Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 5.1899

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PIE KUNST IN PER PHOTOGRAPHIE.

Ob jetzt schon die Zeit gekommen ist
Schlüsse zu ziehen, wie weit die Photo-
graphie in der Darstellung der Natur den
persönlichen Ausdruck zulässt, ob weiter die
Annahme des letzteren von Bedeutung für
die bildende Kunst und das Publikum sein
könnte u. a. m., scheint uns fraglich.

Dazu fehlt es, so merkwürdig es auch
klingen mag, an Interesse für die ernsthafte
bildermässige Photographie. Es gibt heute
gewiss keinen Sport, der mit grösserem Eifer
und Vergnügen betrieben wird, als den
photographischen. Die Zahl der Feld-, Wald-
und Wiesen - Photographen ist ungeheuer
gross und was sie leisten, das wird jeder
Leser wissen. Vereinen wir die Absichten
dieser Amateure mit den Anforderungen, die
man im Allgemeinen an einen Berufsphoto-
graphen stellt, dann erhalten wir das, was
das Publikum so im allgemeinen von dem
photographischen Kurs verlangt.

Dem Publikum zu zeigen, was die Photo-
graphie in ihrer höchsten Ausnutzung zu
leisten vermag, war der Zweck der letzten Aus-
stellungen, unter welchen besonders die reich-
haltige Ausstellung in München hervorragte.

Der Münchener Sezession, dem Verein
bildender Künstler, der sich als erster in
Deutschland von der schablonenhaften und
süssen Verkaufs-Staffelei-Malerei der »Kunst-
vereine« lossagte, kommt auch das Verdienst
zu, als erster gegen diese philiströsen Vor-
urtheile Front gemacht zu haben, indem er
in seinen Räumen mit Radirungen, Litho-
graphien und Holzschnitten zusammen dem
wohllöblichen Publikum auch Photographien
zeigte, und zwar als vollgültige Kunstwerke.

Es würde zu weit führen, um den ver-
schiedenen Ansichten, die sich gelegentlich
dieser Ausstellung in den Zeitungen kund
thaten, entgegenzutreten — im Grossen und
Ganzen können wir sie auch in die Worte
zusammenhissen: Es gibt keine Kunst in der
Photographie.

Anstatt aber logisch diese Ansicht zu
beweisen, machte man einfach Opposition
gegen den neuen Eindringling in die Säle,
die nur der »hohen Kunst« gehören.

H. KÜHN—INNSBRUCK. Künstler-Photographie.

Ich glaube jedoch, dass es sich hier um
dieselbe Opposition handelt, die man der
Einführung von Kunst-Gläsern, Möbeln und
dergl. in die Kunst-Ausstellungen entgegen-
brachte und deren Anerkennung als Kunst-
werke man sich erst vom Auslande ver-
schreiben, langsam aufzwingen Hess.

Diesen Punkt wollen wir hier aber nicht
weiter berühren, sondern lieber versuchen
den Urtheilsfähigen durch eine kurze Er-
klärung für die Sache zu interessiren.

Sprechen wir heute von einer Kunst
in der Photographie, so scheint ihrer An-
zweiflung als solcher am leichtesten ent-
gegenzutreten zu sein, wenn wir die über-
zeugenden Resultate nennen, die fünf oder
sechs Künstler im Gummidruck, einem Ko-
pirprozess, der ein eigenmächtiges Eingreifen
zulässt, erzielten. Und mit diesem eigen-
mächtigen Eingreifen in den Prozess war
man berechtigt statt des Wortes »Amateur-
photograph«, Kunstphotograph zu setzen.

Allerdings kann bei der Aufnahme
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