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Deutsches Kunstblatt: Literaturblatt des Deutschen Kunstblattes — 5.1858

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https://doi.org/10.11588/diglit.1207#0133
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sich wieder zu einem Dramatiker Glück zu wünschen habe. Und
wenn dieser mächtige Geist auch in mancher Hinsicht über Grill-
parzer hinausgeschritten ist; wie ja schon sein erstes Stück von
einem Realismus durchdrungen ist, der dem Wiener Dichter im-
mer fern gelegen hat, so haben doch gerade die Makkabäer wie-
der in den starken, ins Erhabene hinaufstrebenden Idealismus
eingelenkt,■ dessen Fahne Grillparzer durch allen Kampf der Zeit
hindurch hoch erhoben und zu so manchem Siege vorangetra-
gen hat. '

Es war im Jahre 1816, als der sechsundzwanzigjährige
Dichter seine „Ahnfrau" in Wien beim Theater an der Burg
einreichte. Der Einfluß von Werner's und Müllner's fatalisti-
schen Dramen, der dem Ruhm Grillparzer's nachtheiliger werden
sollte, als seine kurze Dauer irgend absehen ließ, ist in der Ahn-
frau freilich unverkennbar; aber dennoch rechnet Julian Schmidt
sehr mit Unrecht das Stück „unter bie tollsten Ausgeburten der
Schicksalstragödie." Wer näher zusieht, entdeckt, daß der Zu-
sammenhang mehr äußerlich ist, daß eine gesundere poetische Kraft,
die sich entschieden ankündigt,- nur auf der Oberfläche angekränkelt
erscheint. Denn wenn das Verwerfliche der Schicksalsdramen
im modernen Sinne darin besteht, daß die Handlung nicht aus
den Charakteren entspringt, die Menschen ihr Geschick nicht in
ihrer Brust tragen, sondern gegen ihre Absichten, ohne Wissen
und Willen das Joch eines eisernen Verhängnisses tragen müssen,
so gehört die Ahnfrau nur durch einen trügerischen bösen Schein
dieser Gattung zu. Der Verf. hat in seiner Vorrede selbst darauf
hingewiesen, daß „der verstärkte Antrieb zum Bösen, der in dem
angeerbten Blute liegen kann, die Willensfreiheit und die mora-
lische Zurechnung nicht aufhebt. Er hätte noch weiter gehen kön-
nen und sagen, daß der Spuk, der das Stück durchzieht, auf den
Fortschritt der Handlung, auf die Schuld, die begangen und ge-
büßt wird, nicht den mindesten Einfluß übt. Ein Sohn wird
seinem Vater als Kind von Räubern entführt, wächst unter
ihnen auf, kommt, als er zum Manne und zum Haupt der Bande
herangereift ist, in die Nähe seines väterlichen Schlosses und
rettet,'ohne sie zu kennen, seine Schwester, die sich im Walde
verirrt hatte, aus den Händen seiner eignen Leute. Das Mäd-
chen dankt ihm dafür mit leidenschaftlicher Liebe. Sie hält ihn
für einen Fremden, der von edler Abkunft, aber verarmt, nicht
wagt, bei dem reichen Grafen Borotin um die Hand seiner Toch-
ter zu werben. Der Vater, der seinen Sohn ertrunken glaubt,
will wenigstens die Tochter glücklich sehen. Als der Fremde,
gejagt von Soldaten, die den Räubern auf der Spur sind, im
Schlosse Zuflucht sucht, heißt ihn der Alte als den Bräutigam
seiner Tochter willkommen. Aber die Soldaten dringen ins Schloß,
der Graf schließt sich zu einem letzten nächtlichen Kampf gegen
die Bande ihnen an, Jaromir, der seine alten Kameraden in der
Noth nicht im Stiche lassen will, gesellt sich ihnen heimlich wie-
der zu, und die Wunde, die er davon trägt, entdeckt seiner Ge-
liebten das Geheimniß. Er läugnet nicht mehr, weiß aber ihr
Herz zu rühren, indem er alle Hoffnungen eines erneuerten Lebens
auf ihre Liebe baut, und bewegt sie zu dem Versprechen, Nachts
mit ihm an den Rhein zu fliehen. Dies Alles geschieht, während
draußen der Kampf forttobt. Jaromir verläßt dann seine Ge-
liebte, wird draußen von neuem in den Kampf verwickelt und
erschlägt den Grafen, der ihn zu^ fangen trachtet. Dem Alten
enthüllt kurz vor dem Tode einer der Räuber das Geheimniß von
Jaromirs Geburt; der Sohn hat den Vater getödtet, die Schwester
sich dem Bruder verlobt. Als sich im fünften Act der Räuber
an der Schloßkapelle einsindet, um auf seine Geliebte zu warten,
wird auch ihm das Furchtbare enthüllt; er sieht seinen Vater im
Sarge, seine Schwester am Ort des Stelldicheins aktz Leiche
wieder, da sie das ihr anvertraute Gift getrunken hat. Als ihn

die Häscher eben erreichen, bricht er selbst in den Armen der
Ahnftau todt zusammen.

