Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 1.1897-1898

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Deutsche Kunst und Dekoration.

M9PERNE KUNSTVERGLASUNG UNP GLASMALEREI.

S wurde bereits in
Heft I und II kurz
auf die Bestrebungen
des Glasmalers Karl
Ule in München hin-
gewiesen und dessen
Fenster für den
»Kaim-Saal« eben-
daselbst in Abbil-
dungen vorgeführt.
In folgendem soll ein Blick auf den übrigen
Umfang der Verglasungskunst geworfen
werden, die es gerade in den letzten Jahren
zu vielen grossartigen und bedeutsamen Er-
folgen gebracht hat. Allen voran ist auf
diesem Gebiet der Hamburger Karl Engel-
brecht zu nennen, in dessen Werkstelle
bereits seit vierzehn Jahren die Technik einer
musivischen Verglasungskunst geübt wird.
Engelbrecht verschmäht es hierbei prinzipiell,
sich der Hilfe der Glasmalerei zu bedienen;
er erreicht die Bildwirkung seiner Arbeiten
lediglich durch geschickte Zusammenfügung
farbiger Gläser der verschiedensten Art.
Diese Arbeit war um so schwieriger, als
früher nur höchst einfache Mittel dafür zur
Verfügung standen, denn die Industrie lieferte
wohl Gläser in verschiedenen, schönen und
intensiven Farben, aber die Struktur der

Oberflächen war eine mehr oder weniger
einförmige und eine beabsichtigte Mischung
der Farben innerhalb ein und desselben
Glasstückes gab es nicht. Nur bei einzelnen
im Fluss missrathenen Glasplatten fanden
sich mitunter mehrere Farben nebeneinander
und eben solcher verunglückter Platten be-
diente sich Engelbrecht mit Vorliebe, um
damit neue und wirksame Effekte zu erzielen.

In den somit nur mühsam und innerhalb
bescheidener Grenzen gewonnenen Erfolgen
trat plötzlich ein unvermutheter Fortschritt
ein, als 1893 in Folge der ColumbischenWelt-
ausstellung in Chicago die amerikanischen
Kunstverglasungen weiteren Kreisen bekannt
wurden. Karl Engelbrecht war damals einer
der ersten, der das dort so beliebte Opales-
cenzglas hier einführte und seine Werke
erregten auf den danach stattgehabten kon-
tinentalen Ausstellungen vollberechtigtes
Aufsehen. Dieses Opalescenzglas wird in
Platten von etwa 60 zu 90 cm gegossen und
ist aus Glasflüssen der allerverschiedensten
Farben gemischt. Je dicker das Glas ist,
um so auffälliger treten die eigenthümlichen
Ineinandermengungen der Farben hervor und
der Preis der Platten richtet sich in Folge
dessen nach dem Gewicht. Während die
Strahlungen der Farben im allgemeinen nach

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