Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 5.1899

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Hans Schliepmann—Berlin :

stilistischen Prinzip erhoben haben, ist die
moderne Kunstverglasung auf's Stärkste
und Nachhaltigste beeinflusst.

Mag hierbei die Empfindung mitgespielt
haben, dass auf dem früheren Wege für
einen starken künstlerischen Individualismus
kein Weiterkommen denkbar wäre, insofern
die gothischen Kathedral-Fenster schlechter-
dings nicht zu übertreffen sind: der ursprüng-
liche Anstoss zu dieser Wendung ist höchst
wahrscheinlich in der Freude an dem neuen
Materiale, dem »Opalescentglas« zu suchen,
in der, auf ein ganz richtiges Stilgefühl zurück-
zuführenden Lust, die Vorzüge dieses, ganz
neue, unvergleichliche Farbenreize darbieten-
den Stoffes künstlerisch wirksam in Szene
zu setzen. Daher die Vergrösserung des
»Elementes« dieses durchsichtigen Mosaiks,
des einzelnen Glasstückes, daher dann
weiter die Vergrösserung des Bild-Maassstabes
überhaupt. Diesem Streben kam die Ent-

wickelung der Plakatkunst von selber halben
Weges entgegen. Aus ihr gewann man den
Muth, die stilistisch einwandfreie Zeichnungs-
weise auch auf Darstellungsgebiete zu über-
nehmen , die ihrem seelischen Werth nach
einer Wiedergabe in starker Stilisirung nach
unserem bisherigen Empfinden widersprechen.

Jede Stilisirung, die die Erscheinung
eines Naturgegenstandes auf dessen bezeich-
nendste typische Form und Farbe zurück-
führt, ja, mehr, die nur den Rhythmus der
Linie, der Fläche und des Lichtes an diesem
Gegenstande der Hervorhebung und Nach-
bildung für würdig hält, vernichtet mehr
oder weniger das individuelle Leben des
Objektes. Ist dieses aber an sich ohne
Weiteres zu bedeutsam, als dass es hinten-
angesetzt werden könnte, so entsteht ein
Widerspruch zwischen Sinn und Wollen, der
ästhetisch vernichtend wirkt. Diese Grenze
liegt für das Empfinden verschiedener Per-

HANS CHRISTIANSEN.

Verglasung im Vestibulum eines Schlosses in der Charente.
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