mitleid und Furcht und ähnlichen Affekten, wodurch
dieselben dann nach den Grundsätzen Aristotelischer Ethik
in tugendhafte Fertigkeiten umgewandelt würden. Auf
diese doppelte Autorität, des Stagiriten und seines großen
Auslegers, hat man denn eifrig den moralischen Beruf
der Tragödie und hie Würde der Bühne als einer sitt-
lichen Anstalt, oder wie sich unser Verfasser ausdrückt,
als eines „moralischen Correctionshauses" und „Filial-
. und Rival-Instituts der Kirche" zu preisen und gegen alle
frommen Anfechtungen zu schützen gewußt. Daß zwar die
Auffassung des griechischen Philosophen vom Zweck des
Theaters sonst eine harmlosere war, hat er an einer Stelle
seines Werks über die Staatskunst, die längst von den Er-
klärern citirt worden, deutlich genug ausgesprochen. Denn
er setzt z. B. der Musik drei Zwecke: den des Jugendunter-
richts, einen medicinischen (von dem wir später reden wer-
den) und den der „Ergötzung, um sich zu erholen und abzu-
spannen." Weil nun das Publikum - doppelartig sei, ein
freies 'und gebildetes einestheils, anderntheils ein gemeines,
aus niedern Handwerkern, Tagelöhnern und dergleichen be-
stehendes, so müsse man auch zur Erholung der Letzteren
solche Ausführungen und Schaugenüsse einrichten, die ihrer
ungebildeten und verschrobnen Natur entsprechen, also nicht
etwa zur Veredlung und' Hebung der niedern Volksclassen
ihre Festlaune an das Kreuz classischer Musik nageln. Ber-
nays zieht aus dieser Bemerkung den sehr einleuchtenden
Schluß, daß nun wohl Aristoteles auch dem Drama nicht
werde eine Aufgabe gestellt haben, die es doch, ehrlich ge-
Literaturblatt. 1858.
standen, nur sehr unvollkommen lösen könne, so wenig wie
Goethe, der den Zuschauer um nichts gebessert aus dem
Theater nach Hause gehen sieht und ihn höchstens, „wenn
er ascetisch aufmerksam genug sei", sich über sich selbst ver-
wundern läßt, „daß er eben so- leichtsinnig als hartnäckig,
eben so heftig als schwach, eben so liebevoll als lieblos sich
wieder in seiner Wohnung finde, wie er hinausgegangen."
Daß dagegen die Goethe'sche Forderung, die Tragödie
so gut wie jedes poetische Werk müsse eine „aussöhnende
Abrundung"-haben, auch von Aristoteles unterschrieben wor-
den wäre, leidet um so weniger einen Zweifel, als er diese
Forderung in der That ausdrücklich gestellt hat, nur nicht
in jenen Worten seiner Definition, sondern da, wo er ver-
langt, die Handlung müsse eine vollständige, d. h. eine mit
Anfang, Mitte und Ende sein. „Ende aber ist, was selbst
zwar auf ein Andres folgt, nach dem aber weiter Nichts
kommt", und daß man nicht beliebig anfangen und schlie-
ßen dürfe, setzt er ja noch hinzu. Schon deßhalb, schließt
der Verfasser, mußte mit der Katharsis etwas andres als
„Sühnung" oder „Ausgleichung" gemeint sein, die denn
auch nur mit bewußter imp eratorisch er Willkür und nicht
ohne halsbrechende Gewaltstreiche gegen den Genius der
griechischen Sprache von dem greisen Dichterfürsten, der mit
seiner Ueberzeugung dem alten Kunstrichter selbst wider
dessen Willen ein Geschenk zu machen keinen Anstand nahm,
in die Worte der Poetik hineingetragen sind. Es ist näm-
lich zunächst eine ganz einfache lexicalische Aufgabe, die Be-
deutung des Wortes Katharsis für Aristoteles zu ermitteln.
Wer von seinen Studienjahren noch so viel Sinn für Phi-
lologie gerettet oder conservirt hat, um einer Untersuchung
auf diesem Gebiet mit Aufmerksamkeit zu folgen, der wird
die Lectüre der Bernays'schen Schrift auch in dieser Bezie-
hung wahrlich nicht bereuen. Für einen Freund Lesfing-
scher und Bentley'scher Methode ist es eine wahre Freude
zu sehen, wie die einzelnen Argumente des Verfassers mit
überraschender Spürkraft gefunden, mit sichrer Hand aus
dem Dunkel hervorgehoben, nüchtern und langmüthig bis
in die Winkel des Zweifels beleuchtet, sinn- und kunstvoll,
so daß sie einander stützen und beleben, gruppirt und kühn
übereinander gebaut sind, bis der Beweis solid und uner-
schütterlich seststeht. Die Leser dieser Blätter aber wollen
wir mildem hermeneutisch-kritischen Theil der meisterhaften
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