Denn allerdings hat dies Gespenst sich häufig genug, war-
nend, drohend und zürnend sehen lassen, und wir werden mit
der weitläufigen Erzählung unterhalten, wie sie durch mannig-
fache Schuld den Fluch über das Haus der Borotin gebracht habe
und nur nach seinem völligen Aussterben zur Ruhe kommen
könne. Aber der ganze Spuk ist gleichsam nur eine bengalische
Flamme, welche das Bild unheimlich beleuchtet und die Local-
farben beeinträchtigt. Nirgend geschieht, der Voraussetzung des
Fluchs zu Liebe, das Absurde, nirgend etwas, das nicht mit Noth-
wendigkeit aus der bloßen Verflechtung der Charaktere gefolgt
wäre. Und wenn es nicht zweifelhaft ist, daß der gespenstische
Apparat wesentlich zu dem ungemeinen Bühnenerfolg des Stückes
beigetragen hat,* so liegt doch schon in der nackten Fabel, wie
wir sie erzählt, ein so mächtiger dramatischer Knoten, daß man
die Gebildeten in Schutz nehmen muß, wenn sie bei der Dar-
stellung mehr als den bloßen Gespensterschauder empfanden. Daß
der Dichter dennoch sich nicht mit der Erschöpfung aller mensch-
lich erschütternden Motive seines Stoffes begnügte, sondern die
Maschinerie des Aberglaubens heranzog, hatte vielleicht seinen
Grund in dem dunklen Gefühl, daß es zur echten Tragik noch
an irgend etwas fehle, daß Vater und Tochter schwerer zu leiden
haben, als ihnen nach dem Maß einer weisen poetischen Gerech-
tigkeit zukommt. Das Peinliche, das hierin lag, suchte er durch
ein Hindeuten auf unverantwortliche Mächte, die der Väter Sünde
an den Enkeln heimsuchen, zu mildern, das Uebermaß des Mit-
leidens durch einen Beisatz von Grauen zu dämpfen. Wie sehr
er sich dabei vergriffen, braucht nicht auseinandergesetzt zu werden.

Die scenische Technik dieses Stücks ist fast einstimmig auch
von den heftigsten Gegnern gerühmt worden. Und in der That
ist eine so sichere Herrschaft über alle Bühnenmittel, ein so kluges
Maß in den Proportionen bei einem ersten Stück staunenswerth.
Dagegen können wir dem Stil nur stellenweise das Lob geben,
das I. Schmidt ihm ertheilt, daß man nämlich „weder mit dem
hergebrachten Schwulst überschüttet noch durch Trivialitäten be-
leidigt" werde. Nur selten „sprechen die Personen so, wie es
' ihrer Lage angemessen ist, und drücken, was sie empfunden, deut-
lich und edel aus." Neben Stellen wie:

Losgerissne Winde wimmern
Durch die Luft gleich Nachtgespenstern
und -

Scheint dein Blick gleich Mondenschimmer
Ueber einer Abendlandschaft,

O ich weiß, er kann auch tobten! .

sinkt der Stil wieder völlig in unrhythmische Prosa zurück:

Und bin ich nicht wirklich schuldig?

Wenn auch nicht als Grund des Zornes,

Ach, doch als sein Gegenstand.

oder:

■ - Denn sie kann es nur vorhersehn,

Ab es wenden kann sie nicht.

Dennoch blickt durch alle lyrische Ueberwucherung, welche die
Illusion stört, durch alle prosaische Unbeholfenheit, die dann wie-
der in den dramatischen Gesprächston einzulenken sucht, eine rin-
gende dichterische Kraft durch, die nur vor Allem die Fesseln des
Trochäus abstreifen mußte, um zu reineren Gestaltungen durch-
zudringen. Denn es war eine arge Täuschung der Romantiker,
daß sich der dramatische Vers der Spanier auf unsre Bühne ver-

* „Es wurde in Wien im Laufe der nächsten 32 Jahre 60 Mal
gegeben." 3. Schmidt a. a. O. .
 
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