Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 5.1899

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facsimile
Klinger's » Vom Tode«.

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der Platte »An die Schönheit«) ausschleifen
und arbeitete sie neu mit dem Stichel auf
seine jetzige, sorgfältig realistisch model-
lirende Weise. Er ging überhaupt von der
Radirung, die immer mehr oder minder
konventionell, d. h. in diesem Falle stilisirt
bleibt, zur modernen Grabsticheltechnik über,
die dem Naturalismus am weitesten ent-
gegenkommt. Man kann ihn hierbei von
Stufe zu Stufe verfolgen.

Schon seit 1888, also 11 Jahre lang,
arbeitet Klinger an dieser Folge. Die ersten
sechs Platten sind radirt und waren längst
fertig. Er hat sie aber eingezogen und die
letzten sechs Blatt zuerst veröffentlicht; denn
als er an diese herantrat, war er unterdessen
zu seiner neuen Manier übergegangen.

An einigen, z.B. Und doch, An die
Schönheit, wurden wesentliche Theile der
Radirung ausgeschliffen und mit dem Grab-
stichel neu hineingesetzt. Andere Blätter,
z. B. Zeit und Ruhm, Elend, sind überhaupt
gleich als Stiche angefangen und durch-
geführt. Den ersten sechs Darstellungen
wird wohl das gleiche Boos beschieden sein:
auch sie werden erst erscheinen, nachdem
sie als Stiche umgearbeitet worden sind.

Neben zwei hierher passenden Studien-
blättern , die von einer freien, energischen
Auffassung sprechen, reproduziren wir ein
äusserst seltenes Blatt, — es gibt wahrschein-
lich überhaupt nur zwei Abdrücke — die
erste Fassung der Darstellung »Elend«.

Darauf fehlt noch die abstossende Figur
des Sklaventreibers, die peinliche des Mannes
ganz links, sowie die des jüdischen Schache-
rers, die das Blatt in das Gebiet der sozial-
politischen Manifeste hinüberführt. Auch
sieht man nicht jede Gramfalte, jede Spur,
die das nagende Elend hinterlassen hat, —
überhaupt fehlt der grelle Sonnenschein des
Realismus, der sich über die endgiltige
Fassung verbreitet.

Trotzdem halte ich die verworfene
Platte für viel eindrucksvoller. Der düstere
schwere Ton versetzt uns eher in die trübe
Stimmung, die hervorgerufen sein soll. Statt
der erbarmungslosen Anhäufung von Detail,
ein einfacher, markiger, prägnanter Vortrag
(mittels der Radirnadel und der Aquatinta-

technik), der unsere Phantasie anregt, der
üris anspornt auf den angedeuteten Pfaden,
eine weitere Ergänzung vorzunehmen.
Schliesslich verdrängen rein ästhetische Pro-
bleme, wie die Darstellung der Gepanne,
alle anderen Interessen, und erheben das
Blatt in die höchste Reihe der Kunstwerke.

Hans "W. Singer.

Ä

BEMERKUNG. Die Zeichnungen und Skizzen Max
Klinger's, welche im vorstehenden Aufsätze erwähnt
werden, finden sich aus technischen Gründen auf S. 44
und S. 45 dieses Heftes. Es mag an diesen Skizzen und
den Skulpturen dieser Seite das Schaffen des Meisters vom
ersten Eindrucke bis zur höchsten Idealität verfolgt werden!

MAX KLINGER. Skulptur: Badende.
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