Neunter
s
°<wi 1858. M>-
Jahrgang.
Deutschen Kunstblattes.
Uedigirt von Paul Heyse in München.
Vincenzo Monti. *
Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, zu derselben
Zeit, wo auch in Deutschland eine geistige Wiedergeburt
begann, erwachte der Genius der italiänischen Poesie aus
dem langen Schlaf, in welchen'ihn das eintönige Glocken-
spiel der Sonettisten und idyllischen Schäferakademieen ver-
senkt hatte. Der politische und sociale Umschwung, der sich
damals vollzog, hatte den nächsten Antheil an dieser Er-
weckung. Aus der langsamen Fäulniß mittelalterlicher Zu-
stände erhob sich das Land zu neuen Lebenshoffnungen.
Und während der von Frankreich herüberwehende Geist einer
rücksichtslosen Aufllärung zur Reform weltlicher und geist-
licher Institutionen drängte, wehrte Giuseppe Parini's
edle und strenge Satire dem sittlichen Verderben, das im
Gefolge der französischen Cültur die europäische Gesellschaft
bedrohte, und in der italiänischen, die sich um viele kleine
Fürstenhöfe schaarte, nur allzu leichten Zutritt fand.
Vor der frischen Morgenluft, die damals alle tieferen
Geister witterten, mußten die marklosen Traumbilder, die
in den poetischen Genossenschaften gespukt hatten, die kranke
Sentimentalität der Nachahmer Petrarca's, die witzigen
Tändeleien eines Frugoni, die schwülstige Leerheit Marini's
in Kurzem zerstieben. Eine allgemeine Ernüchterung trat
ein, eine didaktisch-satirische Reaction gegen das verrottete
alte Wesen, die sich freilich zunächst mehr ein negatives
Verdienst erwarb, und deren vorwiegende Strenge und
-Schärfe noch der Grundton ist in den Werken der beiden
edelsten Söhne dieser Zeit, Parini und Alsieri.
Ein unschätzbares Glück für die weitere Entfaltung des
so gereinigten Nationalgeistes war es daher, daß man sich
gleich im Anfang dieser Periode des Jnsichgehens und Sich-
besinnens auf einen Namen zurückbesann, .an den sich alle
Glorie der ersten klassischen Literaturepoche Italiens an-
. knüpft. Und in der That bedurfte es keines geringeren
Namens als des Dante'schen, um dem entnervenden Zau-
ber Petrarca's siegreich die Spitze zu bieten. Auch hjer,
wie in Deutschland, war eszunächst die Kritik, welche
* Eine Vorlesung im Liebig'schen Laboratorium zu München, ge-
halten am 10. März d. I.
Literaturblatt. 1858.
die verschüttete Quelle wieder aufgrub. Aber Gasparo
Gozzi, dem Italien Aehnliches zu danken hat, wie
Deutschland seinem Lessing, hatte vor diesem die wichtige
Gunst der Umstände voraus, daß jenes erhabene Vorbild,
auf welches er hinwies, ein Sohn Italiens war, während
der Bundesgenosse Lessing's im Kampf gegen die künstlerische
Fremdherrschaft in einer Sprache dichtete, die der unsrigen
nur in der'Wurzel verwandt ist. Es bedurfte einer gerau-
men Zeit, um zu zeigen, daß Shakespeare dennoch der
Unsrige ist. .Die Wege, die zu Dante führten, waren in
seinem Vaterlande mit leichter Mühe wieder anzubähnen:
denn in der That standen sie, da auch die Sprache nicht
wesentlich veraltete, durch alle Jahrhunderte offen, und nur
der Ungeschmack und die Frivolität der Epigonen hatte Gras
darüber wachsen lassen.
Dem ersten Dichter, der sie wieder betrat, Varano?
ist es allerdings anzumerken, wie sein Fuß, durch die schäfer-
lichen Triften der Arkadier verwöhnt, auf den schroffen Pfa-
den Dante'scher Dichtung nur vorsichtig und mit Mühe sich
weiterhilft. Nicht lange aber, so überflügelte ihn ein Jün-
gerer, ein Formtalent, wie es in der gesammten italiäni-
schen Literatur vielleicht ohne Gleichen dasteht und zugleich
ein trauriger Beweis dafür, daß eine kleine Seele kein här-
terer Fluch treffen kann, als die Mitgift eines großen Ta-
lents, das Schritt für Schritt das Bild der Schwäche und
Charakterlosigkeit verewigt.
Man hat mit dem Gegensatz von Talent und Charakter
schon vor dem berühmten Signalement, welches Heine sei-
nem Atta Troll mitgab, viel Unfug getrieben. Nach der
.Periode der Kraftgenies, in welcher wenigstens eine gelinde
Zügellosigkeit der Sitten für ein nothwendiges Erbtheil des
wahren Talentes galt, kam eine Zeit, in der man sogar
über unfern größten Dichter die Achseln zu zucken wagte,
weil sein Wandel sich nicht immer im Geleise bürgerlicher
Tugend und Wohlanständigkeit bewegt hatte. Die politi-
schen Auftegungen einer jüngeren Vergangenheit schoben die
peinliche Frage nach dem Charakter vom Boden der Moral
hinweg auf das Gebiet der Parteihändel. Es bedarf, wie
mich dünkt, heutzutage keiner langen Verständigung darüber,
daß weder das Gericht über die bürgerliche Rechtfertigkeit,
noch die Prüfung des politischen Verhaltens vor das Forum
der Literaturgeschichte gehöre. Freilich ist ihr der Mensch, der
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°<wi 1858. M>-
Jahrgang.
