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Deutsches Kunstblatt: Literaturblatt des Deutschen Kunstblattes — 5.1858

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https://doi.org/10.11588/diglit.1207#0132
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Fünfter

tzMMovemöer 1858. WM

Jahrgang.

Literatur-Blatt

des

Deutschen Kunstblattes.

Nedigirt von Paul Heyse in München

Franz Grillparzer.

Ihenee too the Miglitiest of thy * Minstrels far
Who yet delights and warns, Grillparzer liight,
Sliines, througli obstructing clouds, a giant-star;

Envy and rancorous rage obscure bis 'light,

Yea, boped to whelm bis name in mutinous night,

For that he Woman’s wrongs presuraed to trace :
Show’d grand „Medea’su soul of tragie might,

And in bis loveliest „Hero“, bient wi'th grace,'

An energy and will that shoeked the Teuton race.

Songs of . early summer. By the Rev. Archer Gurncy
London: Longman etc. 1856. S. 271.

Wenn wir heute den Namen des deutschen,Dichters nennen,
von dem Lord Byron vor mehr als drei Decennien sagte, daß
er schwer auszusprechen sei, daß aber die Muse sich daran ge-
wöhnen müsse, ihn auf den Lippen zu führen, so weiß nur seine
österreichische Heimath, daß jenes Wort des edlen Britten kein
falsches Prophetenwort gewesen. -Im übrigen Deutschland, so
einstimmig und laut man den Mangel an großen dramatischen
Dichtern zu beklagen pflegt, lebt man des guten Glaubens, daß vor
vierzig Jahren ein Wiener Poet, Grillparzer genannt, mit einem
haarsträubenden Gespensterstück aus der Müllner'schen Schule
Aussehen gemacht habe, mit späteren Arbeiten einer besseren Rich-
tung gescheitert sei und nur dann, und wann durch die Vorliebe
für das einheimische Talent, am Burgtheater wieder zu zweifel-
haften Ehren gebracht werde. Wenn die Zeitungen gelegentlich
melden, Heinrich Laube habe „König Ottokars Glück und Ende,"
die „Sappho" oder „des Meeres und der Liebe Wellen" neu in
Scene gehen lassen, so klingen diese Namen fremd und wie ver-
schollen selbst solchen Leuten ins Ohr, die einigen Antheil an den
Zuständen unseres Theaters nehmen. Sie wissen aus mehr als
Einer Geschichte der neueren Literatur, daß Grillparzer von der
Schicksalstragödie ausgegangen sei, und dies genügt, um den
Schluß zu rechtfertigen, daß man ihn zu den Todten werfen
müsse. Selbst ein Literarhistoriker, wie Julian Schmidt, der
G.'s Werken eine längere.Kritik widmet, fertigt ihn schließlich
mit dem kühlen Ausspruch ab: „Eine gewisse Manier hat er nicht
vermeiden können, und sein dramatisches Leben würde durch etwas
größere Kraft und Energie nur gewonnen haben. Trotzdem ist
eine so reine poetische Erscheinung durchaus hochzuhalten, und
a-ußer Heinrich von Kleist, der ihn freilich an dramatischem Ta-
lent bei weitem überragt, dürften seine Leistungen doch die einzi-

* Teutonia wird angeredet.

Literatur-Blatt. 1858.

gen nennenswerthen unseres Theaters unter den Einflüssen der
Romantik sein." -

Wir haben von je zu den warmen Verehrern Grillparzer's
gehört, und so ist es natürlich, daß wir uns nicht damit begnü-
gen, wenn man seine Leistungen „nennenswerth" findet. Wir
glauben Nachweisen zu können, daß sie auch'noch recht kennens-
werth seien, daß es der Gegenwart sehr zum Vortheil gereichen
würde, sie nicht der Vergangenheit auheimzugeben, und der Vor-
wurf einer „gewissen Manier" kann uns darin nicht irre machen.
Von dieser sind selbst die Werke unserer größten Dichter, zumal aus
späteren Lebensjahren, selten ganz frei, und man mag sich immer-
hin damit vertragen, wenn ein Dramatiker nur sonst verstanden
hat in seiner eigenen Manier sich darzustellen. Wie sehr dies
bei Grillparzer der Fall ist, erhellt aus dem Bilde, das der ge-
nannte Literarhistoriker von ihm entwirft, nicht im Geringsten.
Und dies ist kein Wunder, da es ein fast durchgehender Mangel
des Schmidtsschen Buches ist, die formelle Seite zu vernachlässi-
gen und mehr mit sachlichem und sittlichem, als mit ästhetischem
Feingefühl Inhalt und Tendenz der Dichtungen zu analysiren. Wenn
dies Lyrikern gegenüber — wir erinnern an Platen —. am deut-
lichsten wird, so wird doch auch ein Dramatiker, der die sinnliche
Seite der Kunst dicht völlig vernachlässigt, im Lichte einer solchen
Kritik nicht zu seinem Rechte gelangen können. Den Nachweis,
wodurch Grillparzer sich das Fortleben auf unserer Bühne ver-
scherzt habe, ist man uns schuldig geblieben. Aber freilich hat
der Geschichtschreiber der modernen Dichtung, selbst wenn er mit
Geist und dem besten Willen der Unparteilichkeit ausgerüstet ist,
ein Interesse dabei, das verhältnißmäßig Alte als ein Abgemach-
tes hinzustellen, eine Reihe überwundener Standpunkte aufzufin-
den und so den Schein zu retten, als handle er überall von Fer-
tigem, das schon ein Endurth.eil zulasse. Man hat zu Calderons
Zeit auch Lope für überwunden angesehen; er war aus der Mode
gekommen und galt für abgethan. Aber diese Ebbe und Flut
des Zeitgeistes beweist nur, daß wir unter dem Monde leben,
und ka.nn die wahren, festen Grenzen des Schönen und Großen
nicht verrücken. Man ist zu-Lope und manchem anderen von
der Mode Ueberflügelten zurückgekehrt, und wird hoffentlich
auch zu Grillparzer den Rückweg finden. Dies aber ist um
so nöthiger, weil nach seinem Verstummen das Theater nicht
einmal, wie in Spanien, erhebliche Fortschritte gemacht hat. Denn
Otto Ludwig, die einzige große und reine Kraft, die sich neben
Grillparzer stellen darf, scheint leider durch den schwankenden
äußeren Erfolg seiner „Makkabäer" an^seinem Beruf irre gewor-
den zu jftn, da doch schon seit dem „Erbförster" unter allen Ur-
theilsfähigen nur Eine Stimme darüber war, daß Deutschland
 
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