Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 1.1897-1898

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August End eil—München: 141

MÖGLICHKEIT UNP ZIELE EINER NEUEN ARCHITEKTUR.

I ('s ist lächerlich — sagen die Weisen im
*—■* Lande — einen neuen Stil schaffen zu
wollen, ein solcher kann sich nur historisch

Grossherzogin Luise von Baden.

Professor RUDOLPH MAYER—KARLSRUHE.

entwickeln durch Umbildung der gegebenen
Formen. Aber diese Weisheit hat das Be-
dürfniss nach einem Neuen nicht zu ersticken
vermocht, und heftiger denn je erhebt sich
das Verlangen nach einer neuen unabhängigen
Kunstweise im Ornament und noch mehr in
der Architektur. Es ist kindlich, der Frage
nach ihrer Möglichkeit aus dem Wege gehen
zu wollen; und in der That liegen schon
verschiedene Antworten vor, aller philiströsen
Weisheit zum Trotz.

»Zweckmässigkeit« ist das grosse Wort,
das ein neues Land vor den erstaunten
Blicken heraufbeschwören soll. Baut prak-
tisch, schliesst euch eng den täg-lichen Be-
dürfnissen an, und der ersehnte Stil ist
gefunden. Das ist aber nicht entfernt der
Fall. Dass der Architekt in erster Linie die
praktischen Erfordernisse befriedige, ist
selbstverständlich; auch ist ohne weiteres
klar, dass diese Erfordernisse im Verein mit
Situation, Umgebung, baupolizeilichen Be-
stimmungen etc. von vornherein einen Bau
innerhalb gewisser Grenzen festlegen; aber
doch eben nur innerhalb gewisser Grenzen.
98. v. 3.

Die Forderung der Zweckmässigkeit gibt
immer nur das Gerippe des Baues, wie man
das aber ausfüllen will, hängt von anderen
ästhetischen Faktoren ab.

Aber Aesthetik ist unbeliebt, und wie
Kinder, die ein Messer fortwarfen, weil sie
sich damit verletzt, so hat man das Wort
Schönheit in die Verbannung gejagt, weil
man nichts damit anzufangen wusste und
seine wahre Bedeutung verkannte. Und so
musste denn ein anderes Schlagwort her,
die Lücke zu decken.

Konstruktiv! Lasst die Konstruktion
sehen, bringt sie zum Ausdruck und alle
eure Noth ist zu Ende. Nun, es ist kein
Zweifel, dass die Betonung der Konstruktion
unter Umständen prachtvoll wirkt, aber dass
das immer der Fall sei, muss energisch be-
stritten werden. Es hat auch noch niemand
gewagt, jede Konstruktion in einem Gebäude
frei zu zeigen, gewisse Dinge versteckt man
immer. Es gibt eben Konstruktionen, die
ästhetisch wirksam sind, und solche, die es
nicht sind; jene hebt man heraus, diese nicht.
Wir kommen also nicht darüber hinweg:
wer Architektur machen will, muss wissen,

Eitelberger-Medaille. ST. SCHWARTZ—WIEN.

was schön ist. Schön ist Alles, was uns in
eine starke lustvolle Erregung versetzt, ob
das nun ein Geruch, eine Speise, eine Ge-
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