Deutschen Kunstblattes.
Uedigirt von Paul Heyse in München.
Vincenzo Monti. *
Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, zu derselben
Zeit, wo auch in Deutschland eine geistige Wiedergeburt
begann, erwachte der Genius der italiänischen Poesie aus
dem langen Schlaf, in welchen'ihn das eintönige Glocken-
spiel der Sonettisten und idyllischen Schäferakademieen ver-
senkt hatte. Der politische und sociale Umschwung, der sich
damals vollzog, hatte den nächsten Antheil an dieser Er-
weckung. Aus der langsamen Fäulniß mittelalterlicher Zu-
stände erhob sich das Land zu neuen Lebenshoffnungen.
Und während der von Frankreich herüberwehende Geist einer
rücksichtslosen Aufllärung zur Reform weltlicher und geist-
licher Institutionen drängte, wehrte Giuseppe Parini's
edle und strenge Satire dem sittlichen Verderben, das im
Gefolge der französischen Cültur die europäische Gesellschaft
bedrohte, und in der italiänischen, die sich um viele kleine
Fürstenhöfe schaarte, nur allzu leichten Zutritt fand.
Vor der frischen Morgenluft, die damals alle tieferen
Geister witterten, mußten die marklosen Traumbilder, die
in den poetischen Genossenschaften gespukt hatten, die kranke
Sentimentalität der Nachahmer Petrarca's, die witzigen
Tändeleien eines Frugoni, die schwülstige Leerheit Marini's
in Kurzem zerstieben. Eine allgemeine Ernüchterung trat
ein, eine didaktisch-satirische Reaction gegen das verrottete
alte Wesen, die sich freilich zunächst mehr ein negatives
Verdienst erwarb, und deren vorwiegende Strenge und
-Schärfe noch der Grundton ist in den Werken der beiden
edelsten Söhne dieser Zeit, Parini und Alsieri.
Ein unschätzbares Glück für die weitere Entfaltung des
so gereinigten Nationalgeistes war es daher, daß man sich
gleich im Anfang dieser Periode des Jnsichgehens und Sich-
besinnens auf einen Namen zurückbesann, .an den sich alle
Glorie der ersten klassischen Literaturepoche Italiens an-
. knüpft. Und in der That bedurfte es keines geringeren
Namens als des Dante'schen, um dem entnervenden Zau-
ber Petrarca's siegreich die Spitze zu bieten. Auch hjer,
wie in Deutschland, war eszunächst die Kritik, welche
* Eine Vorlesung im Liebig'schen Laboratorium zu München, ge-
halten am 10. März d. I.
Literaturblatt. 1858.
die verschüttete Quelle wieder aufgrub. Aber Gasparo
Gozzi, dem Italien Aehnliches zu danken hat, wie
Deutschland seinem Lessing, hatte vor diesem die wichtige
Gunst der Umstände voraus, daß jenes erhabene Vorbild,
auf welches er hinwies, ein Sohn Italiens war, während
der Bundesgenosse Lessing's im Kampf gegen die künstlerische
Fremdherrschaft in einer Sprache dichtete, die der unsrigen
nur in der'Wurzel verwandt ist. Es bedurfte einer gerau-
men Zeit, um zu zeigen, daß Shakespeare dennoch der
Unsrige ist. .Die Wege, die zu Dante führten, waren in
seinem Vaterlande mit leichter Mühe wieder anzubähnen:
denn in der That standen sie, da auch die Sprache nicht
wesentlich veraltete, durch alle Jahrhunderte offen, und nur
der Ungeschmack und die Frivolität der Epigonen hatte Gras
darüber wachsen lassen.
Dem ersten Dichter, der sie wieder betrat, Varano?
ist es allerdings anzumerken, wie sein Fuß, durch die schäfer-
lichen Triften der Arkadier verwöhnt, auf den schroffen Pfa-
den Dante'scher Dichtung nur vorsichtig und mit Mühe sich
weiterhilft. Nicht lange aber, so überflügelte ihn ein Jün-
gerer, ein Formtalent, wie es in der gesammten italiäni-
schen Literatur vielleicht ohne Gleichen dasteht und zugleich
ein trauriger Beweis dafür, daß eine kleine Seele kein här-
terer Fluch treffen kann, als die Mitgift eines großen Ta-
lents, das Schritt für Schritt das Bild der Schwäche und
Charakterlosigkeit verewigt.
Man hat mit dem Gegensatz von Talent und Charakter
schon vor dem berühmten Signalement, welches Heine sei-
nem Atta Troll mitgab, viel Unfug getrieben. Nach der
.Periode der Kraftgenies, in welcher wenigstens eine gelinde
Zügellosigkeit der Sitten für ein nothwendiges Erbtheil des
wahren Talentes galt, kam eine Zeit, in der man sogar
über unfern größten Dichter die Achseln zu zucken wagte,
weil sein Wandel sich nicht immer im Geleise bürgerlicher
Tugend und Wohlanständigkeit bewegt hatte. Die politi-
schen Auftegungen einer jüngeren Vergangenheit schoben die
peinliche Frage nach dem Charakter vom Boden der Moral
hinweg auf das Gebiet der Parteihändel. Es bedarf, wie
mich dünkt, heutzutage keiner langen Verständigung darüber,
daß weder das Gericht über die bürgerliche Rechtfertigkeit,
noch die Prüfung des politischen Verhaltens vor das Forum
der Literaturgeschichte gehöre. Freilich ist ihr der Mensch, der
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